Geduld!

Das Leben hält allerlei Geduldsproben bereit für uns moderne Menschen: verspätete öffentliche Verkehrsmittel, langsamer Versand von im Internet bestellten Gütern oder eine Werbepause in der heissesten Phase eines Spielfilms. As we speak, quasi, habe ich Musik im Ohr, abgespielt nicht von meinem Walkman, sondern von der Hotline meines Internet-Providers. Ich hatte nämlich die ständige Warterei beim Herumstromern im Internet satt und habe mir einen Glasfaseranschluss machen lassen – dazu brauche ich nun einen neuen Router, hat mir die Technik-Abteilung mitgeteilt, und das geht nur mit einem neuen Abo, und das wiederum kriege ich von der Verkaufsabteilung, und auf die warte ich jetzt gerade – Geduld! Einen Moment bitte, die Bestätigung des neuen Vertrages ist gerade eingetroffen, ich bin gleicht zurü-hück…

So, das ist geregelt, danke für Ihre Geduld. Wie oft habe ich unseren Kindern zugeredet, dass sie geduldig sein müssten. Weihnachten kommt bald, bis zum Geburtstag dauert es nicht mehr lange, und bald bringt die „Frau“ die Pommes Frites zu uns an den Tisch im Skirestaurant. Geduld! Das Warten lohnt sich, die Freude ist nach der Erlösung dann umso grösser, liess ich sie an meiner jahrzehntelangen Erfahrung und meiner Weisheit teilhaben.

Und nun sitze ich hier und kann kaum an mich halten vor: Ungeduld! Mein Gemütszustand schwankt hin und her zwischen schlechter Laune und Aufgeregtheit. Ich kann es nicht erwarten, bis es soweit ist. Ich praktiziere etwas, was in dieser reinen Form nur begeisterte Velofahrerinnen und -fahrer kennen, zu welchen ich mich selbst und auch die Besucher dieser Website zähle.

Ich warte auf die Velosaison.

Mit Velosaison meine ich keinesfalls den UCI-Rennkalender. Der ist ja uninteressant, seit der Pogacar den Kniff raus hat, wie man Rennen gewinnt. Wer sich diesen Blog schon mal von Nahem angesehen hat, weiss auch, dass wir nicht von eigenen sportlichen Ambitionen sprechen. Worauf wir gerade alle wie jedes Jahr in etwa um dieselbe Zeit sehnlichst warten, was wir herbeisehnen, was unsere Geduld fordert bis zum Letzten, ist ein Wetter, in dem Velofahren Spass macht. Temperaturen, die einen nicht um Zehen oder Finger bangen lassen. Bedingungen, bei denen man nicht auf Schnee, Eis oder Matsch ausrutscht. Wer möchte, darf mich nun Weichei nennen. Zwar fahre ich seit wenigen Tagen wieder eine halbe Stunde lang mit dem Velo zur Arbeit, und das gefällt mir auch. Doch nun spreche ich von Spass: Herumfahren, bloss, damit gefahren ist. Ohne örtliches oder zeitliches Ziel. Nur um draussen zu sein, die Sonne zu sehen und auch mal einen Weg zweimal zu fahren (also dreimal: hin, zurück und wieder hin, danach weiter), weil er so schön ist. Irgendwo sitzen bleiben und die Aussicht anschauen oder den Duft von Erde riechen oder ein Stück Kuchen essen oder zwei. Darauf warten wir gerade fleissig.

Und dieses Warten ist umso anstrengender, weil der Winter ja nicht gut zu uns war. Lange gab es keinen Schnee, und als es dann welchen gab, kurz vor Weihnachten, dachten wir alle, es werde wieder mal so wie früher. Wurde es aber nicht. Der Schnee verschwand wieder. Und Mitte Februar, als wir mit dem Winter abgeschlossen hatten, gab es nochmals Schnee, der gleich wieder wegschmolz und nun die Wege und Pfade für Wochen zu Schlammbädern macht, denn so viel Kraft hat die Februarsonne nun mal nicht.

Das alles ist eine grosse Mühsal, aber es gibt ja glücklicherweise Ersatzbefriedigung, die über das blosse Tätscheln von Velos hinausgeht. Ich zum Beispiel bastelte mir aus Ungeduld und Vorfreude mal wieder, ganz Guru-Grant-Style, neue Lenkergriffe aus Filz und gutem, altem Baumwoll-Lenkerband:

Das ist überhaupt nicht schwierig und kostet fast nichts. Und Spass machen tut es (weil Schwierigkeitsgrad gegen null tendierend). Und weil das so rasch ging, habe ich auch noch gleich eine alte, farbig lackierte Sperrholzplatte an die Wand des Velostalls geschraubt und mein Werkzeug griffbereit daran aufgehängt. Das wird mir im Sommer Zeit sparen, die ich dann auf einem Velo verbringen werde, und jetzt, im Winter, hat es mir Wartezeit totgeschlagen.

Wer aber keine Zeit oder Lust zum Basteln hat, muss auf Bücher oder Magazine ausweichen. Bücher wie das über Alfonsina Strada, das viel besser ist, als es der Klappentext vermuten lässt. Deren Schicksal ist ein weiteres eindrückliches Beispiel dafür, was das Fahrrad zur Besserstellung der Frau in unserer Gesellschaft beigetragen hat. Oder wie ein Cyclist-Cartoon-Band von Dave Walker, zum Beispiel The Cycling Cartoonist – Zeichnungen zum Thema Velofahren oder Verkehrspolitik. Schön und zum Schmunzeln, und wer es dann kein zweites Mal lesen mag, gibt es einfach weiter.

Oder Magazine, eben. Bloss gibt es nicht mehr viele interessante. Solche, die nicht aus Produktereviews oder Rennsport-Statistiken oder Trainingsplänen oder krassen Tourenvorschlägen bestehen. Die guten Magazine haben leider das Zeitliche gesegnet. Boneshaker oder The Ride oder Bicycle Times und wie sie alle hiessen. Wer sucht, findet aber noch Spuren (also einzelne Hefte als pdf) im Internet. Eines, das es noch zu entdecken (heisst, zu bestellen und teuer zu bezahlen) gibt, trägt den aufregenden Titel Calling in Sick und kommt aus San Francisco, wie die Rivendell-Velos, die in den Videos zum Magazin oft gefahren werden.

Es geht aber auch einfacher und, je nach Veranlagung, sogar lustiger: Pläne schmieden! Listen schreiben von Zielen, die man schon längst mit dem Velo ansteuern, Abfahrten, die man mal runtersausen, Menschen, mit denen man sich im Fahren in Ruhe unterhalten, eine Stadt, die man mal mit dem Velo besuchen, Restaurants, in denen man mal seinen velogemachten Hunger stillen möchte, aber so richtig, damit man anschliessend kaum mehr in den Sattel kommt! Monate raussuchen, in denen man noch nie eine Radtour unternommen hat. Fähren finden, die nur Fussgänger und Velos mitnehmen über einen breiten Fluss. Seen, zu denen man am besten mit dem Rad und einem Handtuch hinkommt, oder einen Bahnradweg auf einem ehemaligen Eisenbahntrassee (gibt es inzwischen sogar in der Schweiz!). Verwandte mit dem Velo besuchen, auch wenn sie zwei Tagereisen entfernt wohnen.

Und so weiter. Und plötzlich ist es Frühling.

PS: Ganz gut kommen auch meditative Werkstatt-Videos – mein Geheimtipp. Mit dem Risiko, die nächste Mahlzeit oder gleich den Frühling zu verpassen.

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