Wenn beim Schalten Naben walten (oder so)

Wohlan, es ist Zeit. Zeit, zu preisen und lobzuhudeln. Zeit, Fakten zu würdigen und mit Vorurteilen aufzuräumen. Denn die Velosaison steht vor der Tür (mindestens!), zusammen mit vielen willigen – kaufwilligen – Velofahrerinnen und Velofahrern. Und denen soll hier in aller Deutlichkeit gesagt werden: Wer beim Kauf eines neuen Velos nicht mindestens prüft, ob ihn eine Nabenschaltung glücklich machen könnte, der ist selber schuld an seinem Unglück. Oh doch, eine Nabenschaltung kann glücklich machen!

Aber eines nach dem andern. Das Wort „Nabenschaltung“ klang selbst in den Ohren von echten Liebhabern des Zweirads bis vor kurzem etwa so sexy wie „Stützstrümpfe“ im Gehör von modebewussten Sonntagsjoggern. Während aber Stützstrümpfe inzwischen an Triathlons oder Marathonläufen keinerlei Aufsehen mehr erregen, haben Nabenschaltungen immer noch eine handverlesene Fangemeinde. Wer Stützstrümpfe trägt, demonstriert nämlich höchste Seriosität (stimmt ja auch: keiner, der’s nicht wirklich sehr, sehr ernst meint mit seinem Sport, würde sich mit Stützstrümpfen an die Öffentlichkeit wagen, unter uns gesagt). Im Gegensatz dazu werden Benutzer von Nabenschaltungen immer noch gern als ewiggestrig belächelt.

Das hat seinen Grund vielleicht darin, dass hierzulande alle Velofahrer über fünfunddreissig auf einer Nabenschaltung schalten gelernt haben. Auf einer Sturmey-Archer-Dreigangschaltung, nämlich. Nicht zum Töten war die, weshalb sie jetzt auch in poppigen Farben und mit Starrlauf (doch, das gibt’s!) ein Revival feiern darf. Aber eben, mit den Achtzigern wurde die Kettenschaltung für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich. Waren bis dahin nur die ehrfürchtig „Halbrenner“ genannten Fünfgang-Velos oder die echten Rennvelos mit Kränzen und Umwerfern versehen, so wurden die Teile plötzlich an allen möglichen Velos verbaut. Egal, ob der Käufer mit dem Velo Kriterien fuhr oder Einkäufe von der Waro oder vom Usego nach Hause fahren wollte. Kettenschaltungen waren enorm angesagt. Erst recht Mitte der Achtzigerjahre, als das Mountainbike über Mitteleuropa hereinbrach und mit ihm der schlechte Geschmack (nur ein Stichwort dazu: Neonfarben). Gut möglich, dass in jener finstren Zeit gar keine Nabenschaltungen mehr hergestellt wurden.

Mitte der Neunzigerjahre hatte auch ich mich damit abgefunden, dass ich bei technischen Problemen mit meiner Dreigangschaltung zum Velomech im Schuppen hinter der Langstrasse musste, weil die durchschnittlichen Mechaniker keine Nabenschaltungen mehr reparieren konnten oder wollten. Das kam allerdings nicht sehr oft vor, denn, um es vorweg zu nehmen, technische Probleme und Dreigangschaltungen treten für gewöhnlich so oft zusammen auf wie Weihnachten und Ostern oder Hugo Koblet und Fabian Cancellara.

Damit sind wir auch bereits beim zentralen Punkt angelangt: Nabenschaltungen sind einfach besser. Mindestens, wenn man nicht rennmässig unterwegs ist. Möglicherweise aber auch dann. Argumente gibt’s haufenweise. Hier eine klitzekleine, willkürliche Auswahl, für jeden etwas:
Für Stadtradlerinnen, unterwegs ins Büro oder von der Maniküre nach Hause: Ketten fallen nicht raus, wenn sie nabengeschaltet werden. Schwarze Finger gehören damit der Vergangenheit an wie der Migros-Verkaufswagen im Quartier.

Für Gelegenheitsfahrer und Kinder: Nabenschaltungen lassen sich auch im Stand schalten. Man braucht sich also nicht bereits beim Bremsen zu überlegen, wie man später wieder auf Touren kommt, sondern legt einfach dann einen leichten Gang ein, wenn man ihn braucht.
Für Fernreisende, Faulpelze und Leute, die technisch nicht besonders bewandert sind: Eine Nabenschaltung muss man so gut wie nie warten oder reparieren. Ich habe zwar ganz ehrlich nur eine ziemlich diffuse Vorstellung davon, was in der Büchse drin abgeht, aber das muss mich auch nicht kümmern, denn ich werde mich voraussichtlich nie damit herumschlagen müssen, weil sowieso nie was kaputt geht. Wer sich aber schlecht fühlt, wenn er seine Schaltung nicht regelmässig mit einem Schaumbad verwöhnen kann, der nimmt halt mal einen Ölwechsel vor, sofern er ein Modell mit Ölbad hat. Für diese Klientel gibt sogar so was Schickes wie Winter- und Sommeröl!

Für Modebewusste, die ihr Velo auch in den hellen Sommerhosen benutzen wollen: An ein Velo mit Nabenschaltung kann man einen schwimmenden Rundum-Kettenschutz montieren, so dass man die Kette überhaupt nicht mehr sieht und folglich auch kein Kettenöl an die Hosenbeine schmieren kann.

Und, um jetzt mal eine Pause einzulegen, für Feinde von technischem Schnickschnack: Nabenschaltungen sind bedienerfreundlich. Es braucht nur einen einzigen Schalthebel. Nach zwei Minuten hat man verinnerlicht, in welche Richtung man drehen muss, um fixer oder entspannter zu pedalieren und kann sich Wichtigeren Aktivitäten zuwenden. Beispielsweise dem Beobachten des Verkehrs oder der Landschaft.
Solcherlei hat sich in den letzten Jahren auch in den Entwicklungsabteilungen der grossen Teilehersteller herumgesprochen. Seither sind Nabenschaltungen nicht mehr nur vom Tüftler oder auf der Teilebörse erhältlich. Es gibt sie mit sieben, acht, elf oder vierzehn Gängen in den meisten Modellreihen von Stadtvelos. Die Entdeckung des Zahnriemens für das Velo hat hier sicher geholfen, ebenso der Retrovelo-Trend.
Vierzehn Gänge (keine Namen hier, aber wer mehr wissen will: http://www.rohloff.de) sind zwar deutlich weniger, als die modernsten Kettenschaltungen mit ihren Kranzorgien anpreisen. Aber bei den Kettenschaltungen gibt es erstens ja die Gänge, die wegen der starken Überkreuzung der Kette nicht genutzt werden können, und zweitens die Gänge, die mehrmals vorkommen. Viel mehr als vierzehn bleiben da auch nicht übrig. Ganz abgesehen davon: viel mehr braucht der Mensch auch nicht, denn den Unterschied zwischen dem 23. und dem 24. Gang spürt man beim Fahren sowieso viel weniger als den Gegenwind im Gesicht, die letzte Mahlzeit im Magen oder die Tasche auf dem Gepäckträger.
Halt, eines hätte ich fast vergessen: Die Ästhetik! Kein Fahrrad wirkt so schlicht, edel, aufgeräumt, einfach anmutig wie ein modernes Hardtail-Mountainbike mit Nabenschaltung. Das muss man gesehen haben. Die ganzen Kabel, Hebel, Umwerfer, Kränze: Einfach weg! Reduce to the max! könnte man sagen, ohne leichtfertig zu sein. Es ist diese schlichte Optik, die dem genial einfachen Grundprinzip des Apparates Fahrrad genau entspricht.

Darum: Wer keine Rennen fährt und nicht auf jedes Gramm schauen muss (Obacht: Karbonprotze müssen nicht auf jedes Gramm schauen, sie wollen das einfach. Vielleicht wissen sie nicht, wohin sie sonst mit dem Geld sollen.), der dürfte mit einer Nabenschaltung mehr als nur zufrieden sein. Nämlich glücklich.

P.S.: Es gibt inzwischen auch Rennteams in der deutschen Cross-Country-Szene, die mit Nabenschaltungen unterwegs sind.

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