Arme, verkannte Mountainbiker

Kürzlich verbrachte ich einige recht anstrengende Tage in den tief verschneiten Bergen. Ich füllte sie mit Schlitteln, Langlaufen, Kuchenessen und natürlich Skifahren. Skifahren ist schweizerdeutsch für Skilaufen, und, wer weiss, hinter diesem kleinen Unterschied steckt vielleicht der Grund, warum deutsche Ausdauersportler den schweizerischen in den meisten Disziplinen überlegen sind. Während wir erwarten, dass sich was von selbst bewegt, lauft ihr schon mal los. Wie dem auch sei: Auch dort, hoch oben im Pulverschnee, kam ich mit Velos in Kontakt. So kann es gehen im Leben!

Zum einen gab es in dem kleinen Wintersportort einen Veloladen. Er gefiel mir sehr, von aussen zumindest, nur war er jedesmal geschlossen, wenn ich vorbeikam. Zum anderen gab es dort einen kleinen Dorfladen mit Café, und darin gab es ein Bier, das den Namen des Veloladens trug, was ich ebenso innovativ wie lustig fand. Und schliesslich fand ich in unserer Ferienwohnung ein Mountainbikemagazin in einem Stapel von Zeitschriften, den der Hausbesitzer offenbar über Jahre dort angelegt hat für Tage, an denen seine Gäste den Fuss nicht in die Kälte vor der Tür setzen können.

Das Magazin war eine Ausgabe des „Ride“, drei Jahre alt. Ich fand darin einen Bericht mit dem Titel „Ökobilanz“ über eine Mountainbiketour in den Alpen . Der Titel hat in erster Linie damit zu tun, dass auf dem Höhepunkt der Tour eine Berghütte mit Solarpaneln steht. Er inspirierte den Autor, Ökologie zum roten Faden der Tour zu machen. Darum verzichteten er und seine Begleiterin konsequent auf isotonische Getränke, weil die in PET-Flaschen wer weiss woher gekarrt werden, und füllten ausschliesslich lokales Quellwasser in ihre Trinkblasen.

Als Leser ist man da so richtig schön eingelullt in die Hochgebirgs-Öko-Romantik, so dass einem dann beim Abschnitt „Mountainbiker sind per se schadlos“ sofort die Äuglein feucht werden. Wanderwege, so philosophiert der Artikel, sind ja für den Menschen da. „Wieso wird uns Mountainbikern denn bloss immer wieder vorgeworfen, schlecht für die Natur zu sein, wenn wir uns doch auf diesen ausgenommenen Flächen bewegen?“

Ja, wieso bloss? Vielleicht, weil die Biker es mit den Wegrändern besonders in Kurven – verständlicherweise – nicht so genau nehmen, wie folgendes Bild in derselben Ride-Ausgabe gleich dokumentiert?

„Wieso wird uns Mountainbikern denn bloss immer wieder vorgeworfen, schlecht für die Natur zu sein, wenn wir uns doch auf diesen ausgenommenen Flächen bewegen?“

Hat die Skepsis vielleicht damit zu tun, dass das Befahren von Wanderwegen mit Mountainbikes nicht immer ganz so gut gelingt, wie der Autor findet, beispielsweise wegen blockierten Hinterrädern vor Kurven? Auch das ist im Ride sauber dokumentiert:

Bremsrinne im Juvenil-Stadium. Wenn das nächste Gewitter vorbei ist, sieht das nochmal anders aus.

Wir haben aber Verständnis: besonders auf sehr abschüssigen Abschnitten gerät man leicht neben den Weg. Aber es sieht halt auch wirklich verwegen aus, sowas. Wie er mit dem Weg kämpfen muss!

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Ride ist aber kein einseitig gemachtes Blatt, wie man das nun vielleicht vermuten könnte. Ride setzt sich nämlich auch für die Wanderer ein. Mindestens ganz hinten im Heft:

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Wanderer verprügeln? Wieso denn auch?

Nun muss man wissen: In den meisten Schweizer Kantonen dürfen die Wanderwege ganz legal befahren werden (ich weiss, in Deutschland und Österreich sieht es teilweise ganz anders aus, leider. Das wäre ein anderes abendfüllendes Thema.). Es gibt immer mehr für Biker gebaute Flowtrails. Viele Strecken sind beschildert, und es gibt ausführliche Informationen dazu im Internet. Die meisten Postautos haben einen Heckträger für fünf Fahrräder, auf gut frequentierten Strecken hängt auch mal noch ein Anhänger für 20 Velos hinten dran. In den Mountainbikeregionen gibt es Eisenbahnwaggons mit nichts anderem drin als Fahrradhaken und Klappsitzen. Die meisten Bergbahnen transportieren anstandslos Bikes (nicht ganz umsonst, man ist in der Schweiz). Eigentlich ist der grösste Teil der gebirgigen Schweiz ein einziges Bike-Paradies. Sogar die meisten Wanderer haben sich mit den Bikern arrangiert, wenn auch nicht ganz alle (man ist in der Schweiz).

Und dann gibt es jede Menge Biker, Einheimische und Gäste. Einige davon tun sich ganz furchtbar leid. Mir irgendwie auch.

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Ein Gedanke zu “Arme, verkannte Mountainbiker

  1. Also ja. Die meisten Eidgenossen lieben ihr Velo, sei es ein Renn, VTT oder wasauchimmervelo mit alter Versicherungsplakette von annodunnemals. Deswegen sieht man vielleicht auch einiges entspannter als im Großkanton. Die haben zwar viele Velos im Haus, fahren damit aber eher spärlich.

    Wer sich richtig leid tun will, sollte mal in Paradisen wie Mumbai oder Shanghai radeln….

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