Eine kleine Bildungsreise zum Auftakt

Das war’s also wieder fürs 2015! Der Teilchenbeschleuniger 2015 ist Geschichte. Wie jedes Jahr schreibe ich mir die grösste secondhand Velobörse der Schweiz so dick in meine Agenda, wie es mit den heutigen elektronischen Kalendern halt nur geht. Und im Gegensatz zu den letzten paar Ausgaben habe ich es dieses Jahr wiedermal geschafft, auch wirklich hinzugehen. Ganz standesgemäss mit dem Velo natürlich. Und als kleine Erziehungsmassnahme ordne ich an, dass meine Kinder mir und meiner nackten Ex hinterherpedalen und sich die Veloschau zur Horizonterweiterung aus der Nähe anschauen («Häää? Alte Veloteile? Wieso? Langweilig!»).

Vor der Roten Fabrik finden wir nur mit Mühe einen Abstellplatz für unsere Velos (wir sind wohl nicht die ersten). Beim Parkplatz duftet es intensiv nach oxydierendem Hanfpflanzenextrakt, was meine Tochter nicht ganz treffend einer Palme im nahen Garten zuschreibt. Ich kläre sie auf, schliesslich habe ich das ganze ja als Bildungsausflug legitimiert. Weiter geht’s, wir treten ein in die dunkle Halle. Bässe stampfen, Bier wird ausgedünstet, Menschen jeglicher Couleur wuseln durcheinander, ein Hund versucht seinen Schwanz vor den Füssen der Menschen zu retten, Kinderaugen werden gross – und ich werde zum Kind.

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Überall Veloteile. Und Velos. Neu, alt, gebraucht, und vorallem eins schöner als das andere. Ahhh… «Papa, was ist das?», «Wozu ist das gut?», «Papa!?», «Paaaapa!!», «Ja, äh, also, Moment, ich muss da mal kurz diese Kurbel…», «Nein, das ist ein Integralhelm, der ist nicht so praktisch für den Alltag, ist dir bestimmt auch zu gross. XS? Aha, ja, äh… nein, der passt nicht.» «Kaufst du mir den?»…

Die ganzen Velosachen absorbieren mich komplett, eine weitere Diskussion ist nicht möglich. Unglaublich schöne und scheinbar jungfräuliche Velos aus meiner Jugendzeit stehen neben einem Korb voller heruntergekommener Dreigang- und Rücktrittnaben aus der Kinderzeit meiner Eltern:

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Aber auch neues mit weniger Patina ist zu haben:

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Irgendwann fühle ich, wie sich mein Rausch langsam legt und die Gedanken wieder klarer werden. Und dann: «Papa, Papa, komm, komm, ich muss dir was zeigen…» Meine Tochter zieht mich durch die Menschenmasse und bleibt plötzlich strahlend stehen – und dann sehe ich es auch. Sandrini! Sagt mir nichts, aber ich verstehe, was die kleine Dame denkt.

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«Papa, baust du mir daraus ein Velo?» Der Rahmen ist schön. Und klein, etwa so wie meine Tochter nächstes Jahr. Und kostet gar nicht soooo viel. Nach viel anschauen (auch mit den Fingern) wird’s ernst: Rahmenhöhe? Achsbreite? Tretlagergewinde? Alles irgendwie ok. Die Vorstellung von einem 1978er Stahlrahmen für ein 2006er Kind gefällt mir. Nur: wenn die 2006er Fahrerin mit den Füssen am Vorderrad vorbei und mit den Zehen bis an den Boden reichen will, dann müssen 26″-Räder in den Zwergenrahmen rein, aber die Bremsaufnahmen sind für 28″ gemacht. Mist. Zum Glück kauft uns jemand den Rahmen vor der Nase weg. Das ist zwar schade, bewahrt mich aber davor, demnächst didaktisch-wertvoll erklären müssen, wie man ein zum Scheitern verurteiltes Projekt elegant im Velobastelkeller versanden lässt.

Später, zu Hause: «Hast du irgendwo einen alten Rahmen oder ein Rad, das ich in meinem Zimmer zur Dekoration aufhängen könnte?» Klar, habe ich. Lernziel erreicht.

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Ein Gedanke zu “Eine kleine Bildungsreise zum Auftakt

  1. Eigentlich finde ich es ja ganz wichtig, dass man seinen Kindern nicht seine eigenen Vorlieben aufs Auge drückt. Darum werde ich sie auch nie an ein Bruce Springsteen-Konzert mitnehmen. Natürlich können sie selber hingehen, wenn sie wollen, aber ich werde nicht aktiv. Beim Velofahren ist das aber anders. Das ist keine Vorliebe, sondern zählt zu den unbedingt zu vermittelnden Werten. So wie das Recht auf Unversehrtheit des Körpers. Sei also angemessen stolz auf deine Tochter!

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