Die Gretafrage (Lesen Sie doch trotzdem weiter.)

Wie Sie richtig erahnt haben werden, geht es in diesem Post unter anderem um Greta Thunberg. Darüber dürften sich einige Leser furchtbar ereifern, weil momentan, in der zweiten Hälfte von 2019, anscheinend fast niemand sachlich und ohne Vorurteile über Greta Thunberg und ihre Botschaft sprechen oder schreiben kann oder will. Das verstehe ich nicht, und darum poste ich diesen Post trotzdem. Alles unklar?

Die Figur des Gretchens fragt in Goethes Faust I den Doktor Faustus frank und frei:“Wie hältst du’s mit der Religion?“ Der alte Faust müsste nun rausrücken, ob es für ihn einen Gitt gibt, was er natürlich lieber nicht täte. Seither spricht man von einer „Gretchenfrage“, wenn jemand einen anderen etwas fragt, wozu der andere lieber gar nichts sagen würde, aber irgendwie doch muss.

Es ist eigentlich eine glückliche Fügung, dass das schwedische Teenage-Mädchen, das mit seinen Freitags-Schulstreiks weltweit für Furore sorgt, Greta und nicht etwa Astrid, Elin oder Emma heisst. Greta stellt nämlich unserer Gesellschaft so etwas wie eine Gretchenfrage, eben die Gretafrage. Anfangs tat sie das recht unaufdringlich und leise, indem sie mit einem beschrifteten Stück Pappe auf einem Stockholmer Platz herumhockte. Ausfprmuliert könnte die Gretafrage in etwa lauten:“Warum, zum Teufel, fahrt ihr unser Klima an die Wand und tut so, als ob gar nichts wäre?“ Die Frage hat ziemlich hohe Wellen geworfen, wahrscheinlich, weil sie ebenso simpel wie berechtigt ist.

Kinder haben das goldene Recht, Fragen zu stellen. Wie sonst sollen sie sich je zurecht finden in dieser auch für Erfahrene ungeheuer komplexen Welt und etwas aus ihren Beobachtungen lernen, wenn nicht mit ganz vielen unmittelbaren, ungefilterten Fragen? Als mehrfacher Vater und ehemaliges Kind weiss ich, dass Erwachsene ihre liebe Mühe haben mit zu vielen oder zu direkten Kinderfragen. Greta wusste das offenbar nicht, oder sie ist eine grossartige Kommunikations-Strategin, alte Schwedin. Jetzt weiss sie es aber. Den meisten Erwachsenen ist die Frage, gelinde gesagt, recht sauer aufgestossen, während Kinder und Jugendliche überwiegend positiv darauf ansprachen und gespannt auf die Antwort warten. Und weil es mehr Erwachsene als Kinder und Jugendliche gibt, ist Greta heute eben eine heisse Anwärterin auf den begehrten Titel der meistgehassten Person auf unserem fiebrigen Planeten.

Abgesehen, dass ich die Frage berechtigt finde – nennt mich meinetwegen einen Kindskopf – beschäftigen mich die Reaktionen der Erwachsenen mehr als die Frage selbst. Viele sprechen Greta die Legitimation ab, ihre Frage zu stellen. Als Begründung dafür müssen abwechselnd Gretas Alter, ihre Unerfahrenheit und ihr leichter Autismus herhalten. Die Heftigkeit, mit der Erwachsene auf Greta reagieren, ist durchaus verständlich: Sie zeigt auf uns (die Gesellschaften der Industrieländer), die wir seit Jahrzehnten weit mehr Ressourcen uns unserem Planeten pressen, als vernünftig ist, und mehr Dreck ausstossen, als die Natur verkraften kann, und fragt: Warum hört ihr nicht auf, wo doch inzwischen kein Zweifel mehr besteht, dass die Erde für uns Menschen so nicht mehr lange bewohnbar ist? Eigentlich müssten wir antworten: „Keine Ahnung, gute Frage, aber recht hast du, wir versuchen nun gemeinsam, das Steuer noch rumzureissen. Los geht’s!“ Das würde aber enorm viel Verzicht bedeuten und tiefgreifende Umstellungen unserer Lebensweise in allen Belangen, in einem Ausmass, das wir uns heute noch gar nicht recht vorstellen können. Das wäre recht unbequem, anstrengend, schmerzhaft und erst noch mit unsicheren Erfolgschancen behaftet. Viel einfacher ist es da, die Überbringerin der schlechten Nachricht zu steinigen. Und all jene, die ihr zustimmen, gleich mit.

Was „Erwachsene“ in meinem persönlichen Umfeld in den letzten Monaten alles über die „Klimajugend“ genannte Bewegung von sich gegeben haben, befremdet sehr. Der Grundtenor ist, dass die Jugendlichen doch bitte sehr das Maul halten sollen, solange sie selber CO2 ausatmen und Abfall produzieren. Statt sich zu freuen, dass da eine Generation mit Interesse an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen heranwächst – und wenn in fünf Jahren nur noch ein Zehntel von ihnen an Umzügen teilnimmt oder für ein Gemeindeamt kandidiert, was soll’s? – schlagen Erwachsene wild um sich wie ein auf frischer Tat ertappter Süssigkeitendieb. Auf die Frage, ob und welche Massnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen seien, gehen sie in der Regel nicht ein.

Es ist tatsächlich dieselbe Situation, als ob im „Tatort“ die Polizei einen Mann mit qualmender Pistole über einer Leiche stehend antrifft und der Mann dann die charakterliche Eignung der Ermittler für ihren Beruf Frage stellt.

Diese blinde und vernunftfreie Abwehrhaltung ist nicht nur an Stammtischen anzutreffen, wo man sie noch am ehesten erwarten würde. Sie trieft auch aus Kommentarspalten in renommierten Zeitungen. Es kann einem übel werden ob der selbstgerechten Herablassung, mit der dort Chefredaktoren und andere Publizisten der „Klimajugend“ mitleidig lächelnd mit väterlichem Ton empfehlen, doch bitte zuerst selbst den eigenen CO2-Ausstoss auf null zu drehen, bevor sie von der Politik Massnahmen gegen die Erderwärmung fordern. Ausserdem hätten sie ja keine Ahnung, wie schwer Politik sei.

Vor diesem Hintergrund erstaunt der überwältigende Erfolg der grünen Parteien bei den Schweizer Parlamentswahlen am letzten Wochenende ein wenig. Offenbar hielt sich doch der eine oder die andere mit dem Thema Erderwärmung auf und wählte grün für den Fall, dass da doch etwas schief zu laufen beinnt. Es bleibt der Verdacht, ein grün eingelegter Wahlzettel könnte vielen als Ablassbrief gedient haben. Genauso wie die seltsamen CO2-Kompensationsabgaben auf Flugtickets. Kreuzlein am rechten Ort setzen und weiter fliegen, fahren, verschwenden. Die neue grüne Politik wird es ja nun richten. In der Zwischenzeit diskutieren sie weiter darüber, dass Gretas Segeltörn nach New York möglicherweise mehr Schadstoffe produziert hat als ein Linienflug.

Willst du einen Kommentar hinterlassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s