Hätten Sie’s gemerkt?

Im letzten Post dieses Blogs, bzw. in der glänzenden Rücklicht-Kolumne von Nicole Soland im aktuellen velojournal ging es darum, wie sich unsere Auffassung von Normalität schleichend verschiebt. Wie wir uns an eigentlich schwer ertragbare Zustände gewöhnen und vergessen, dass wir uns über etwas einmal fürchterlich aufzuregen pflegten.

Ein schockierendes Beispiel für solche Desensibilisierung kam heute aus Australien. Dort brach ein 26-jähriger Cricket-Profi auf dem Spielfeld zusammen, nachdem ihm ein vom Boden aufspringender Ball eine Arterie am Kopf zerschlagen hatte. Zwei Tage später verstarb Phil Hughes im Krankenhaus.

Der Geschäftsführer des australischen Cricketverbands, Andrew Jones,  sagte dazu in den Medien: „Er [der Werfer der gegnerischen Mannschaft, der den verhängnisvollen Ball geworfen hatte] kann nichts dafür. Es war ein tragischer Unfall, so, wie wenn man beim Überqueren der Strasse von einem heranrasenden Auto erfasst wird.

Ich kenne das Spiel Cricket nur in groben Zügen, aber es geht so, dass ein Spieler einer Mannschaft einen harten kleinen Ball so schnell er kann auf einen Spieler der gegnerischen Mannschaft zuwirft. Dieser muss den Ball dann mit seinem brettförmigen Schläger so weit wie möglich ins Feld hinaus schlagen. Der Werfer wirft – innerhalb gewisser Regeln – so, dass der Schlagmann den Ball möglichst schlecht trifft und ihn nicht weit weg schlagen kann.

Übersetzt ins Weltbild des Verbandssprechers heisst das also, ein Autofahrer tritt aufs Gas, so fest er kann, und schiesst mit dem Auto möglichst schnell auf einen Fussgängerstreifen zu, und zwar so, dass der dort bereitstehende Fussgänger möglichst nicht ausweichen kann?

Natürlich nicht. Aber der Mann drückte mit den besten Absichten aus, was die allermeisten von uns verinnerlicht haben: Verkehrstote durch Kollisionen von Motorfahrzeugen mit schwächeren Verkehrsteilnehmern sind gottgegeben, gehören zu unserem Leben, sind so unvermeidlich und selbstverständlich Teil der Natur wie das Wasser, das abwärts fliesst, wie ein Wirbelsturm, eine Dürreperiode oder ein Schnupfen. Es kann keiner was dafür, denn es steckte keiner dahinter, der irgendeine schlechte Absicht hatte. Also kann man dagegen nichts tun, keine Ursache finden, und man muss nichts unternehmen, damit sich das nicht wiederholt.

Das haben auch die Journalisten oder Polizeisprecher verinnerlicht, welche Sätze schreiben und sagen wie: „Ein Fussgänger wurde von einem Personenwagen erfasst.“ Grammatikalisch aktiv ist hier der Fussgänger. Auf der anderen Seite steht eine Maschine. Die Kollision war blöder Zufall, ein Zusammenstoss zweier ziel- und planlos im Universum herum schwirrender Festkörper. Dumm gelaufen. (Unterton: Was hatte der Fussgänger denn auch auf der Strasse verloren?)

Die ersten zwei Personen, denen ich diesen Abschnitt aus der Zeitung vorlas, bedauerten wie ich den Tod des Spielers. Sie erkannten den traurigen, wenn auch unfreiwilligen Zynismus in Jones‘ Aussage im ersten Moment nicht. Hätten Sie’s gemerkt?

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