Wikinger auf dem Velo

Trübe Zeiten für Velofahrer: Ein alter Dopinghase gewinnt den Giro d’Italia, der Sommer kriegt erst sein Hinterteil nicht hoch und übertreibt es anschliessend dermassen mit der Hitze, dass Velosportler von ihrer Umgebung ein Kopfschütteln ernten wie sonst nur Basejumperinnen, die im neunten Monat schwanger sind. Und dann noch dies: Im einschlägigen Fachblatt „Sonntagsblick“ (einschlägig heisst hier: würde der Titel eingestellt, ware die Schweizer Medienlandschaft mit einem Schlag eine bessere, anständigere und wahrhaftigere) attestiert ein Verkehrspsychologe, dass die Velokuriere zur Verrohung beitragen. Verrohung wessen? Das muss der Leser leider selber aus dem Zusammenhang ableiten, aber es dürften die Sitten auf den Strassen sein. Wir aber glauben: roher als roh geht irgendwann gar nicht mehr.

Jedenfalls ist bei einigen von uns die Verrohung so weit fortgeschritten, dass sie sich im ständigen Krieg wähnen und darum auch ständig einen Helm tragen. Dagegen ist selbstverständlich gar nichts einzuwenden, gegen das Helmtragen. Möglicherweise schützt ein Helm seinen Träger vor Kopfverletzungen, auch wenn das angeblich nicht ganz schlüssig nachgewiesen ist.

Seltsam wird es aber, wenn Helmträger von der gesamten radfahrenden Mitmenschheit fordern, dass sie ebenfalls stets einen Helm aufhaben, wenn sie sich einem Fahrradbloss nähern. So, dass der Helm zum Markenzeichen der Velofahrer wird, wie es seinerzeit bei den Wikingern der Fall war. Diese trugen auch immer einen helm, wenn sie ein Land überfielen. (Heute überfällt fast nur noch Russland ein anderes Land, und dort fährt ja keiner Rad, weshalb der Vergleich dort besonders Sinn macht.) In den Ländern, in welchen die Helmtrage-Freaks mit einem Helmobligatorium gescheitert sind (und das sind bis dato gottlob die meisten), versuchen sie die Helmtragequote mit sozialem Druck in die Höhe zu treiben, egal wie hoch die Quote bereits ist. So auch in der Schweiz: In Leserbriefen werden Leute verunglimpft, die ohne Helm ein Velo bedienen. Und wehe, auf dem Titelbild des velojournal wird so ein Harakiri-Pilot ohne Helm abgebildet, dann ist die Leserbriefseite für die folgende Ausgabe auch schon gemacht. Auch von Behördenseite wird da massiv Druck gemacht (alle Bilder stammen aus Helmtragekampagnen):

Helmkampagnen
Helmkampagnen

Die Message ist klar: Velofahren ist so unglaublich gefährlich, dass man – wenn man es denn wirklich nicht lassen kann – wenigstens alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen treffen muss. Später werden dann mit ähnlichem Aufwand Kampagnen gefahren, die zum Velofahren anregen wollen, damit die Übergewichtigen nicht zahlenmässig das Übergewicht in der Bevölkerung gewinnen.

Wer ohne Helm Velo fährt, wird heute unverzüglich als verantwortungsloser Dummbatz gebrandmarkt und mit Freeskiern und Drunkdrivern in eine Schublade gestopft. Eigenverantwortung? War gestern! Die Studie, welche besagt, dass Helmträger nachweislich weniger vorsichtig unterwegs sind als Nicht-Helmträger, gibt es sogar schon seit vorgestern. Trotzdem ist sie noch nicht so veraltet, wie es Toleranz gegenüber Mitmenschen derzeit zu sein scheint. Letzteres zeigt sich übrigens ebenfalls auf der Leserbriefseite von velojournal, wo auch Rapha-Trikot-Träger (Anm. d. Red.: Rapha ist ein Radmode-Label aus England, welches Velomode vornehmlich in dunklen Farben und schlichtem Design herstellt) der Lebensmüdigkeit bezichtigt werden, weil sie für andere Verkehrsteilnehmer nicht sichtbar seien.

An dieser Stelle muss eines klargestellt werden: Der Schreibende trägt auf ca. 95 % seiner Velokilometer einen Helm. Möglicherweise schützt er einen ja wirklich. Und die heutigen Modelle sehen einigermassen aus, sind leicht und komfortabel. Da kann man leicht sagen: Nützt es nichts, so schadet es nichts. Und ein Sturz mit dem Velo ist angesichts der Sitten im Strassenverkehr eher wahrscheinlicher, als dass ein anderes Team als der FC Basel Schweizer Fussballmeister wird. Ist leider so. Wegen der Sitten und wegen der Meisterschaft, beides gleich traurig. Helm auf ist ein Reflex.

Und trotzdem: Jeder muss selber wissen, ob er den Topf aufsetzt oder nicht. Und wenn einer das nicht tut, geht mir das dort vorbei, wo meist der Velosattel draufdrückt. Jeder darf machen, was er will. Darüber müssen wir erst diskutieren, wenn er mit seinem Tun meines einschränkt. Und komme mir nun keiner mit Gesundheitskosten, da haben wir weiss Gott grösseres Sparpotenzial.

Und ebenfalls trotzdem: Manchmal habe ich den Helm nicht dabei, wenn ich ein Velo aus der Reparatur hole. Oder ich fahre vom Dorf über einen Feldweg zum Bauernhof, wo mir allenfalls ein Traktor begegnet. Oder ich möchte mal wieder den Wind in den Haaren spüren. Oder meinetwegen mich wild und rebellisch fühlen. Oder ich möchte meine Frisur vor dem ersten Date etwas schonen. Es gibt hundert Gründe, mal auf den Helm zu verzichten. Und jeder und jede hat seine hundert eigenen, und die können allen anderen sowas von egal sein. Anders als beim Rauchen leide ich nämlich nicht darunter, wenn der Nebenmann seinem lasterhaften Oben-ohne-Radeln frönt.

In Ländern, welche ein Helmobligatorium für Velofahrer eingeführt haben, ging übrigens wenig überraschend die Anzahl der Fahrradfahrer zurück. Das hinderte allerdings den CVP-Nationalrat M.C. (Name der Redaktion bekannt) nicht daran, ein solches ausgerechnet für die Velofahrer von morgen, nämlich die Kinder und Jugendlichen, zu fordern. Für Erwachsene nicht, nein, aber da hatte es der Christdemokrat Candinas dann wenigstens mit der Ehrlichkeit: Er gab in einem Zeitungsartikel freimütig zu, dass ein entsprechender Gesetzesartikel es ihm erleichtern würde, das Tragen des Velohelms bei seinen Kindern durchzusetzen.

Übrigens: Neuesten Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu zufolge beträgt die Velohelmtragequote in der Schweiz 47 % bei Erwachsenen und 67 % bei Kindern.

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