[Velo-Moment, der: Ein Erlebnis, eine Einsicht, Erfahrung oder Erinnerung, das bzw. die im weitesten Sinn in Zusammenhang mit einem Velo oder einer Velofahrt entstanden ist.]
Wenn zwei dasselbe tun, ist es doch nicht dasselbe, sagt der Volksmund (dem ich leider noch nie persönlich begegnet bin, aber ich werde bei Gelegenheit bei meinem Zahnarzt nachfragen, ob er ihn schon mal auf dem Stuhl hatte). Und das ist sicherlich wahr! Ein Beispiel gefällig? Der Autoverkehr nimmt seit Jahrzehnten zu – und der Planet geht vor die Hunde deswegen, oder mindestens jene Eigenschaften seiner Atmosphäre, welche ihn für Menschen bewohnbar gemacht haben. Der Veloverkehr, andererseits nimmt seit kurzem ebenfalls zu, wenn auch um Grössenordnungen langsamer – und es gibt wieder Hoffnung, dass da noch was zu machen ist mit der genannten Atmosphäre.
Das ist jetzt natürlich reichlich überspitzt ausgedrückt – was soll da noch zu machen sein für uns mit der Atmosphäre? Erfreuen wir uns also an den schönen Dingen des Lebens, solange es noch geht, und mögen sie noch so klein sein. Klein wie die Zunahme des Veloverkehrs. Diese ist immerhin so gross, dass ich sie seit einigen Jahren auch auf meinem halbstündigen Arbeitsweg auf dem Fahrrad nicht mehr übersehen kann. Das ist erfreulich, bringt aber auch allerlei Probleme mit sich. Damit meine ich für einmal nicht die überdimensionierten LED-Kanonen, die überall hinleuchten, nur nicht auf den Boden, und mich sicherlich schon dreissig Prozent meiner Sehkraft gekostet haben. Nein, ich meine die allgemeinen Benimm-Regeln, die bei mehr Begegnungen auf dem Radweg auch mehr schwierig werden. Darunter: das Grüssen der entgegen kommenden Velos. Da gibt es einige Fallstricke, wie wir schon mehrmals berichtet haben. Grüsse ich jedes Velo, das mir entgegen kommt? Das kann ganz schön anstrengend werden im Stossverkehr. Grüsse ich als Pendler auch Sportradler, E-Bikerinnen und die Töfflijugend? Das ist eine Frage, die nur oberflächlich betrachtet eine einfache ist.
Ich grüsse jede und jeden, die mir auf einem Velo entgegenkommt, den ich überhole oder die mich überholt. Und stelle dabei immer wieder fest, dass ich meist ins Leere grüsse.
Einer aber stach von Anfang an aus der langsam wachsenden Menge an potenziellen Gruss-Partnern heraus. Ein Herr, ungefähr gleich alt wie ich, mit grauem Haar, stets unterwegs auf einem Herrenvelo, wie sie in den späten Siebzigern gebaut worden sind. Vermutlich ein Dreigänger, schmaler, leicht gekröpfter Lenker, sowas in der Art:
Ebenso an den späten Siebzigern orientiert ist sein Equipment: immer ohne Helm, bei Regen mit gelbem Ölzeug-Poncho. Ganz mein Stil. Sein Kopf allerdings hängt zwischen den Schultern, seine Tretfrequenz ist niedrig, sein Tempo aber hoch. Dazu, und das ist ganz wichtig, macht er ein Gesicht, so missmutig, als ob er zum dreiundneunzigsten Mal in Folge zu einer Vorstellung von Drei Nüsse für Aschenbrödel fahren würde. (Ich weiss gar nicht, was er hat! Auch ich habe den Film schon mehrmals in ganzer Länge gesehen und finde ihn ganz in Ordnung.) Zwei- oder dreimal habe ich ihn gegrüsst, nachdem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, und nie einen Gruss von seiner Seite registriert. Danach habe ich es sein lassen. Ich begegne ihm regelmässig ein- bis zweimal die Woche. Mal früher auf meinem Weg, mal später, je nachdem, wie diszipliniert ich beim Frühstück bin. Meist auf einem grossen Feld um die Mitte meiner Fahrt herum.
So viel zum Setting. Und nun zum eigentlichen Velomoment. Letzten Herbst fahre ich mit dem Velo durch sie Stadt und schaue zufällig ins Innere eines VW-Lieferwagens, der mir entgegenkommt. Am Steuer sitzt tatsächlich die Miesmuschel vom Dreigänger! Wir schauen uns an, und vor Überraschung grüsse ich, natürlich zu spät, denn so ein Auto ist innerorts ja gerne mal mit fünfzig Sachen unterwegs.
Ein paar Tage später dann, ich hatte die Begegnung bereits wieder vergessen, kommt mir Miesmuschel wieder auf dem Velo entgegen. Kopf hängend, Gesichtsausdruck Hochnebel-Opfer. Aber dann! Urplötzlich! Fährt Leben in sein Gesicht, und mit strahlender Miene ruft mir zu: „Hast du mich erkannt, im VW-Bus?“ „Ja!“ brülle ich, und vorbei sind wir aneinander. Ich strahlte selber über das ganze Gesicht, bestimmt für fünfzig Meter weit! Er hat mich nicht nur auf dem Radweg wahrgenommen (was ich nicht erwartet hatte), sondern mich sogar im Stadtverkehr wiedererkannt (und sich darüber gefreut)!
Seither grüssen wir uns immer ausnehmend freundlich, als ob wir schon mal zusammen Schafe gehütet oder Pferde gestohlen hätten (ich für meinen Teil wäre da in beiden Fällen totaler Neuling, nebenbei gesagt). Und wer weiss, vielleicht kommen wir ja mal noch so weit! Wozu Velofahren doch alles gut ist.

