Manche Menschen bezeichnen Dinge und Menschen, die sie besonders gern mögen oder zu denen sie immer wieder gerne zurückkehren, gerne mit dem Zusatz Leib-. Leibspeise und Leibgericht beispielsweise. Wer gerne Brot ist, freut sich über sein Leibbrot, am besten Leibweise. Verwirrung stiftet der „Leibarzt“, den man nicht besonders mögen muss und der nur darum so heisst, weil er sich mit den Leibern seiner Patienten befasst.
Als begeisterter Velofahrer habe ich selbstverständlich einen Leib-Mechaniker. Ihm vertraue ich, und ich bringe ihm naiv-vertrauensvoll meine Velos zur Wartung und Reparatur. Zähneknirschend, so stelle ich es mir vor, repariert er alles, was ich nicht reparieren kann. Was ich reparieren zu können glaubte und doch nicht konnte. Natürlich bezahle ich ihn dafür, aber ab und zu bringe ich ihm darüber hinaus Croissants (Gipfeli auf Schweizerdeutsch) vorbei, um ihm für seine Mühe zusätzlich zu danken und ihn auch bereits für den nächsten Murks, den er für mich erledigen soll, zu motivieren.
Wer sich mal für eine Leibspeise entschieden hat, der gibt sie nur ungern wieder her. Mit hergeben sind hier nicht Vorgänge im Magen-Darm-Trakt gemeint, sondern Änderungen in den Top-Positionen unserer persönlichen Menü-Charts: Was man als Kind gern isst, das mag man in der Regel auch im Erwachsenenalter gut.
In dieser unangenehmen Situation stecke ich gerade: Als begeisterter und überzeugter Zeitungsleser habe ich ein Leibblatt, und ich muss mir überlegen, ein neues zu suchen. Um der Erosion seiner Leserschaft und deren Aufmerksamkeitsspanne zu begegnen, setzt meine Lieblingszeitung wie alle Zeitungen vermehrt auf handliche Internetinhalte mit weniger Tiefgang. Da wird teilweise banalster Inhalt angeboten. Den resultierenden Schwund an Inseraten in der Printausgabe, vielleicht die Haupteinnahmequelle einer Zeitung, versucht man offenbar mit Themenbeilagen zur Wochenend-Ausgabe zu bekämpfen. Genau diese Beilagen lassen mich nun am Verstand der Redaktion zweifeln und nach einem neuen Leibblatt suchen.
Vor drei Wochen fand ich am Samstag eine Beilage mit dem Titel „Die Mobilität der Zukunft“ in meiner Zeitung. Ein zutreffenderer Titel wäre gewesen: „Die Mobilität der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft“, oder schlicht „Das Auto“, denn um nichts anderes als Autos und Elektroautos ging es in der Beilage, als ob andere Fortbewegungsarten untersagt worden wären. Kaum hatte sich mein Schreikampf gelegt, war es wieder Wochenende, und mein Leibblatt belastete mich mit gleich zwei weiteren Beilagen: „Auto“ („Was die Autoindustrie für Klima und Umwelt tut“; „Elektroautos“) und „Reisen“ (New York, Barbados, Lappland, Kreuzfahrten, Schweiz).
Autofahren (mit was für einem heute verfügbaren Antrieb auch immer!) und reisen gehören ja nicht gerade zur Avant-garde der klimafreundlichen Verhaltensweisen. Die Beilagen stehen also in scharfem Kontrast zum redaktionellen Teil der Zeitung, in dem es häufig um Klimaänderung, Klimapolitik und den Umgang der Menschen damit geht. Allein die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke wie ein überfahrenes Kaninchen (mehr zum Thema tierische Verkehrsopfer finden Sie hier, aber zur Vertiefung empfiehlt sich Fachliteratur).
Wer mir eine glaubwürdige Schweizer Tageszeitung empfehlen kann, der darf das in einem Kommentar tun. Gerne eine, die nicht bloss einen Regionalteil hat. Und die ab und an Beilagen zu interessanten Themen beilegt. Fahrräder, zum Beispiel. Oder Papierflieger. In der Zwischenzeit ziehe ich Lose, mit welchem meiner Velos ich jetzt ausrücken soll (denn ein Leib-Rad habe ich nicht), und grüsse freundlich aus dem Sattel. Just Ride!

Hallo mein Velo-Freund. Einmal mehr vielen Dank für Deinen humorvollen und aus dem Leben gegriffenen Tageserfrischer. Ich bin ein Lesemuffel, doch wenn ich Zeitung lese, dann die Basellandschaftiche Zeitung, obwohl ich in Basel Stadt wohne. Ich denke alle Zeitungen kämpfen, da wirds schwierig! Zum Leibvelo (aus der flotten Aarios-Flotte): dieses erhält mein Sohn, der auszug um zu studieren, bleiben mir noch drei, von denen ich zwei mit je einem Pendix Motor ausstattete, mit dem Ziel, Mein Auto weggeben zu können! Wünsch Dir immer genug Weg unterm Pbeu und eine schöne Vorweihnachtszeit, Gruss Börney
Bloss gut, dass du als Lesemuffel unseren Blog liest! Danke für deinen netten Kommentar! Meine Tochter ist auch ausgezogen, hat mir aber zum Glück alle Aaarios da gelassen. Ihr eigenes Velo hat sie aber mitgenommen. Trau dich, ich habe noch nie ein Auto gehabt, obwohl wir ausserhalb der Stadt leben. Aber abgewöhnen ist wohl schwerer als nie angewöhnen. Viel Erfolg!