Lauter Missverständnisse!

Heute war ein besonderer Tag für mich. Auch für das ganze Land, denn die Schweiz durfte wieder einmal abstimmen. Es ging um drei Initiativen und zwei Referenden. Für Nicht-Schweizer: Mit einer Initiative verlangen Stimmbürger die Einführung oder Änderung eines Gesetzes- oder Verfassungsartikels, mit einem Referendum wollen sie eine solche verhindern, welche das Parlament beschlossen hat. Das Besondere, ja Historische an der Sache: Ich habe in vier von fünf Fällen gewonnen, und im fünften wollte ich gar nicht gewinnen, sondern mit meinem Votum nur ein Zeichen setzen und die Diskussion anheizen. Krass strategisch, was? Dieser Erfolg zeigt, dass es sich lohnt, seine politische Überzeugung ab und an zu wechseln. Zum Beispiel vor jedem Abstimmungstermin.

Im Speziellen freut es mich, dass die so genannte „Milchkuh-Initiative“ mit 71 % der Stimmen und in allen Kantonen abgelehnt wurde. Ursprünglich war ich für die Initiative, weil ich sie mit der Hornkuh-Initiative verwechselt hatte. Diese will das Absägen von Hörnern von Rinderschädeln mit monetären Anreizen unattraktiv machen, was ich aus landschaftsschützerischen Gründen begrüsse. Daraufhin ging ich, bis heute am späteren Nachmittag, davon aus, dass die Autofahrerlobby mit der Milchkuh-Initiative die staatliche und gesellschaftliche Anerkennung von Autofahrern als Rindviecher anstrebte. Dieses Ansinnen konnte ich allerdings ebenfalls unterstützen, denn die Ähnlichkeiten der beiden Gruppen liegen auf der Hand: Auch Autofahrer besitzen einen ausgeprägten Herdentrieb, weshalb sie sich gerne in Staus auf Autobahnen, Einfallsachsen oder Innenstädten aneinander drängeln. Weiter stossen sie ebenfalls klimawirksame Gasen in rauen Mengen aus, zusammen mit anderem Dreck, und sie glotzen genau wie Kühe mit undurchdringlichem Blick in die Gegend. Weshalb ausgerechnet eine Anerkennung als Milchkühe gefordert werden sollte, erschloss sich mir nicht. Kampfkühe wären da naheliegender gewesen, und der Schweizerische Dachverband der Züchter der berühmten Eringerrasse wäre sicher bei der Unterschriftensammlung gerne behilflich gewesen. (Foto: Armin Grässl)

Eringer by Armin Grässl

Aber eben, heute Nachmittag erzählt so ein Nachrichtensprecher am Radio, dass es weder um Hörner noch um Rassen gegangen sei. Vielmehr kamen sich einige traumatisierte Autolenker vor, als ob sie gemolken würden, weil sie zweimal täglich auf der Autobahn herumstanden in einem Auto-MOBIL, und das nicht auf freiwilliger Basis. Kühe stehen ja auch beim Melken. Einer von ihnen kam dann auf die Idee, dass man mehr Geld brauche, um mehr Strassen zu bauen. Vielleicht, um mehr Privatsphäre beim Gemolkenwerden zu schaffen, wer weiss. Jedenfalls gaben die Initianten ihrer Initiative den schmissigen Namen „Milchkuh-Initiative“ und gründeten, das ist so üblich, ein Initiativ-Komitee, in welchem neben drei Frauen vierundzwanzig Herren sassen, darunter Autoimporteure, Rennfahrer und Minnarett-Phobiker. Vielleicht auch Landwirte, aber erkennen kann ich keinen auf der Liste. Neben Namen und Komitee hatte die Initiative auch einen Inhalt, und der ging so: weil es in der Schweiz zu wenige Strassen gibt (oder zu viel Verkehr, wie man’s nimmt), soll das ganze Steuergeld, das man den Autofahrern und -stehern beim Tanken abnimmt, in den Strassenbau investiert werden. Und nicht nur die Hälfte davon, wie bisher. Wem das nun etwas konfus vorkommen sollte, weil ja mehr Strassen eher mehr Verkehr als weniger bringen, der weiss sich seit heute Nachmittag immerhin in guter Gesellschaft. Übrigens: wenn Urnengänger zur Urne gehen, dann fahren Velofahrer wohl zum Velo, aber womit? Benutzen sie etwa ein Auto dafür und verschulden damit die ganze Misere? Das Initiativkomitee war aber gar nicht nachtragend und versprach, den Velofahrern trotzdem was von der ganzen Benzin-Kohle abzugeben (siehe oberstes Licht an der Ampel):

Milchkuh-Ampel

Genau. Und Donald Trump wird nach seiner Vereidigung als erstes die Hälfte seines Vermögens für den Bau neuer Moscheen spenden.

Na ja, ist ja nichts passiert wegen meinem Missverständnis. Ich habe mit Nein gestimmt, weil ich der Meinung war, die Autofahrer sollten sich allgemeiner als Rindviecher registrieren lassen. Zum Glück trifft meine Antwort zufälligerweise auch auf die tatsächliche Fragestellung zu.

Damit aber noch nicht genug der Missverständnisse an diesem historischen und an sich erfreulichen Wochenende: Am Freitag, streng genommen gehört der ja auch schon zum Wochenende, wenn auch nur die Arbeitswoche betreffend, am Freitag war der weltweite Tag des Fahrrads. Damit halte ich es wie mit dem Muttertag: Ich ehre und respektiere meine Mutter und die Mutter meiner Kinder das ganze Jahr über aufs Äusserste, helfe, wo ich kann, ermuntere, tröste, lobe, mache Geschenke und tue Gefallen, und stelle  mich deshalb auf den kecken Standpunkt, damit erübrige sich eigentlich ein spezieller Muttertag, denn was ist der Mutter, wenn es ihr wegen mir nicht so gut geht, schon mit einem einzelnen nach ihr benannten Tag geholfen? Mindestens die Mutter meiner Kinder geht da mit mir einig, und ich bin sicher, das würde auch mein Fahrrad tun, wenn es sich mir mitteilen könnte. Mein Velo braucht von mir regelmässige Reinigung, zuverlässige Wartung, artgerechte Parkierung, gefühlvolles Schalten, Rücksicht auf seine Schmutz- und Salzwasserempfindlichkeit und meinetwegen ab und zu eine neue Glocke, mehr Reflektoren oder einen frischen, prall gepumpten Reifen. Aber nicht einen Blumenstrauss am dritten Juno.

War aber falsch gedacht! Ich hatte zwar in letzter Zeit diesen Blog vernachlässigt infolge einer Regendepression, was sich in tristen Besucherzahlen niederschlug (pun intended), aber just am dritten Juni, dem Tag des Fahrrades, schossen diese in die Höhe (über die Zahlen lege ich den Mantel des Schweigens, das gebietet mir meine Bescheidenheit, aber die relativen Grössen der Balken sprechen für sich):

Statistik

Da haben sich also offenbar ganz viele Leute die Mühe gemacht, nachzuschauen, was velopflock Interessantes zum Tag des Fahrrades von sich geben würde, und was erwartete sie? Nada, gähnendes gestriges Zeugs. Ich kann die Enttäuschung dieser Menschen gut erahnen, denn mir war Ähnliches passiert, als ich eines Morgens Ende der Achtzigerjahre den Velokeller des Mietshauses betrat, in dem ich gerade wohnte (wohnen tat ich im Haus, nicht im Velokeller) und feststellte, dass mein noch recht neuer Brooks-Sattel (schon damals!) samt Stütze nicht mehr im Sattelrohr meines Velos stak. Glaubt mir also mein Bedauern, liebe Leser, aber versteht auch, dass ich nicht so recht an „Tage“ glaube (siehe oben). So ein Velo ist schliesslich einfach ein Gebrauchsgegenstand, wenn auch der schönste, praktischste, ehrlichste, nützlichste und glücklichmachenste auf der ganzen grossen Welt. Und darüber will ich auch in Zukunft ganz viel schreiben, das verspreche ich. Kommt also trotz dem Loch am dritten Juni bald wieder hier vorbei und lasst euch überraschen. Dannzumal erfreulich, hoffe ich doch. Chapeau!

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