Der Tiger im Tank

Als hätte ich es nicht schon immer gewusst: Velofahren ist ein Mannschaftssport. Wie konnte ich das vergessen?

Im letzten, zwar kurzen, aber dennoch kühlen und dunklen und versalzten Winter sass ich eines Abends wieder einmal auf der Rolle. Besser gesagt auf meinem Rennvelo, welches auf die Rolle montiert war. Ich liess mich von einem Podcast berieseln. The Bike Show aus London, auf Resonance.fm (thebikeshow.net), das beste, was man über das Thema Radfahren zu hören bekommt: Kultur, Technik, Politik, Kunst, Rennsport, Musik, alles rund ums Velo. Spendet Eure nächste Gratifikation / Erbschaft / Lottomillion diesem Privatsender, und ihr werdet es nicht bereuen. Oh, nein.

An jenem Abend aber war ich nicht allein auf der Rolle. Ein junger Kater war eben eingezogen bei uns. Er wusste noch nichts von Fahrrädern, auch nicht von Hinterrädern, die mit hoher Frequenz an Ort und Stelle rotieren. Mein Puls war deshalb schon zu Beginn des Trainings höher, als er bei Grundlagentraining sein sollte. Ich konnte den Kater nämlich nicht aus meinem Gym aussperren, weil sein Katzenklo dort drin steht, und er war ja eben erst am Lernen, dass dies sein Katzenklo sei und er es immer dort vorfinden würde, wenn ihn gewisse Zwänge befielen. Seine unvoreingenommene Neugier gegenüber meinem Hinterrad (ein Gefühl, das der Gümmeler bestens kennt: Ein Unbekannter am Hinterrad) veranlasste mich denn auch zu einigen beherzten Vollbremsungen, mit denen ich zweifellos mehrmals seine Schnauze rettete. Und meine auch, denn unsere Kinder hatten den Kater zu dem Zeitpunkt bereits fest ins Herz geschlossen.
Irgendwann verlagerte sich sein Interesse auf den Lenker, denn dort befanden sich auch meine Hände, und die bewegten sich gelegentlich, waren feucht und ein bisschen salzig. Es entwickelte sich schnell ein packendes Katz-und-Maus-Spiel, wobei ich meine Rolle wohl nicht näher zu erläutern brauche. Er versuchte, meine Hände zu packen, ich versuchte, auszuweichen. Es war mit Abstand die kürzeste Stunde, die ich je auf einem stationären Fahrrad zubrachte. Und sie war nicht so extensiv, wie ich mir das vorgestellt hatte. Durch die Hochspannung, unter der ich wegen der Bestie stand, erhöhte ich unbewusst die Trittfrequenz. Vom Podcast habe ich leider nichts mitgekriegt. Mein Unterbewusstsein möglicherweise schon, das funktioniert ja angeblich so. Aber das ist eben das Tolle an einem Podcast, ich kann ihn irgendwann wieder anhören. Ohne Raubtier, vielleicht.

Während sich die Haut an meinen Händen in den darauf folgenden Tagen regenerierte, machte ich mir ein paar Gedanken. Wieso war die Stunde so kurzweilig gewesen? War das das sprichwörtliche Tigerli im Tank gewesen, obwohl ich ja nicht mal einen Akku am Velo hatte? Und dann dämmerte es mir wieder: Velofahren, ganz egal ob als Ausdauertraining, als Rennsport, im Pendelverkehr oder auf Spazierfahrt, ist eigentlich ein äusserst sozialer Sport! Sozial in dem Sinn, dass es mehr Spass macht, mit anderen Leuten zu pedalen als alleine. Ist genau wie mit dem Essen. Man kann zwar mit Junkfood vor dem Fernseher alleine seinen Hunger stillen. Aber eine Tafelrunde mit guten Freunden bereitet deutlich mehr Spass und Genuss und bleibende Erinnerungen. Das habe ich noch jedes Mal so empfunden, wenn ich nicht alleine gefahren war. Nur war mir nicht immer klar gewesen, dass es die Gesellschaft war, die eine Runde zu etwas besonderem gemacht hat. Vorausgesetzt natürlich, erstens, man hat sich den Partner selber ausgesucht, und zweitens, es kommt nicht zu einer Rennsituation.

Diese Erleuchtung befiel mich so früh in diesem Kalenderjahr, dass ich sie spontan zu einem guten Vorsatz verwursten konnte: Ich nahm mir fest vor, diese Saison möglichst selten alleine Velo fahren zu gehen. Dadurch werden sich bestimmt viel mehr Kilometer zusammenläppern, womit jede Ausfahrt dank des besseren Trainingsstandes wiederum noch leichter fällt. Yeah! Jetzt muss ich nur noch ein paar Kumpels finden, und mein Weg in den Radsport-Olymp oder wahlweise auf eine Velo-Weltreise ist geebnet. Und Kumpels zu machen war ja noch nie so einfach wie im Zeitalter von Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Mein Kater kriegte eine Extraportion Brekkies, nachdem mir dieses Licht aufgegangen war. Ich selber gönnte mir zwei Bier und eine Tüte Chips. Die ganze Tretarbeit muss ja ich verrichten.

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