Ich bin auch ein Genussradler

Gerade eben hatten wir es hier bei uns von der Mode beim Velofahren. Die deutsche Sprache unterscheidet die Begriffe Mode und Modus, was ein Glück ist, denn sonst würde es diesen Post hier nicht gegeben, man stelle sich das mal vor! Was hat Modus, Plural Modi, mit Velofahren zu tun? Journal eines weiteren selbstlosen Selbstversuches.

WIr kennen das ja alle: Menschen verhalten sich in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise, welche sich von ihrem Verhalten in anderem Zusammenhang wahrnehmbar – für sie selbst und für ihre Umwelt – unterscheidet. Diese spezifische Verhaltensänderung ist temporär und wird häufig durch einen Reiz von aussen ausgelöst. Beispiel: Ein Mensch im Jugend-Stadium ist sozial veranlagt, sucht aktiv den Kontakt zu Mitmenschen seines Alters und braucht den Austausch mit seinen Freunden und engsten Verwandten. gibt man ihm dann ein Smartphone in die Hände, ist er nicht mehr ansprechbar, und seine Umgebung, sein eigenes Schicksal sind ihm herzlich scheissegal. Nennen wir solche situationsbezogenen Anpassungen des Verhaltens Modi, um uns etwas leichter unterhalten zu können, ja?

Über mich sagen gewisse Mitmenschen, ich sei ein anderer Mensch, wenn ich

  • Velo fahre: dann begänne ich, debil zu grinsen und mir vollkommen fremde Menschen freundlich zu grüssen (Stimmt, ist mir auch schon aufgefallen.)
  • einem Bruce Springsteen-Konzert beiwohne: dann vergässe ich mich komplett (Ich kann mich nicht erinnern, je an einem Bruce Springsteen-Konzert gewesen zu sein. Wovon reden die?)

Meine Persönlichkeit scheint also mindestens über einen Velo-Modus zu verfügen. Dieser kennt sogar noch die Submodi Genuss und Sport. In den Genuss-Submodus gelange ich, indem ich auf ein Fahrrad mit aufrechter Sitzposition steige:

(Symbolbild von Pexels.com)

Wobei der Genuss-Submodus auch fürs Pendeln und für Veloreisen programmiert ist, für Fahrten zum Einholen oder ins Kino.

Der Sport-Submodus kennt einen äusserst spezifischen Tigger: das Geräusch, das es immer macht, wenn mein Veloschuh in das Klickpedal einrastet. Dann fahre ich los wie von der Tarantel gestochen, bin umgehend müde und komme nach Stunden völlig abgekämpft nach Hause. Übersteuern kann ich den Sport-Submodus seltsamerweise nur, wenn ich mit meiner Frau (eine Gelegenheits-Genussfahrerin) unterwegs bin. Dann gehe ich es gemächlicher an, trotz Klickpedalen, und habe viel mehr Spass. Wie Velofahren ja im Allgemeinen, unabhängig von der Geschwindigkeit, in der Gruppe mehr Spass macht als alleine.

Aber gelegentlich wird mir das Fahren im Sport-Submodus zu viel. Dann fühle ich mich krank oder zumindest unfrei, wenn es in mir einfach macht, ohne zu überlegen. Kein guter Zustand! Darum beschloss ich kürzlich, den Sport-Submodus bewusst und alleine, also ohne die wohlwollende Hilfe meiner Frau, übersteuern zu lernen. So könnte ich mein persönliches Risiko von Herzversagen senken und mein Leben verlängern (egoistisch, ich weiss, aber lassen Sie mich doch in Ruhe). Einfach mal ein Training lang bewusst langsam zu fahren: mit dem Rennvelo ist das nicht möglich, so viel war mir klar. Wer ist schon gerne länger als unbedingt nötig in so einer unbequemen Sitzhaltung und in lächerlich bunter, enganliegender Kleidung in der Öffentlichkeit unterwegs? Schon eher ist eine ausgeprägte Genusstour mit dem Mountainbike denkbar. Meines hat zwei Klickpedale dran und wäre damit grundsätzlich für die Versuchsanlage geeignet. Aber es hat auch zwei Stossdämpfer, und damit es sich lohnt, diese mitzuschleppen, muss eine Mountainbiketour schon eine ergiebige Abfahrt und damit eine längere, anstrengende Bergauffahrt beinhalten. Nur im Sport-Submodus zu machen. Ich entschied mich deshalb, einen Selbstversuch mit meinem dritten Rad zu unternehmen, das Klickpedale trägt: dem Gravelbike. Zu überprüfende Hypothese: „Ich kann nicht gemütlich auf einem Velo fahren, wenn ich dazu meine Füsse in Klickpedale einklicken muss.“ (Forscher-Modus)

[Einschub, und wer ihn überspringt, versteht den Rest vom Post immer noch.] Das Prinzip Gravelbike ist das Nordic Walking und das Trailrunning der Veloindustrie: Eine Sportart, die mittels präzisem Marketing künstlich erschaffen wird und beim Konsumenten ein Bedürfnis weckt, das dieser nie gehabt hätte. Sowas wirkt sich förderlich auf den Umsatz aus, wenn man es gut macht. Und die Veloindustrie hat es ausgezeichnet gemacht! Fast so gut wie die Autohersteller, als sie das Sports Utility Vehicle oder SUV, auf deutsch das „Ich-könnte-wenn-ich-wollte-Fahrzeug“ erfanden. Man könnte mit einem SUV ja prächtig durch die sibirische Taiga oder über den Hindukusch fahren, wenn man Lust, Zeit und Musse hätte (hat man aber nie, also fährt man sein SUV bis dahin einfach vom Parkplatz auf die Autobahn und von dort direkt auf den nächsten Parkplatz). Die Gravelbiker machen grundsätzlich nichts anderes: Sie könnten mit ihrem Rad bikepacken gehen in Is-, Schott- oder Feuerland, auf Traumstrassen ans Meer oder über die Alpen nach Istanbul fahren. Bis es soweit ist, fahren sie ins Büro damit.

Damit das keiner falsch versteht: Wir haben rein gar nichts gegen das Gravelbike! Diese Redaktion fährt mehrere davon, regelmässig und mit Spass. Jeder Mensch, der sich auf ein Velo setzt, ist eine grossartige Sache, ganz egal, was seine unmittelbaren Beweggründe sind. Wirklcih, keine Ironie hier. Es ist einfach zu befürchten, dass die Menschen, die sich auf ein Velo setzen, weil es auf Instagram und in der Werbung für Velos gerade als extrem angesagt dargestellt wird, bald wieder absteigen, wenn ein anderes Gadget um die Ecke kommt. Und das ist dann schade ums Geld und ums Velo und um die Freude, welche die abgestiegenen Menschen mit dem Gravelbike noch hätten haben können. Aber letztendlich ist das ihre Entscheidung, ihr Geld, ihre Freude. Vielleicht bringen sie das Gravelbike ja zu einer Velobörse, und dann wird die Freude rezykliert, und alles ist gut. [Einschub-Ende]

Wenn wir gerade dabei sind: Viele verschiedene Velos für höchstens gleich viele verschiedene Einsatzzwecke zu besitzen, ist ein Wohlstandsphänomen. Eigentlich wäre es bereits im Wirtschaftswunder nach dem letzten gesamteuropäischen Krieg entstanden. Weil aber mit dem beginnenden Wohlstand für viele Menschen urplötzlich ein Auto erschwinglich wurde, verzögerte sich der Kaufrausch beim Velo um einige Jahrzehnte und wurde auch nie so intensiv wie beim Auto. Das zeigt sich in folgender Grafik deutlich: Im Krieg stieg der Veloverkehr deutlich an, vom darauf folgenden Autoboom hat er sich nie wieder erholt.

(Abbildung aus dem Buch „Velowende“ von P. Rérat, U. Wyss, M. Liebi und C. Lehmann. Rüffer & Rub, Zürich (2024))

Wenn nun plötzlich viele Leute ein neues Velo kaufen, weil es sich Gravelbike nennt: Umso besser! Das wird den Veloanteil am Modalsplit tendenziell steigern!

Ich schweife ab. Die Herausforderung bezüglich der inneren Funktionsmodi war wie gesagt: Mit dem Zwischending Gravelbike gemütlich rollen, auch wenn es Klickpedalen hat. Und nicht losfahren wie die gesengte Sau. Um das zu überprüfen, eignet sich eine bestimmte Strecke in der Nähe meines Wohnortes, mit geringen technischen und mässig hohen konditionellen Anforderungen und etwas Aussicht im Aufstieg, kurz: eine Mountainbiketour der ersten Stunde. In der Region ist sie bekannt als Tubel-Trophy. ‚Tubel‘ ist ein halbzärtlicher schweizerdeutscher Begriff für ‚Dummkopf‘ oder ‚Trottel‘. Der Begriff kam zu berechtigter Ehre in dem grossartigen und leider vollkommen zeitlosen Song Tubel-Trophy der Schweizer Mundart-Rockgruppe Baby Jail über einen strammen Schweizer, der sich für die Krone der Schöpfung hält und schliesslich im Dschungel verschwindet (un-be-dingt das Video anschauen! SchweizerInnen behalten die obere Postkarte im Ständer im Auge…).

Die erste Hälfte der Tubel-Trophy-Biketour ist flach und teilweise asphaltiert, dann folgen ein Aufstieg auf einer Forststrasse und eine Abfahrt, ebenfalls auf einer Forststrasse. Ganz kurz vor dem Kulminationspunkt gibt es eine kurze Schiebepassage, auf der man sein Rad auch schieben oder tragen kann, ohne sich komplett zum Affen zu machen.

Während sich viele ambitionierte Mountainbikerinnen und Mountainbiker über die Tubel-Trophy lustig machen, hat sie mir schon immer gut gefallen. Sie hat nämlich im Aufstieg landschaftlich ein bisschen was zu bieten. Die weite Aussicht beinhaltet zwar in erster Linie Infrastruktur: Autobahn, Gewerbeviertel, Felder der Intensivlandwirtschaft, eine Kehrichtverbrennungsanstalt (heisst offiziell so in der Schweiz) oder ein grosses Zementwerk. Dahinter aber sind Berggipfel zu sehen, und die nähere Umgebung wirkt beinahe mediterran mit ihren steilen Kalksteinwänden, Föhren, anderer Trockenflora und einer brütenden Hitze an sommerlichen Feierabenden.

Auf dem Flachstück der ersten Hälfte lief alles glatt: Ich trat eine niedrige Kadenz, genoss den Fahrtwind und schaute mir die vielen bunten Autos auf der Autobahn an, entlang welcher der Radweg leider verläuft.

Dann bog ich in den Anstieg ein und realisierte, dass der Versuch auf der Tubel-Trophy scheitern musste. Denn: mit den Übersetzungen meines Gravelbikes waren die steileren Abschnitte unmöglich im Alltags- oder sonst einem entspannten Submodus zu bewältigen. Das war Sportgelände, Wiegetritt und Schweiss, durchdrehendes Hinterrad und alles, was dazugehört. Bisher war ich die Strecke immer mit einem Mountainbike gefahren, und das war einigermassen gemütlich. Nun aber hatte ich zu kämpfen. Und das tat ich! Auf der Tubel-Trophy absteigen? Lieber umkehren, das Velo verkaufen und versuchen, unerkannt ins Ausland zu kommen, um ein neues Leben zu beginnen, mit Gesichts-OP und so (Ehre-Modus). Und ohne meine Frau nur noch im Sport-Submodus fahren und irgendwann einsam an Überanstrengung sterben, auf einer staubigen Landstrasse. Derart waren meine Gedanken (Drama-Modus).

Und dann war ich oben, schob mein Rad die paar Meter bis ganz oben (Ziegen-Modus) und fuhr über eine noch viel steilere Forststrasse zurück ins Tal, fuhr auch über das steilste Stück, über das ich mich Jahre zuvor nicht einmal mit einem Mountainbike wirklich getraut hätte (Hosenscheisser-Modus), wäre da nicht immer jemand hinter mir gewesen, der mich dazu zwang, mit seiner schieren Anwesenheit (Macho-Modus). In der Euphorie der nachlassenden Anstrengung nahm ich versehentlich sogar die Abkürzung über ein Stück Singletrail (Tubel-Modus), was ich auf dem Gravelbike nur knapp überlebte. Wenig später war ich wieder im Tal und fuhr zufrieden und entspannt nach Hause. Im Genuss-Submodus. Auf dem Gravelbike mit Klickpedalen! Ich hatte meine Modi also besiegt, war ein freier Mann (Wilhelm-Tell-Modus)! Zufrieden mit mir selbst, hielt ich vor einem Café an, belohnte mich mit einem schönen Stück Kuchen (Bonus-Modus), das ich auch gleich mit mir zusammen fotografierte (Selfie-Modus). Der Selbstversuch war gelungen, und Modi kenne ich seither nicht mehr (Verdrängungs-Modus): Hauptsache Velofahren – Just Ride! (Unracer-Modus)

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