Wer sich etwas Teures kaufen möchte, lässt sich gerne beraten. Beratung ist die Kernkompetenz eines Verkäufers. Dieser steht natürlicherweise in einem Interessenskonflikt: Er möchte einerseits seinem Kunden möglichst viel Ware zu einem möglichst hohen Preis verkaufen, um seinen Gewinn zu optimieren. Andererseits darf er nicht zu teuer sein und auch nicht den Eindruck erwecken, dem Kunden unnötiges Zeug verkaufen zu wollen. Der Kunde wiederum wird zufrieden sein, wenn er den Eindruck erhält, der Verkäufer habe ihn und sein Bedürfnis, seinen Anspruch ans Handelsgut verstanden. Aber was, wenn der Händler seine Rolle anders interpretiert? Eine Geschichte von viel Leiden und viel Naivität.
Sicher: Es hat immer Fahrradhändler gegeben, die ihren Beruf verfehlt haben oder schlicht nicht an einem Verkaufsgespräch interessiert sind, weil sie lieber weiter in der Nase bohren oder sich im Schritt kratzen würden. So wie die Person, die meinen Eröffnungssatz „Ich interessiere mich für ein Mountainbike.“ beantwortete, indem sie ein paar Schritte zu einem beliebigen Mountainbike machte, mit der Hand darauf wies und mir verriet: „Da hätten wir dieses Modell hier. Das gibt es in schwarz, gelb und rot.“ Daraufhin schaute sie mich gelangweilt, aber fragend an. Und stand wahrscheinlich zehn Sekunden später, als ich schon zwei Blocks weit weg war, immer noch so da. Aber sich kratzend. Keine Frage nach meinem bevorzugten Terrain, meinen technischen Fertigkeiten (eigentlich nett von ihr, denn das wäre etwas peinlich gewesen in meinem Fall) oder meinen Preisvorstellungen. Den Laden, den gibt es seit Jahren nicht mehr. Dabei war das Gelb gar nicht mal hässlich!
In den letzten Jahren scheint sich die Strategie von Fachhändlern im Velobereich aber geändert zu haben. Statt das geneigte Käufervolk von den Vorzügen eines teuren Rads gegenüber einem billigen Produkt überzeugen zu wollen, sind sie zur Erpressung übergegangen. Viele Läden haben nur noch teure High-End-Räder im Sinn mit unnötigen Features und hochwertigen Teilen dran. Um nicht schon auf den ersten Blick aufzufliegen, stellen sie aber noch zehn Prozent Neuschrott in die Ecke neben der Eingangstür. Und der Kunde erfüllt sein Schicksal: ein überqualifiziertes, überteuertes Rad zu kaufen.
Was der einzelne Händler kann, können die Hersteller aber schon lange. Ihre Strategie: Im Sporträder-Bereich verkaufen sie ausschliesslich Rennräder und Mountainbikes, die den Profimodellen vom vorletzten Jahr in etwa entsprechen. Deshalb gibt es Karbonrahmen. Als ob, wer ein RENNrad fährt, natürlicherweise auch an RENNEN teilnimmt und erst noch auf aufs Preisgeld angewiesen ist und deswegen am Gewicht sparen muss. Verständlicherweise kostet so ein Leichtgewichts-Wunder ein Heidengeld. Die Hersteller brauchen dabei nicht mal mit der Sorte Kunden zu rechnen, der seinem Siebentausendfranken-Sportgerät entsprechend Sorge trägt und darum acht Jahre lang kein neues benötigt.
Denn: Die Hersteller haben wiederum die Strategie geändert. Und diese haben sie offenbar bei Autoherstellern und Produzenten von mobilen Endgeräten abgeschaut – learn from the best, einmal mehr! Sie denken sich laufend neue Features und Funktionen aus und bringen jährlich revolutionäre neue Räder auf den Markt. Da sind oft Dinge, die noch kein Radler je wirklich vermisst hätte. Innenverlegte Kabel, beispielsweise. Lenker mit aerodynamisch abgeflachtem Querrohr oder ins Unterrohr integrierte Flaschenhalter. Oder Steckachsen! Welcher Quälgeist erfindet sowas? Da dauert es viel länger, ein Rad aus- und wieder einzubauen, und ein Werkzeug ist dazu auch noch erforderlich. Nicht dass ich hinter einer Rekordzeit her wäre. Aber in gebückter Haltung und in Rennhosen am Strassenrand zu stehen, ist nicht der Sonntagnachmittag, von dem ich die ganze Woche über träume. Und ich bin sicher, die vorbeifahrenden Autolenker fühlen ähnlich, wenn sie mich so sehen. Und mal ehrlich: Wer hat schon mal ein Rad erlebt, das wegen eines Schnellspanners (wenn er richtig geschlossen ist) gewackelt hat?
Solche technischen Spielereien bringen den allerwenigsten Käufern etwas. Das ist auch allen klar, es soll ja den Herstellern etwas bringen. Profitieren tun allenfalls die Berufsfahrer, die damit im besten Fall schneller unterwegs sind. Sie aber kriegen die Räder zur Verfügung gestellt, weshalb sie sich auch nicht darüber beklagen, dass sie mit Scheibenbremsen herumfahren müssen, obwohl diese schwerer sind als Felgenbremsen und sie dank ihres technischen Könnens mit Felgenbremsen selbst bei Regen immer bestens zurechtkamen. Wer bremst, verliert sowieso!
Warum also fahren die Profis mit Scheibenbremsen? Damit die breite, breite und kaufbereite Masse der Hobbyfahrenden sich auch neue Velos mit Scheibenbremsen kauft. Und elektronischer Schaltung, deren Batterie man dann nicht rechtzeitig wechselt. Und Karbonrädern, die praktischerweise auch gleich noch spezielle Bremsbeläge brauchen. Und innenverlegten Schaltzügen und Bremskabeln, die kein normalbegabter Heimwerker mehr selbst auswechseln kann. Wenn Pogacar eine Steckachse fährt, wollen zehn Millionen Mitteleuropäer ein neues Rennrad.
Aber lassen wir die Rennvelofahrer ihre Rennen fahren. Vor etwa zehn Jahren war Vollfederung an Mountainbikes Standard, also überzeugte man das Publikum, dass neue, grösseren Räder besser über Hindernisse rollen: 29 Zoll Durchmesser! Nur gerade zwei Saisons liess man uns Zeit, uns für die neuen grossen Räder zu entscheiden, da wurde schon die nächste Sensation ausgerollt, um die Störrischen unter uns zu überzeugen: die Zwischengrösse 27.5 Zoll! Die Schreiner kamen gar nicht mehr nach, neue Gestelle zu schreinern für die Veloläden landauf, landab, die ihr schlagartig auf das Dreifache angewachsene Sortiment an Schläuchen und Reifen ja irgendwo lagern mussten.
Nun war ein paar Jahre nichts los in Sachen Radgrössen, dafür ist die Neuerung auf 2026 umso spektakulärer: nicht weniger als 32 Zoll messen die neusten Räder! Ziemlich dreist. Warum um einen lumpigen Zoll steigern, wenn man auch drei (respektive viereinhalb) draufpacken kann?
Bigger ist also offenbar doch better. Ausser für kleine Fahrerinnen oder Fahrer, die gucken in die Röhre. Sie werden Schwierigkeiten haben, die grossen Räder so schnell und flink über Wurzelpassagen und durch Rockgardens zu steuern wie ihre gross gewachsenen Kontrahenten. Das kümmert den Welt-Radsportverband UCI aber wenig, er hat die 32-Zoll-Räder bereits für die kommende Saison zugelassen.
Der Fairness halber darf nicht unerlaubt bleiben, dass Grösse schon in den allerersten Anfängen des Radsports ein Vorteil war: zu Zeiten des Hochrads (auch pennyfarthing oder – warum bloss? – boneshaker genannt) entsprach mangels Kette und Schaltung eine Pedalumdrehung immer einer Radumdrehung. Je grösser also das Rad, desto weiter fuhr das Velo mit einer Pedalumdrehung. Der Raddurchmesser wiederum war primär begrenzt durch die Schrittlänge des Fahrers- nicht der Fahrerin, denn ihr war es zu der Zeit sowieso nicht erlaubt, Rad zu fahren. Ein Grosser Athlet konnte also, sofern er gleich schnell treten konnte wie die andern, schlicht schneller fahren!
Nun, ich dachte, über derlei Diskriminierung seien wir hinweg.
Zugegeben: ich war auch naiv genug zu glauben, die Veloindustrie wolle nur unser Bestes (sie wollen natürlich AUCH unser Geld, und das ist voll legitim, aber hoffentlich denken sie nicht, das sei unser Bestes!). Sie wolle unsere Bedürfnisse so gut wie möglich befriedigen, dachte ich, und uns grösstmöglichen Spass beim Velofahren verschaffen. Stattdessen werden, wie überall im fortgeschrittenen Kapitalismus, auch von der Veloindustrie künstlich Bedürfnisse geschaffen, um den Gewinn zu optimieren. Warum auch nicht. Unehrlich ist das nicht, denn selbst im Internetzeitalter sind wir keine unmündigen, sondern allenfalls schlecht informierte Konsumenten: wir leben ja eben im Internetzeitalter und könnten uns informieren, bevor wir den Flagshipstore einer amerikanischen Hochpreismarke betreten.
Genug gegeifert. Etwas Erfreuliches zum Schluss: Es gibt auch sinnvolle Verbesserungen am Fahrrad, und die sind oft, wie das Fahrrad selbst, schlichter Natur. Ein Spritzschutz zur Verlängerung eines zu kurz geratenen Schutzblechs zum Beispiel, und warum nicht gefertigt aus einer zu klein gewordenen Smartphone-Hülle, die ihrerseits mal eine Lastwagenplane war. Quasi Recycling im Quadrat. Ein anderes Beispiel: Die Handbremse. Ein schwer beladenes Velo oder eins mit einem Hinterradständer steht oft instabil. Besonders, wenn der Boden ganz leicht geneigt ist. Muss ein Velo an eine Wand gelehnt werden, rollt es meist weg, kippt dann um und kriegt Kratzer ab. Helfen tut ein Stück Schnur mit einem Kordelstopper (das Teil muss doch so heissen, oder nicht?), mit der ein Bremshebel an den Lenker gebunden wird. Während der Fahrt baumelt die Handbremse dann einfach am Lenker. Leichter als fünf Gramm, nicht im Handel, aber das Material liegt im gut sortierten Haushalt in der Allerlei-Schublade. Funktioniert bestens und sieht so aus:
Natürlich steigert das nicht meine Leistung, aber das Handling meines Velos im Alltag verbessern tut es allemal. (Konstruiert nach Idee und Anleitung von Rivendell Bicycles in Walnut Creek, Kalifornien)
Aber nun gehe ich ni den Velostall und schabe etwas Leder von meinem Sattel für den Fall, dass ich mich in der Bedeutungslosigkeit des Gewichtssparens im Hundertgrammbereich getäuscht haben sollte. Sicher ist sicher.



🙏👍😂