Tschulligung!

Heute fahre ich also auf dem einzigen Radweg in der ganzen Stadt, der vollständig von allen anderen Verkehrsteilnehmern getrennt ist, auch von den Fussgängern, und denke an nichts Böses. Im Halbdunkel geht aber doch ein untrennbarer Fussgänger auf meinem Radweg, obwohl der Fussweg bloss eine Heckenbreite entfernt ist. Halb so schlimm, also klingle ich kurz, er macht Platz, ich sause vorbei, alles klar. Als ich auf seiner Höhe bin, spüre ich den Reflex, mich zu bedanken. Ich bin schliesslich ein höflicher Mensch, und bloss, weil er aus Versehen auf der falschen Seite der Hecke unterwegs ist, brauche ich ja nicht ausfällig zu werden.

Trotzdem ist mir das eingefahren, dass ich mich reflexartig beim Fussgänger bedanken wollte, dass er den Radweg frei gemacht hat für mich. Mir ist durch den harmlosen Zwischenfall  klar geworden: Wir sind viel zu anständig! Wir Velofahrer stehen zuwenig für unsere Rechte ein! Zum Beispiel, wenn wir uns gar nichts mehr dabei denken, wenn wenn der Stadtbus wie immer aus der Stoppstrasse herausfährt und uns den Weg abschneidet. Oder wenn wir uns auf unsere Nachfrage bei der Schulleitung nach Abstellplätzen für die Schüler in der Nähe des Schulhauses (nicht mehr oder bessere Abstellplätze, nein: Abstellplätze überhaupt!) mit irgendwelchen Floskeln abspeisen lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, der schwächere zu sein. Das sind wir nur in physikalischer Hinsicht, nicht aber in verkehrspolitischer. Da sind wir gleichberechtigt. (Ich war weder in Physik noch in Staatskunde eine Leuchte, aber soviel habe ich verstanden.)

Damit mich keiner falsch versteht hier:

  • Ich bin für einen freundlichen, respekt- und rücksichtsvollen Umgang unter allen Verkehrsteilnehmern
  • Ich bin für Toleranz und nicht für Prinzipienreiterei oder blindes Befolgen von stumpfsinnigen Regeln

Aber wenn ich auf der Strasse mit dem Velo unterwegs bin, wenn ich mit dem Velo zu einem öffentlichen Gebäude fahre, will ich meine Rechte wahrnehmen können und Platz zum Fahren und Platz zum Abstellen meines Velos kriegen. Viel mehr verlange ich nicht, aber auch nicht weniger. Da sollten wir Velofahrer selbstbewusster werden, bei allem Gebrüll über Radfahrer auf Trottoirs und an Rotlichtern. Schwarze Schafe gibt es, die sollen auch bestraft werden. Aber eine sachliche Diskussion darüber, wie der Langsamverkehr gefördert werden soll, muss trotzdem möglich sein.

Jetzt höre ich dann sicher ganz viele Geschichten über Velorowdies. Bin schon gespannt. Bei dem Fussgänger habe ich mich dann übrigens nicht bedankt. Warum sollte ich! Allerdings habe ich ihn auch nicht schief angesehen oder aggressiv angeklingelt. Warum sollte ich!

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Ein Gedanke zu “Tschulligung!

  1. In Italien gibts das Adjektiv „ciclopedonale“ (=velofussgängerisch, langsamverkehrerisch?).
    Ein Zeichen der Toleranz unter Gleichgesinnten (nicht öffentlichen Raum verschlingende Alleinautofahrer) in anderen Ländern.

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