Das Image des Velos verbessern: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Es ist jedes Jahr dasselbe: kaum hat man sich damit abgefunden, dass der Sommer endgültig in den Herbst übergegangen ist, steht auch schon Weihnachten vor der Tür und räuspert sich ungebührlich und laut. Es will nicht nur, dass wir haufenweise Geschenke kaufen. Das wäre allein schon anstrengend genug. Nein, wohltätig sollten wir auch noch sein. Milde Gaben hier und dort machen, Patenschaften für alles Mögliche übernehmen, Mitglied werden in Vereinen. Das Angebot ist riesig, um nicht zu sagen unüberschaubar. Bevor Sie allzu viel Zeit damit verlieren, die geeigneten Empfänger für den Ablasshandel mit Ihrem Gewissen auszulesen, prüfen Sie das Naheliegendste: das Velo. Denn das Velo braucht SIE!

Das Velo selber hat ein Imageproblem. Mit der Automobilisierung der zivilisierten Welt nach dem letzten Weltkrieg wurde es lange Zeit nur noch als Spielzeug betrachtet. Entsprechend sehen heute in vielen Ländern ausserhalb Hollands oder Dänemarks die Fahrrad-Infrastruktur der Städte und die Fahrzeugpärke der Haushalte aus.

Mit dem Fitnessboom der Achtziger und dem Körperkult der Nullerjahre wandelte sich die Sichtweise bei weiten Teilen der automobilen Gesellschaft. Das Fahrrad wird von diesen Leuten nun als Sportgerät wahrgenommen, für das man als erstes Zubehörteil, noch vor gelgepolsterten Handschuhen oder einem Schloss, eine Transportvorrichtung am Auto kauft. So kann der motivierte Feierabendsportler sein Mountainbike nach Feierabend komfortabel die paar hundert Meter fürs Training zum Stadtrand karren.

Aber das ist eine andere Geschichte. Benutzerinnen und Benutzer des Velos haben nämlich ein noch grösseres Imageproblem als ihre Maschine selber. Das drückt sich einerseits darin aus, dass keine Diskussion über den innerstädtischen Verkehr älter als zweieinhalb Minuten wird, bevor jemand feststellt, dass kein Velofahrer Rotlichter respektiert. Ebenso schlecht ist der Leumund der Mountainbiker. Diese, wissen die Medien und die Fussgänger (und diese vor allem aus den Medien) erschrecken gern Wanderer, krachen grölend durchs Unterholz und überfahren auch mal kleine Hunde. Drittes und willkürlich letztes Beispiel: Velofahrer parkieren (in Deutschland: parken) ihr Vehikel, wie es ihnen grad in den Sinn kommt. Ohne Rücksicht, Anstand oder Disziplin. Gerade so, wie der Hund Ihres Nachbarn sein Geschäft dort fallen lässt, wo es gerade will. Bloss wischt keiner auf hinter dem Velofahrer, und das führt zu schlechter Stimmung in den Städten, die arg unter Bevölkerungsdruck leiden.

Das ist leider die Ausgangslage heute. Man kann sich über die Vorurteile, welche teilweise hinter dieser Wahrnehmung des Velos stecken, ärgern und selber über Wanderer oder Autofahrer schimpfen. Die andere Möglichkeit: man geht die zweifellos vorhandenen Missstände an, die ebenso für den schlechten Ruf der Velo fahrenden verantwortlich sind. Dafür hat man wiederum zwei Möglichkeiten. Die erste wäre, die fehlbaren Velofahrer umzuerziehen. Die Erfolgsaussichten sind ähnlich gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz im selben Jahr den European Song Contest gewinnt, Fussballweltmeister wird und der Europäischen Union beitritt. Daher drängt sich die andere Option irgendwie auf: mit gutem Beispiel voran gehen. Und zwar demonstrativ, das heisst: extra zu Demonstrationszwecken und in übertriebenem Mass das gewünschte Verhalten zeigen. Das beeinflusst weniger die Falschparker, Raser und Rotlichtsünder, als dass es den anderen Verkehrsteilnehmer ein Zeichen gibt: Es gibt auch andere Velofahrer! Freundliche, vernünftige, rücksichtsvolle. Solche mit Menschenverstand, Verantwortungsgefühl und offenen Augen.

 

Dieses Zeichen zu setzen ist gar nicht so schwer:

  • Fahren Sie mit dem Fahrrad an einem der kommenden Advents-Einkaufssonntage zu einer Fussgängerzone in der Innenstadt – bitte eine ohne Fahrverbot und nicht gerade die belebteste, sonst geht der Schuss hinten raus – und rollen Sie in grosszügigemem Abstand zu den Fussgängern im Schritttempo durch die shoppenden Massen. Immer schön langsam, ausweichend, fröhlich grüssend. Die Fussgänger werden nicht umhinkönnen, Ihre Rücksichtnahme anzuerkennen.
  • Begegnen Sie einer Taschen schleppenden Dame, steigen Sie ab und bieten Sie an, Ihre Taschen ein Stück weit auf dem Gepäckträger oder am Lenker zu transportieren. Dazu sollten Sie allerdings das Fahrrad neben der Dame herschieben, sonst wird das nichts mit der Imagekorrektur.
  • Fahren Sie zu zweit nebeneinander, und wenn ein Wagen von hinten naht, verziehen Sie sich rechtzeitig und flink hinter Ihren Nebenmann. Nebeneinander fahren ist kein Kapitalverbrechen und könnte durchaus toleriert werden – wird es aber leider meist nicht, weil es auch nicht gestattet ist, daher liegt hier besonders viel Potenzial zur Imageverbesserung.
  • Unternehmen Sie nochmals eine Ausfahrt mit dem Mountainbike, und zwar auf einem auch von Spaziergängern oder Wanderern besuchten Weg. Wenn ein Fussgänger in Ihr Blickfeld tritt: Absteigen oder ausweichen, samt Bike zur Seite treten, grüssen, nach dem Befinden fragen, das Wetter oder die kluge Routenwahl loben – das Gespräch wird in Gang kommen.
  • Überhaupt: geben sie sich einen Tag in der Woche Mühe, die Verkehrsregeln einzuhalten. Besonders gut wirkt das in Situationen, in denen niemand direkt profitiert: am Fussgängerstreifen anhalten, auch wenn Sie locker vor der Wartenden hätten vorbeifahren können, ohne sie zu behindern. Handzeichen geben, auch wenn es nur der Gegenverkehr oder die Fussgänger sehen, die es eigentlich nichts angeht. Und, natürlich: am Rotlicht warten, auch wenn kein Verkehr Sie am Queren der Kreuzung hindern würde.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, weitere publikumswirksame Aktionen zu erfinden. Das Schöne daran: das kostet nur ein wenig Zeit, Konzentration und vielleicht Überwindung. Das allermeiste ist aber sowieso nur ein Gebot des Anstands oder des Gesetzes. Und das Allerbeste: man kann es erledigen, während man Velo fährt!

Natürlich darf man von solchen Charme-Offensiven keine sofortige Wirkung erwarten. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, analog zu „Steter Tropfen höhlt den Kopf“, wie der Erfolg der privaten Fernsehsender bestens zeigt. Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie ein neuer Mensch werden. Machen Sie so viele persönliche bike awareness days (gefällt mir, der Ausdruck!), wie Ihnen passt. Jeder zählt. Und wenn es nichts nützt, haben Sie immerhin auf dem Velo gesessen, und das allein ist doch ein grossartiges Erlebnis.

Wem das jetzt zu sehr nach Selbstaufgabe, Heuchelei, Biederkeit oder Kuschen klingt, dem sei gesagt: Damit hat das nichts zu tun. Nimm doch einfach dein Fahrrad, schnall es an dein Auto und fahr damit nach Sibirien, Alaska oder in die Antarktis. Dort bist du besser aufgehoben. Danke.

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