Die Tremola verlangt Motorradfahrern alles ab!

Ich bin mit dem Fahrrad die Tremola hochgefahren. Es war anstrengend, aber auch sehr, sehr toll.

Das ist eigentlich alles, was ich mitteilen möchte. Wer noch mehr wissen will, kann die folgenden Abschnitte durchlesen und kriegt so noch weitere Informationen. Wer nichts weiter mehr hören will, kann jederzeit aufhören, denn das Wichtigste steht ja da oben. Bloss überspringen oder zwischendurch einsteigen geht nicht, dann kommt man nicht draus. Dieser Post ist also modular aufgebaut, wie so vieles in unserem Alltag: Weiterbildungskurse, Legohäuser oder Weltraumstationen. Los geht’s.

Modul I: Was ist die Tremola?

Die Tremola-Schlucht liegt an der Südseite des Gotthardpasses. Durch sie führt eine Kunststrasse mit 24 Haarnadelkurve. Und als ob das noch nicht genug wäre, trägt die Strasse einen Kopfsteinpflasterbelag aus Granit aus der Postkutschenzeit (der Granit als solcher dürfte sogar noch älter sein). Schlucht: Na ja, geht so, schliesslich geht es fast überall in den Alpen auf zwei Seiten aufwärts. Aber Tremola: Verdammt ja! Tremola muss nämlich denselben Wortstamm haben wie das italienische Wort für zittern: tremare. Das taten wohl die Passagiere der Postkutschen beim Anblick der Strasse. Und kurz darauf auch beim Befahren der Strasse, aber das Geholper waren sie zu Postkutschenzeiten ja gewöhnt. Dem puren Horror verdankt die Schlucht also ihren Namen.

Modul II: Warum die Tremola befahren?

Weil sie eine der zweitspektakulärsten Strassen in den Alpen ist. Zweitspektakulärst weil: Die Nummer eins, das ist der Stelvio mit seinen ACHTUNDVIERZIG Kehren. Teufel auch. Doppelt so viele wie die Tremola. Die Tremola ist dafür ein wichtiger Teil des Gotthard-Rütli-Reduit-Landesverteidigungs-Mythos, das südliche Gegenstück zur Teufelsbrücke, könnte man sagen (wenn man wollte, aber was würde das bringen?). Also muss ein wackerer Schweizer Radfahrer sie einmal im Leben befahren haben. Sogar Eugen, Wrigley, Eduard und Bäschteli aus dem grossartigen Jugendbuch „Mein Name ist Eugen“ haben das im zarten Alter von zwölf oder so geschafft.

Modul III: Das Logbuch

Nun, wo ich sowohl aus dem Delirium der Anstrengung wie auch aus der Intensivstation des Krankenhauses raus bin, möchte ich euch ein paar meiner Eindrücke nicht vorenthalten. Der Einfachheit halber in Form eines Logbuches, wobei auf eine Einleitung nicht ganz verzichtet werden kann, und die geht so: Weil ich die Alpennordseite bewohne, die Tremola aber auf der Alpensüdseite liegt, musste ich erst mal über den Gotthardpass rüber. Und weil ich kein kleiner Bub mehr bin, habe ich das auch mit dem Fahrrad erledigt, und nicht mit dem Zug. Ich bin also nicht mehr ganz frisch, als ich mich von Süden dem Biest nähere. Es ist ein heisser, wolkenloser Tag Ende Juni. Es herrscht wenig Verkehr in der Schlucht, vor allem Motorradfahrer (siehe auch Modul IV). Auf der Passhöhe allerdings das übliche Rambazamba. Ich fahre leicht – genau! – zitternd in die Schlucht ein.

Kurve 1: Tatsächlich zeigen die Scheitel der Kurven mit ungerader Nummer nach Norden, wie schon auf der Karte zu erkennen war. Das macht das Zählen leichter. Kurve 2: Zitterte schon zu Beginn ein wenig aus Respekt vor den 24 Kehren, nun zittere ich wegen dem Geholpere auf dem Kopfsteinpflahahaster. Sind sieben Bar Reifendruck hinten zu viehiehiel? Kurve 3: Was klappert denn da unten am Rahmen? Kurve 4: Ist es unehrenhaft, in der fein betonierten Wasserschale entlang der Strasse zu fahren? Kurve 6: War das jetzt Kurve 4? Kurve 8: Zweifel, ob das eine schlaue Idee war, den Kurven Nummern zu geben. Acht von vierundzwanzig ist irgendwie deprimierend, wenn man so schwitzt wie ich gerade. Kurve 11: Gewöhne mich langsam an das Kopfsteinpflaster. Kurve 12: Verliere den Faden beim Zählen, genau wie jeweils im Hallenbad und im Pub. Kurve 13: Schon Kurve 13! Werde leicht euphorisch und fühle mich wie Marco Pantani am Giro 1999, als er die Kehren nach Madonna di Campiglio hinaufflog und alle andern stehen liess. Er war aber gedopt, und das bin ich nun wirklich nicht. Kurve 14: Fühle mich wie Tom Simpson, der an der Tour de France 1967 am Mont Ventoux unter frappant ähnlichen äusseren Bedingungen, wie sie heute herrschen, vom Rad herunterkollabierte und kurz darauf starb. Anders als Tom Simpson würde ich den Helfern aber nicht zumurmeln, sie sollen mich gefälligst wieder aufs Rad setzen. Tsts, die Briten. Simpson war auch gedopt. Wäre mir zu anstrengend bei der Hitze. Kurve 15: Fühle mich nun doch eher wie Reinhold Messner. Der ist in den Bergen immer zu Fuss unterwegs, und das möchte ich gerade auch gern sein. Hätte ich doch gedopt! Kurve 16: Was für ein Knäuel von Strasse. Man verliert hier leicht die Orientierung, oder eine Kehre fällt einem auf den Kopf (vgl. Fig. 1). Kurven 17 bis 20: Die liegen so eng aufeinander, dass ich mich frage, ob man da überhaupt durchkommt ohne einen Klapprahmen, oder ohne das Velo von Hand zu drehen. Kurve 22: Hinten funkelt immer noch das Ritzelpaket, das ich heute frühmorgens frisch poliert habe; vorne funkeln so lustige Sterne. Kapier ich jetzt nicht. Kurve 23: Es ist die Trinkflasche, die da unten am Rahmen klappert, weil sie noch randvoll ist. Ich Amatör hab das Trinken vergessen vor lauter Staunen! Kurve 24: Wieso sind jetzt die Kurven aufgebraucht? Die Passhöhe ist noch nicht zu sehen! Bestimmt ist denen das Geld ausgegangen, und dann mussten sie den Rest der Strasse schnurgerade bauen. Glück für den Stelvio! Das Kopfsteinpflaster hört sinnigerweise bei der Cappella dei Morti auf, der Kapelle der Toten. An diesem Punkt scheinen die Strassenbauingenieure ein Einsehen mit den Reisenden gehabt zu haben. Hospiz: Zu viele Touristen. Nichts wie weg hier.

Modul IV: Nützliche Informationen

Die hübschen Granit-Poller, welche die Strasse im Abstand von ca. zwei Metern zueinander säumen, sind dazu da, um mit Klipp-Pedalen aufs Rad zu steigen. Man kann sich prima mit dem zweiten Fuss abstossen, wenn der erste schon eingeklickt ist. Ein Handy sollte man nicht mitnehmen in die Tremola. Man ist ständig am Knipsen und findet seinen Rhythmus nicht. Und zum Befahren der Tremola in talwärtiger Richtung empfiehlt sich ein Fatbike…

Modul V: Noch mehr nützliche Informationen

Die Tremola-Schlucht: „Ihr Kopfsteinpflaster-Belag verlangt jenen alles ab, die sich mit ihr messen: Motorradfahrer zum Beispiel, die den bekanntesten Alpenübergang der Welt als ultimatives Fahrvergnügen zelebrieren und auf der kürzesten Nord-Süd-Verbindung nicht die Direttissima wählen.“ Dieser lustige Satz steht auf der offiziellen Website der Uri Tourismus AG. Ist schon ein echtes Abenteuer, mit einem modernen Motorrad durch die Tremola zu fläzen. Die Tremola-Schlucht liegt ausserdem im Kanton Tessin, aber was soll’s. Auch mir als Velofahrer hat die Tremolaschlucht alles abverlangt. Aber auch ganz viel gegeben, zum Beispiel eine hübsche Salzkruste ums Gesicht (jetzt dämmert es mir, weshalb ich im Zug nach Hause allein im Abteil sass!), Rückenschmerzen und die Gewissheit, ein rechter Schweizer Velofahrer zu sein.

Modul VI: Figuren

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Fig. 1
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Fig. 2

 

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