E-Bikes sind eine Tatsache, die uns vor grosse Herausforderungen stellen wird.

Im Zeitalter von Internet und permanentem Sonderverkauf haben wir alle verinnerlicht: Egal, was wir wollen, es ist sofort, überall und kostenlos zu haben. Breite Kreise in unserer Gesellschaft haben das zum Menschenrecht verklärt. Wir wenden das auch auf unsere Mobilität an: Es darf nichts kosten und muss ständig in hoher Qualität verfügbar sein; aus dieser Warte ist jeder Franken für ein Zugbillett eine Anmassung und ein Stau Folter und Unterdrückung. Konsequent weiter gedacht: wieso soll ich in die Pedale treten, wenn ich zur Erholung oder zum Einkaufen mit dem Fahrrad fahren will? Weil das technisch eine mittelprächtige Herausforderung ist, wurde das E-Bike (in Deutschland: Pedelec, was mir eigentlich auch besser gefällt) erfunden.

Ironischerweise sind es dieses Konsumdenken und die daraus geborene Erfindung E-Bike, die inzwischen ganz klar der Königsweg darstellen zu einem höheren Fahrradanteil am Individualverkehr und damit zu weniger Staus, weniger Unfällen und weniger Luftverschmutzung. Weil das so ist, haben sich inzwischen auch die meisten Mitglieder der velopflock-Zentralredaktion mit dem Velo mit elektrischer Tretunterstützung angefreundet. Warum das nur unter Murren und mit Verzögerung geschah, darüber müssen wir uns hier nicht unterhalten. Es war jedenfalls eine Entscheidung des Hirns, nicht des Herzens.  Auch Leber, Milz und beide Mittelfinger haben sie nicht mitgemacht. Aber egal! Denn das E-Bike ist da, das ist eine unveränderliche Tatsache, mit der wir Radfahrer uns arrangieren müssen, und alle anderen Verkehrsteilnehmer auch. Es ist auf den Mountainbiketrails schon fast so sehr angekommen wie in den Entwicklungsabteilungen der Fahrradhersteller, wo man für nichts anderes mehr Zeit hat als für die Optimierung des E-Bike-Angebotes. Was keiner so genau weiss, ist, ob oder wie sehr das E-Bike im Radsport angekommen ist.

Für jedermann sehr präsent ist es aber sicher auf den Radwegen und Radstreifen unserer Städte und Agglomerationen, dort, wo die meisten von uns radfahren. Ganz neutral betrachtet, unabhängig davon, was man vom E-Bike hält, war es schon immer absehbar, dass ein Konflikt besteht zwischen den potentiell schnelleren, zum Teil viel schnelleren E-Bikes und den Fahrrädern ohne Antrieb. Der Konflikt wird verschärft durch die sich verändernde Demografie des Velovolkes: Nicht nur, dass unsere Bevölkerung sowieso schon älter wird. Unter den E-Bike-Piloten sind auch überdurchschnittlich viele ältere Menschen und Quer- oder Wiedereinsteiger, die tendenziell eher einen Unfall bauen. Diese zunehmenden Unterschiede, vor allem in der Geschwindigkeit der sich begegnenden Verkehrsteilnehmer, birgt ein riesiges Unfallrisiko. An Meldungen wie die folgende werden wir uns gewöhnen müssen (aus dem Gratisblatt 20 Minuten):

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Damit soll keine Schuldzuweisung gemacht werden. Vielleicht war der 45-jährige ja der Unfallverursacher (Wieso gibt es noch keine rechte Bezeichnung für Nicht-E-Bike-Fahrer? Darf doch nicht wahr sein, sowas!). Die Meldung soll nur die Vermutung illustrieren, dass Kollisionen zwischen Velos mit der Beteiligung von E-Bikes heftiger werden.

Also auch velopflock als Neo-Freund des E-Bikes muss attestieren, dass grosse Probleme auf uns zu kommen. Noch verfügen unsere Siedlungen nicht im Ansatz über taugliche Wegnetze für Fahrräder, da fangen schon die ersten an, eigene Spuren für E-Bikes zu fordern. Reden wir hier mal nicht davon, dass die Herkunft des Stromes für den Betrieb eines E-Bikes ganz schön viel zu dessen eh schon zweifelhafter Ökobilanz beiträgt. Ein E-Bike braucht zwar nicht viel Strom, aber auch Kleinvieh macht Mist.

In diesem Blog wird immer wieder gerne der pädagogische Nutzen des Velofahrens hervorgehoben. Keine andere mit derart viel Spass verbundene Tätigkeit lässt einen gleichzeitig so gut Ausdauer und Beharrlichkeit lernen. Für das E-Bike gilt das leider nur in sehr eingeschränktem Mass.

Aber genug Trübsal geblasen. Zum Schluss noch etwas Erfreulicheres zum Thema Velo und Kollision, auch wenn diese Freude zugegebenermassen von zweifelhaftem Charakter ist. Falls Sie Freude angesichts des folgenden Videos unangebracht finden, dann lassen Sie sich halt von der puren Physik beeindrucken, die sich da manifestiert. Ich mein, schauen sie sich die Flugbahnen an! Mir gefällt gut, dass der Pedalör im Vordergrund am heiter-hellen Tag im australischen Outback mit Blinklicht unterwegs ist und dann doch beinahe in einen Unfall gerät.

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2 Gedanken zu “E-Bikes sind eine Tatsache, die uns vor grosse Herausforderungen stellen wird.

  1. Nun, ich habe mich hier ja schon mehrfach als S-Pedelecerin» (wie das tönt!) geoutet. Ich bin mein Leben lang schon immer «Bio-Bike» gefahren und habe seit 2014 erst ein S-Pedelec, 2015 dann habe ich zum ersten Mal kein neues ÖV-Abo mehr gekauft und fahre hier in Zürich eigentlich nur noch S-Ped. Bei den vielen Hügeln hier ein Segen und was soll ich sagen, es macht mir einfach Spass – trotz der eher lausigen Infrastruktur. Das schnellste Verkehrsmittel in der Stadt (und ich halte an roten Ampeln…)

    Die leidigen Mischzonen, die es hier überall gibt und zu äusserster Vorsicht mahnen, sind schon mühsam für reguläre Velos, da heisst es für mich auf dem schnellen E-Bike halt auch anpassen. Schneller als 25, 30 bin ich kaum unterwegs (3o ist aber ein tolles Tempo auf Strassen mit Tempo 30… keine idiotischen Überholmanöver mehr, da ich meistens mittig fahre.) In Zürich jedoch kann man nur noch Strom aus nachhaltigen Quellen beziehen, ich konnte mir das sogar von den Stromwerken (EWZ) fürs E-Bike zertifizieren lassen…

    «20 minuten» kann man bezüglich Velos eh nicht ernstnehmen. Dieser Unfall hätte genausogut zwischen zwei normalen Velos passieren können, man kennt ja nicht die Hintergründe. Aber es ist schon so, man muss sehr aufpassen, die meisten Autofahrer denken auch heute immer noch, jedes Velo sei mit so 15 km/h unterwegs, kommt mal ein Senior auf einem 25er-E-Bike daher, fallen sie aus allen Wolken – regelmässig wird die Geschwindigkeit unterschätzt, ich hoffe aber, dass sich das mit zunehmender Verbreitung der E-Bikes (bald hat jedes 3. Velo E-Unterstützung!) etwas bessern wird. Ich freue mich grundsätzlich über alle Velofahrer hier in der Stadt, egal ob mit oder ohne Unterstützung.

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