Zurück zu den Anfängen

Aus meinem Poesiealbum aus der zweiten Klasse:

„Und wenn du denkst, Frühling wird es nimmermehr, kommt irgendwo ein Bike-Video her.“

(Ja, genau, und deshalb habe ich das Album dann auch schleunigst und recht tief im Garten vergraben.)

Das folgende Video kam nicht irgendwo her, sondern von der velojournal -Website, wo es am 16. Februar 2015 „Video der Woche“ war. „Back to Origins“, ein viel versprechender Titel, genau das richtige für Genussvelofahrer auf Entzug, dachte ich mir.

Back to Origins von Stefaniya Gutovska auf Vimeo (wo es noch viele wunderbare Fahrrad-Videos mehr gibt, unter uns gesagt).

Schön gemacht, oder? Der Film führt uns prächtig vor Augen, was für ein einfaches Gerät das Velo ist, und was für schöne Erlebnisse man darauf haben kann, zusammen mit seinen Freunden.

Beim zweiten Hinsehen wird man aber stutzig, denn an dem Setting ist einiges erstaunlich: Erstens fahren alle vier auf einem Fixie eine Bergstrasse rauf und runter, zweitens haben sie haben eine Frau dabei, und  drittens trägt nur einer der Männer einen Hipster-Bart. Das ist im ersten Fall äusserst unvernünftig, im zweiten höchst ungewöhnlich und im dritten total realitätsfern. Das Rätsel löst sich aber, wenn man der Off-Stimme zuhört oder die Untertitel liest. Die Truppe wollte nämlich erstens die Stadt hinter sich lassen (erfüllt), zweitens die tägliche Routine vergessen (erfüllt) und drittens etwas verändern (erfüllt). Alles gelungen! Diese Tour war also ein voller Erfolg, und sicher haben alle die „einfache Freude, es auf den Hügel geschafft zu haben, egal, wie schnell“ erlebt.

Die Off-Stimme trifft an einer anderen Stelle recht gut meine Gedanken, wenn sie sagt:“Das Herz setzt kurz aus vor Vorfreude auf die Abfahrt.“ Mit dem Unterschied, dass mein Herz aussetzen würde während statt vor der Abfahrt, wenn mein Hinterrad blockieren und ausbrechen würde, wie es die Protagonisten mehrmals vorzeigen.

Weniger kann ich anfangen mit der Aufforderung „Geniessen, wie wir es gemacht haben, bevor wir angefangen haben zu wetteifern, bevor wir besessen worden sind davon, uns zu verbessern.“ Wetteifern auf dem Velo? Verbessern? Aber ich bin ja auch ein ganz klein wenig älter als die Piloten. Vielleicht meinten die Macher des Films „Geniessen, wie wir es gemacht haben, bevor wir angefangen haben, freiwillig auf Gänge zu verzichten, bevor wir besessen worden sind davon, ohne Bremsen andere Verkehrsteilnehmer auf öffentlichen Strassen zu bedrohen.“ Natürlich fasziniert die Einfachheit der Maschine Fahrrad auch mich über alle Massen (sonst gäbe es diesen Blog ja nicht). So ein Diamantrahmen mit fast nichts dran sieht schlicht und schlank aus und wirkt erholsam auf Auge und Gehirn neben dem übrigen Fahrradmarkt mit elektrischer Schaltung, GPS-Fahrradcomputer, Rückspiegel oder smartphonegesteuertem Schloss . Reduce to The Max! ruft es aus den Kulissen. Aber deswegen ein Velo fahren, das sich am Ursprung der technischen Entwicklung orientiert? Hallo? Die eine oder andere Erfindung des Fahrradbaus im 20. Jahrhundert hat dann doch etwas Sinn gemacht, und ich verrate gleich noch ein Geheimnis: Die Carbonfaser gehört nicht dazu. Eine Bremse, die einem das Leben retten kann, oder eben die Gangschaltung, welche den Aktionsradius ganz gehörig erweitert (sofern man nicht in Holland daheim ist), das ist doch deutlich mehr als ein schönes Gadget.

Klar, in den heldenhaften Anfangstagen der Fahrradgeschichte (oder kurz danach, denn das erste fahrradähnliche Gefährt war ja eigentlich das Hochrad, und davon wollen dann wohl nicht mal die übermütigsten Hipster etwas wissen), ja, damals fuhren sie vielleicht mit ähnlichen Stühlen herum. Diese Herren und ganz wenigen Damen nun ehren zu wollen, indem man mit Singlespeed-Fixies herumfährt, wäre aber zynisch, denn diese taten das nicht freiwillig oder aus ähnlich hehren Gedanken an Bescheidenheit und Einfachheit. Sie hatten schlicht keine Gangschaltungen oder zuverlässige und dosierbare Bremsen zur Verfügung, sonst hätten sie sie nämlich todsicher benutzt. Denn damals waren die Strassen allesamt bessere Saumwege, und weite Umwege haben die Strassenbauer nicht gemacht, um das Gefälle einer Strasse auf ein veloverträgliches Mass zu reduzieren. Damit war es halsbrecherisch, bergab zu fahren, und tierisch athletisch, bergauf zu fahren. Die meisten Steigungen wurden zu Fuss überwunden. Ganz abgesehen davon hätten sie beim damaligen Stand des Rettungswesens, der medizinischen Versorgung und des Versicherungswesens sicher keinen Knochenbruch riskiert. Radfahren Ende des 19. Jahrhunderts war eine verdammmt gefährliche Sache, wenn auch damals aus anderen Gründen als heute. Seien wir also froh, müssen wir auf Bergstrassen nicht mehr unser Leben riskieren und tun wir es auch nicht (indem wir wie im Film mit den Füssen bremsen oder ständig auf der linken Strassenseite fahren)! Stattdessen sollten wir „Geniessen, wie wir es gemacht haben, als das Fahren des Fahrrades noch wichtiger war als das Auffallen damit.“ Amen.

Wie ein Digéstif zum mehrgängigen Essen passt das nächste Video zum ersten. Es rundet es ab.

Schade, dass es nicht echt ist. Aber wer weiss schon, ob das erste echt ist? Ob der Hipster-Bart echt ist?

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2 Gedanken zu “Zurück zu den Anfängen

    1. Hatte – ich hatte ein Poesiealbum, weil alle eins hatten. Na ja, alle Mädchen, aber das habe ich erst später bemerkt. Da hab ich dann eben meins vergraben, weil ausserdem derart schlechte Widmungen drinstanden wie die zitierte. Ob der Herr einen deutschen Zahnarzt hat?

      Von meinem Samsung Galaxy Smartphone gesendet.

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