Aktenzeichen: Velodiebstahl ungelöst.

Ein Tisch ist ein Tisch, überschrieb schrieb der Schweizer Autor Peter Bichsel (*1935) seine wohl bekannteste Kurzgeschichte, in der er darlegte, wie Sprache Bewusstsein schafft und soziale Beziehungen ermöglicht. Was er uns damals verschwieg: Ein Tisch mag zwar ein Tisch sein, aber ein Dieb ist noch lange kein Dieb! Was diese Tatsache mit dem Fahrrad zu tun hat.

Dieb ist nämlich nicht gleich Dieb, auf dieser leicht verständlichen Tatsache fundiert unsere Rechtsprechung, denn wer würde einem Ladendieb, der eine Tageszeitung gestohlen hat, um sich zu bilden und sich ein Bild von der Weltlage zu verschaffen, dieselbe Strafe aufbrummen wollen wie einem Politiker, der einer Zeitung sein Land verkaufen wollte, dabei aber erwischt wurde, weil er einfach ein bisschen doof ist? Eben. Um bei den Dieben zu bleiben: Mir gefällt es, gar noch feinere Unterscheidungen vorzunehmen. Es sollte hier zum Beispiel niemanden überraschen, dass in meinem persönlichen Strafgesetzbuch eine ungleich härtere Strafe für Fahrraddiebe vorgesehen wäre als für Autodiebe. Doch, ist so! Das hat zwei Gründe, einer betrifft die Motivation der Diebesperson und der andere den angerichteten Schaden.

Motivation: Wer ein Velo klaut, tut das, weil er sich gerne gesund und umweltschonend fortbewegen möchte, aber kurz- bis langfristig die materiellen Voraussetzungen dazu nicht hat. Das dazu erforderliche Velo zu stehlen statt zu leihen, zu sharen oder zu kaufen oder sich zu Weihnachten zu wünschen, ist sicherlich verwerflich. Aber stattdessen ins Auto zu steigen wäre noch viel verwerflicher. Ein Automarder dagegen stiehlt ein Auto allein des schnöden Mammons wegen, und das ist ja wohl für jede Tätigkeit der schlechtestmögliche Antrieb und in höchstem Grad verwerflich, kurz: unter aller Sau. Wer sich meine Fantasien bezüglich Strafvollzugsmassnahmen antun mag, kann das hier tun. Ist aber nichts für Zartbesaitete.

Schaden: Wenn mir mein Velo gestohlen wird, bin ich aufgeschmissen, denn mein Velo ist einer der nützlichsten und wichtigsten Gegenstände in meinem Alltag und darum unentbehrlich:

Daraufhin bin ich in rascher und beliebiger Folge unglücklich, missmutig, verzweifelt, apathisch, demotiviert, orientierungslos, unkonzentriert, verspätet oder ganz einfach traurig. „Nimm doch den öV!“ werden die Siebengescheiten unter Ihnen jetzt dazwischenrufen. Ich aber sage: so sehr ich den öffentlichen Personen-Nahverkehr – besonders in der Schweiz – schätze: Das Velo ist ihm wörtlich und bildlich um Meilen voraus! Und der Autobus, zu dem ich eine emotionale Beziehung aufbaue wie jene zu meinen Velos ist noch nicht gebaut.

Wem hingegen sein Auto entwendet wird, die, der oder das muss zu Fuss gehen, das Velo oder eben den öPNV nehmen, bis ihr oder sein neues Auto geliefert wird, was ein Weilchen dauern kann (Versicherung! Evaluation von Farbe, Modell, Ausstattung! Lieferengpässe! Ansprüche von Partnerin, Partner, Kindern und Nachbarn!). In dieser Zeitspanne stösst betreffende Person keine Schadstoffe aus, keinen Lärm und verbraucht keinen Platz im Fahren oder Stehen. Alles gut für Laune, Portemonnaie, Umwelt und Gesundheit!

Interessant, dass wir gerade von Velodieben sprechen! Dazu ist mir nämlich gerade eine seltsame Geschichte zugetragen worden, und die hat mit diesem Velo zu tun:

Und die Geschichte geht so: Einer meiner Mitarbeiter stellt sein Fahrrad über Nacht in der Stadt, unweit des Bahnhofs, ab und fährt im Zug nach Hause. Am nächsten Morgen setzt er sich wieder aufs Rad und bemerkt ein ungewöhnliches Bremsverhalten. Als er sein Velo untersucht stellt er fest, dass da nicht mehr seine Räder dran sind, sondern andere. Diese sind zwar ordentlich bereift, aber mit Bremsscheiben versehen, während an seinem Fahrrad doch Felgenbremsen montiert sind (schauen Sie sich nochmals das Bild oben an – haben Sie den Fehler beim ersten Blick bemerkt? Ich gebe gerne zu, dass mir der Unfug nicht sofort aufgefallen ist). Mein Kollege, nicht dumm, fragt bei der Bank, vor der das Verbrechen sich abgespielt hat, nach allfälligen Aufnahmen von Überwachungskameras. Und die gibt es tatsächlich, nur geben sie nicht den leisesten Hinweis auf die Täterschaft. Akte zu.

Seither schlafe ich schlecht. Teils aus Erschütterung über die sinnlose Tat, vor allem aber weil meine Fantasie mir keine halbwegs plausiblen Gründe nennen kann, warum jemand sowas Dummes tun würde: Räder für Felgenbremsen zu stehlen, um sie an ein Velo mit Scheibenbremsen zu machen! Wer würde denn einen Hundezwinger kaufen, um einen Kanarienvogel zu halten? Wer würde ein Messer kaufen, um ein Joghurt zu essen, oder ein Sieb, um Schokoladencrème zu servieren?

Ich sehe bisher nur zwei mögliche Beweggründe: entweder handelt es sich bei der Täterschaft um eine technisch komplett ahnungsfreie Person oder um einen hoffnungslosen Schussel. Hat einfach nicht gewusst oder bemerkt, dass da etwas nicht passt.

Oder es war ganz anders – das war ein Kenner! Jemand, der wusste, dass Felgenbremsen von ihren Herstellern ausgerottet werden, weil sie billiger und wartungsärmer sind als Scheibenbremsen, und sich auf günstige Weise noch ein Paar felgenbremsbare Laufräder beschaffen wollte, bevor es keine mehr zu kaufen gibt. (Sie fragen mich nun, weshalb er denn nicht einfach mit der Beute abgehauen ist, sondern ein Paar nicht passende Räder eingesetzt hat? Woher soll ich das wissen! Mitleid? Oder wusste er/sie/es, dass der Diebstahl auf diese Weise Furore machen würde, was allein durch diesen Blogpost ja auch der Fall ist?

Guru Grant hat im ersten Absatz seines Januar-Blogposts ein paar Gedanken zum Thema Felgenbremsen mit uns geteilt, die zu lesen sich lohnt. Darauf kommen wir bald in einem eigenen Eintrag zurück. Bis es soweit ist, lade ich Sie ein, gemeinsam mit mir zu fantasieren, wie die Diebin – falls sie tatsächlich aus versehentlich die falschen Räder geklaut hat – aus der Wäsche geschaut hat, als ihre Bremsbeläge zum ersten Mal ins Leere griffen. Ich wünsche gute Unterhaltung dabei!

PS: Wer eine schlüssige Erklärung für den Diebstahl des Jahres hat, möge sie doch in den Kommentaren mit uns teilen – ich kann es nicht erwarten!

PPS: Sind Sie sicher, dass Sie sich das oben verlinkte Bild zu meinen Bestrafungsphantasien nicht doch anschauen mögen? Es ist nachgerade bewusstseinserweiternd.

3 Gedanken zu “Aktenzeichen: Velodiebstahl ungelöst.

  1. Vielleicht hatte die Diebin oder der Dieb einen Platten, musste dringend nach Hause und hatte kein Flickzeug zur Hand. Da bietet sich so ein Manöver doch geradezu an!

  2. Mir wurden mal die Pedalen -und nur die- am Bahnhof abgeschraubt. Irgendwelche 20 Stutz-Teile nonamenoblame…warum auch immer. Interessant ist ja: da hat jemand offensichtlich einen Pedalschlüssel zur Hand (Gewinde unbeschädigt). Es gibt wohl auch gut ausgestattete Diebe…

    1. Gibt es auch hier immer wieder. Andererseits nehmen Leute eines ihrer Pedale mit, wenn sie ihr Rad in der Velostation abstellen. Quasi die Diebe mit ihren eigenen Waffen schlagen. 😎

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