New bike day!

Weihnachten steht vor der Tür, und das schon seit einigen Wochen. Da man die wichtigen Dinge im Leben doch immer selbst erledigen muss, fing ich schon anfangs November an, über ein schönes Weihnachtsgeschenk für mich nachzudenken. Ich war selber überrascht, als ich schon nach wenigen Tagen Minuten auf ein Fahrrad als ideales Freudemacherchen kam. So gab eins das andere, und letzte Woche durfte ich in die nächste mittelgrosse Stadt fahren, um mein neues Fahrrad in die Arme zu schliessen.

So ein new bike day, wie das heute nicht zu Unrecht heisst, ist immer eine riesengrosse Sache. Niemand schafft sich schliesslich (hoffentlich) jedes Jahr ein neues Velo. In meinem Velostall durften die heute dort stehenden Velos im Schnitt alle 4.4 Jahre einen neuen Roomie begrüssen. Das ist gar nicht so eine kurze Zeit – sogar mehr als eine Olympiade! Eine Olympiade ist nämlich keine Veranstaltung, sondern das Zeitintervall ZWISCHEN zwei Veranstaltungen, nämlich olympischen Spielen. Die alten Griechen haben das so bestimmt, und die werden schon gewusst haben, wieso.

So einfach, wie es klingt, war das aber alles nicht. Zwar kam ich recht bald auf den Gedanken, dass ich mir ein Gravelbike schenken würde, denn der im Frühsommer durchgeführte Umbau meines ehemaligen Gravelbikes in ein Tourenrad war kein rechter Erfolg, aber auch keine wirkliche Pleite – die entsprechende Umfrage damals ergab ein beinahe ausgeglichenes Resultat (wobei die Hälfte der Stimmen von mir stammte, gleichmässig auf pro Gravel und pro Reise verteilt – ich wusste nicht, wie anders ich den Zwischenstand hätte abfragen sollen. Aber egal, das Verhältnis war ja entscheidend). Und weil ich nicht auf unbestimmte Zeit bis zum Entscheid auf ein wendiges, schnelles Sportvelo für alle Klassen von Verkehrsweg verzichten wollte, bestellte ich bei einem mir bis dahin unbekannten, aber sympathisch im Internet daherkommenden Veloladen ein neues Gravelbike.

Allerdings habe ich zuerst lange mit mir gerungen. Wer kennt nicht das ekelhafte Gefühl, wenn etwas, das man sehr gut mag – kann ein Schauspieler sein, eine Schriftstellerin, ein Kleidungsstil oder ein Hobby – irgendwann vom Rest der Menschheit ‚entdeckt‘ und zum Megatrend gemacht wird? Oder umgekehrt, fast ebenso aaaaargh!: Man entdeckt selber etwas, das einen fasziniert, interessiert, aber bereits ein Trend ist. Nur die allerstärksten unter uns bringen es dann fertig, erhobenen Hauptes ins einschlägige Geschäft zu schreiten und das Teil trotzdem zu kaufen, ohne sich wie ein Teenager vorzukommen. Chuck Norris hätte das vielleicht gekonnt: sich ein paar Labubus kaufen, einfach, weil er sie süss findet, und ich hätte denjenigen sehen wollen, der ihn deswegen ausgelacht hätte (oder nein, doch nicht, ich wäre wohl zu zart besaitet dafür). Wir andern aber, die grosse jämmerliche Masse von Würmern, verklemmen es uns, das Ding zu kaufen oder zu lernen oder uns anders anzueignen, je nach Ding, und spotten stattdessen über die Opfer, die sich den Mist haben aufschwatzen lassen.

Ich habe mein erstes Gravelbike 2017 aus der Fabrik befreit, und nicht weil es einen coolen Namen hat (was es nämlich gar nicht hat: ‚Kiesrad‘ – im Ernst jetzt?), sondern weil eine Probefahrt zeigte, dass es tatsächlich sowohl mit Rennvelos als auch mit Mountainbikes zusammen auf der Weide stehen kann und darum toll ist. Dann kam die doofe Pandemie und mit ihr alle möglichen Trends (im Internet oder draussen in der freien Natur, die da urplötzlich vor dem Fenster stand!). Und plötzlich hatten alle ein Gravelbike, die sich ohne Stützräder (training wheels auf englisch – hübsch, oder?) einigermassen im Sattel halten konnten, und teure Klamotten hatten sie sich auch gleich besorgt. Das hat mir den Spass an meinem Gravelbike zwar nicht verdorben, aber ich kam mir schon ein bisschen blöd vor damit. Ich bin eben nicht Chuck Norris.

Nun habe ich also ein neues Velo (manche bezeichnen es als Gravelbike), es ist ein finnisches Modell und wurde mit einem ‚Besitzerhandbuch‘ geliefert, was ich auch hübsch finde und ungewöhnlicher als ein schnödes ‚Benutzerhandbuch‘. Niemand soll hier mit technischen Details traktiert werden, keine Angst. Worauf es ankommt: Stahlrahmen! Headbadge! Aussen geführte Kabel! Ein Dutzend Schrauben für die Montage von Trägern, Schutzblechen, Taschen und Täschchen! Aber sonst: einfach ein Fahrrad zum Spass haben, so wie alle anderen.

Nun, vielleicht nicht ganz alle.

Ansonsten wird Weihnachten ja eher mit Basteln in Verbindung gebracht als mit Kaufen, nicht? Nicht?! So war es jedenfalls, als ich klein war, und mit Kleinsein verbinden wiederum die allermeisten Menschen das Weihnachtsfest. Was wäre also Weihnachten, ohne Basteln, sagte ich mir deshalb heute, am Vorvorweihnachtstag, und weil unsere Kinder inzwischen nicht mehr so abfahren auf Selbstgebasteltes und meine Frau schon was Gekauftes kriegen wird von mir, bastelte ich halt für mich selbst! Das teile ich aber gerne mit euch.

Für unsere Bastelei brauchen wir:

  • ein Problem
  • eine Vorliebe
  • etwas Optimismus
  • ein Metallrohr von ca. 40 cm Länge und einem Innendurchmesser von 10 bis 20 mm

Meine Vorliebe: Ich mag Baumwoll-Lenkerband und verwende es an den verschiedensten Stellen meiner Velos: Am Lenker, und zwar nicht nur an den Griffen, sondern auch nahe am Vorbau, und zum Schutz der Kettenstrebe. Die Hälfte meiner Velos ist damit beklebt.

Mein Optimismus: Ich wollte mich schon immer an der zweifarbigen Harlekin-Wicklung versuchen – kann mit einem Video-Tutorial an der Seite ja nicht so schwer sein!

Ich sage ja, da braucht man Optimismus!

Mein Problem: festsitzende Schrauben.

Mein Metallrohr: habe ich tatsächlich hinter meinem Haus gefunden, mit geeigneten Abmessungen.

Der Optimismus hat mir zwar geholfen, aber nicht sehr weit. Danach benötigte ich nur noch Geduld und Frustrationstoleranz, denn das Videotutorial zeigt die Hälfte der Zeit nur den Handrücken des Genies, das mich eigentlich unterrichten sollte. Herausgekommen ist aber in etwa das, was ich mir basteln wollte:

Ta-daa! Fertig ist der Hebel zum Lösen von festsitzenden Schrauben. Den stülpe ich dann auf meinen lächerlich kurzen Inbusschlüssel, um die verdammte Pedale endlich zu lösen (man entschuldige die Ausdrucksweise, aber das gehört so). Die zerdepperte Öffnung ist für besseren Sitz, die Harlekin-Wicklung eine Parodie und der Haken zum Aufhängen an meiner im Entstehen begriffenen Werkzeugwand (siehe Titelbild). Schlussendlich doch eine gelungene Arbeit, weil saisongerechtes Material verwendet wurde: ein Korkzapfen!

Damit, meine Lieben, entlasse ich euch in eure eigenen Weihnachtsvorbereitungen, auch wenn die ja wohl kaum so gelungen verlaufen werden wie meine. Ich meinerseits versuche, mein new bike zu christmas eve unter den Weihnachtsbaum zu stopfen, ohne dass die Szene überladen wirkt. Oder sich meine Familie daran stört.

4 Gedanken zu “New bike day!

      1. Aha, also falsch herum. Chuck Norris mit Hebel ergibt dann eine kalt verschweisste Pedalachse im Kurbelarm. Zum Glück ist bald Weihnachten, dann kann Chuck sich eine neue Kurbel wünschen.

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