Im Rotlichtmilieu von Idaho, USA

Nein, keine Angst. Das wird keine Schmuddelprosa hier. Keine Freier, keine Stöckelschuhe, keine schummrige Beleuchtung. Obwohl die Beleuchtung von Velos zugegebenermassen recht häufig schummrig ist. Von Rotlichtern soll aber schon die Rede sein. Von roten Ampeln, um nun endlich konkret zu werden. Und von ihrer moralischen und philosophischen Dimension. Werfen wir zu diesem Zweck und zur Abwechslung einmal einen Blick in die amerikanische Provinz. Definitiv kein anrüchiges Thema, finde ich, aber ein aufregendes.

Vor etwas über einem Jahr war nämlich in einem amerikanischen Velo-Heftli eine interessante Nachricht aus Idaho zu lesen, einem Bundesstaat im mittleren Westen der USA. Idaho: Darüber wissen wohl die meisten von uns in etwa so viel wie über das Paarungsverhalten der Fruchtfliege. Schon mal gehört.  Idaho: The Gem State.  Gleich neben Wyoming und Utah. 1.5 Mio. Einwohner, fast nur Weisse, und ein wunderbares Wappen:

Idaho-Wappen

Ein richtiger Edelstein also, dieses Idaho. Und Idaho besitzt ein sehr progressives und landes-, wenn nicht weltweit einzigartiges Gesetz. Dieses besagt, dass Velofahrer Rotlichter überfahren dürfen. Doch, dürfen sie, und zwar auf eigene Verantwortung. Das bedeutet, dass sie niemanden verklagen können, wenn sie beim Rotlichtüberfahren selber überfahren werden. Immerhin werden sie aber nicht bestraft dafür, dass sie über ein Rotlicht drüber fahren, und das ist doch schon mal etwas.

Ich bin sicher, dass sich die Amerikaner, besonders die Provinzamerikaner, der Brisanz dieser Tatsache überhaupt nicht bewusst sind. Schliesslich leben sie im Land Of The Free. Wäre ein so geartetes Gesetz nicht in de Prärie, sondern in Old Europe eingeführt worden, so wäre es bestimmt zu einem Aufschrei der Empörung gekommen. „Sonderrechte für Velorowdies, die sich sowieso schon allerhand herausnehmen! Da fahren sie alle auf dem Trottoir, und nun wollen sie auch noch die Rotlichter ignorieren!“ „Wer die Strassen benutzt, soll sich gefälligst an die Regeln halten, und die sind für alle gleich!“ So und ähnlich hätten Mitbewerber um den Strassenraum, Kolumnisten und Leserbriefschreiber gedröhnt. Nun, dass sich Velofahrer um Rolichter foutieren — und zwar alle! Immer und überall! — wird ihnen seit jeher vorgeworfen. Es scheint fast, als habe man in Idaho diesen unerträglichen Zustand legalisiert, um aller Nerven zu schonen.

Wann immer irgendwo über Rechte diskutiert wird, taucht früher oder später das Argument „gleiche Rechte — gleiche Pflichten“ auf. Im konkreten Fall würden Autofahrer daher einfordern, dass Radler auf der Strasse schliesslich alles dürfen und daher auch alles müssen. Hier lohnt sich allerdings ein näherer Blick auf die herrschenden Verhältnisse! Haben Velofahrer auf der Strasse wirklich dieselben Rechte wie die Autos? Dürfen sie alles, was PWs dürfen? Mitnichten! Rechtlich vielleicht schon. Aber die Realität hinkt hier zur Abwechslung dem Recht hinterher. Denn: Velofahrer sind kleiner, leichter und manchmal langsamer als Autos. Sie sind ihnen darum physikalisch nicht ebenbürtig, können es nicht sein. Anders gesagt: Nur wenn Velos die Strasse im gleichen Mass nutzen dürfen wie Autos (in der Mitte der Strasse fahren, andere Verkehrsteilnehmer abdrängen), kann man von ihnen auch verlangen, dass die gleichen Regeln gelten wie für alle andern Strassenbenützer. Sonst aber muss es mindestens gestattet sein, darüber zu diskutieren, ob gewisse Verkehrsregeln für Velos nicht gelten sollen, für Autos aber schon.

Und es gibt gute Gründe für eine Ungleichbehandlung in diesem Fall. Erstens: Velofahrer kostet es einiges an Energie und Zeit, wenn sie ihren Untersatz an einer Kreuzung zum Stillstand bringen und wieder auf Reisegeschwindigkeit beschleunigen müssen. Zweitens: Ein Velofahrer, der sich einer Kreuzung nähert, hört mehr als ein Autolenker, weil er draussen sitzt und keine Musik hört und nicht telefoniert. Er sieht mehr, weil er weiter vorne und erst noch höher sitzt. Er kann also besser als ein Automobilist beurteilen, ob gleichzeitig jemand anderes auf die Kreuzung zusteuert.

Die gute Nachricht für die Autofahrer: Die Freigabe von Rotlichtern für Radfahrer kostet sie im Fall nullkommanichts. Keine Zeit, kein Benzin (hey, damit auch kein Geld, echt wahr!) und ruhigen Blutes betrachtet auch keine Nerven. Wenn nämlich die Radfahrer die Situation richtig beurteilen, ist ja nie ein Auto in der Nähe, wenn ein Velo bei Rot über die Kreuzung pirscht. Die Bevorteilung muss den Autofahrer also nicht wirklich kümmern, denn seine eigenen Rechte werden überhaupt nicht angetastet. Genau besehen hat er ja sogar was davon, wenn weniger Velofahrer an der Kreuzung stehen und sich bei Grün wacklig in den Sattel stemmen. Freiere Fahrt, nämlich! Eine klassische Win-win-Situation also, wie man auch ohne Wirtschaftabschluss unschwer erkennen kann.

Das Urteilsvermögen der Idahoer Radfahrer am Rotlicht ist übrigens durchaus intakt: In Idaho gibt es einer Studie zufolge nicht mehr Kollisionen mit der Beteiligung von Velofahrern an Rotlichtern als in anderen US-Staaten. Freude herrscht!

Aber ausser in Idaho ist das im Moment noch überall Zukunftsmusik, und Rotlichter sind selbstverständlich für alle Verkehrsteilnehmer tabu, auch für Velofahrer. Und als Ausdruck bürgerlichen Ungehorsams ist das Überfahren eines Rotlichtes wirklich denkbar schlecht geeignet. Ich würde so etwas nie tun. Stattdessen warte ich und träume in der Zwischenzeit von Idaho, zum ersten Mal im Leben. Der wilde Westen ist auch nicht mehr, was er mal war…

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