Ist doch ganz normal!

„Ist das normal?“ haben mich unsere Kinder häufig gefragt, als sie klein waren. Wenn ihre Haut eine rote oder ihr Salat eine braune Stelle aufwies, wenn ihre Haare wirr vom Kopf abstanden oder wenn eines ihrer Geschwister brüllend auf dem Fussboden herumrollte. „Aber natürlich“, war die unreflektierte, aber durchaus ehrliche elterliche Antwort. Wir wussten ja: Normalität ist schwer zu definieren, und die Antwort „Nein, das ist jetzt nicht mehr ganz normal!“ hätte den Kindern Angst und uns Sorgen bereitet, vor allem aber ihre Toleranz gegenüber ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen eingeschränkt. Also sind wir jeweils zur Tagesordnung übergegangen und hatten unsere Ruhe wieder. Und sie übrigens auch.

Das Thema Normalität beschäftigt mich aber weiterhin stark, bloss mit mehr Bezug zu mir selbst. Und damit zu meinen Velos und meinem Velofahren. „Ist das normal?“ frage ich mich leider ständig, wenn ich auf einem Fahrrad sitze. Beispielsweise vor wenigen Monaten, als ich auf dem Arbeitspferd Knacken im, nun ja, im Schritt verspürte. Es trat bei einer Unebenheit in der Strasse oder beim Beschleunigen nach einer Kurve auf. Teilweise Entwarnung gab es zu Hause: Ich selbst war in Ordnung, und das Knacken kam von meinem Sattel: Die Spannschraube, welche das Leder stramm zieht, war gebrochen:

Darum hing der Sattel durch wie eine Hängematte, was bei einem Pedersen-Rad ganz in Ordnung gewesen wäre, nicht aber bei einem Brooks-Sattel:

Normal wiederum ist, dass für die ganz, ganz wichtigen Teile am Velo ein Backup irgendwo im Stall liegt, so dass mein Velo nur kurz in die Boxen musste.

Aber ist es wirklich normal, einen zweiten (nicht ganz billigen) Ersatz-Sattel im Keller liegen zu haben, und damit so viel braches Kapital?

Duden sagt zur Bedeutung von normal: „Der Norm entsprechend; so, wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt.“ Klingt vernünftig, hilft aber in konkreten Situationen nicht weiter, weil die allgemeine Meinung in der Regel umständlich zu ermitteln ist. In den Naturwissenschaften ist es etwas einfacher. Das Beitragsbild zeigt die Normalverteilung aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und die Darstellung ist recht intuitiv: In der Mitte sind ganz viele, an den Rändern wird’s etwas einsam.

Vielleicht schaffen Synonyme Klarheit: einfach, üblich, richtig, gebräuchlich, planmässig, gesund, gewöhnlich. Ja, ich finde es gesund, einen zweiten Brooks zu Hause herumliegen zu haben, denn sonst hätte ich am nächsten Tag im vollbesetzten Bus ins Büro fahren müssen.

Das „Normal“ in unserem Alltag ist aber oft auch verstörend. Dann, wenn die Antwort auf die Frage „Ist das normal?“ „Leider ja!“ heisst. Die naheliegendsten Beispiele kommen natürlich aus Fachgebieten, in denen wir alle Fachleute sind. So wie Fussball, Immunologie, das Wetter oder, weil dieser Blog eben nicht Wetterpflock heisst: Mobilität! Hier ein paar Fotos als Input – lauter normale Alltagsszenen. Oder nicht?

Wer besitzt denn noch sein Auto? Das Auto besitzt eher uns. Es hat sich unsere Städte und Landschaften einverleibt, unsere Kinder, unser Wohnen, unsere Lungen, unsere Gewohnheiten, unser Denken. Wer ein Auto besitzt, ist nicht mehr frei und unbenommen in dem Moment, wenn er sein Haus verlässt und sich entscheidet, auf welche Weise er an sein Ziel kommen will. Wer ein Auto vor dem Haus stehen hat, setzt sich rein, ob es nun schneller, einfacher, günstiger oder lustiger ist oder nicht. Es reicht uns, dass es normal ist. Ob wir uns das eingestehen oder nicht.

Natürlich bekommen die Menschen dann Blutdruckprobleme, wenn man ihnen vorschlägt, Parkplätze zugunsten von Gehwegen, Grünflächen oder Radwegen aufzuheben. Konzepte wie die 15-Minuten-Stadt, in der die Orte für unsere alltäglichen Verrichtungen zu Fuss, mit dem Velo oder öffentlichen Verkehrsmitteln innert einer Viertelstunde erledigt werden können, werden als unrealistisch abgetan. Die ganze Welt müsste dazu auf den Kopf gestellt werden.

Die Absurdität unseres Bewegungsverhaltens wird auf den Punkt gebracht in einer Abbildung des Magazins Boneshaker, das es leider nicht mehr gibt:

Let’s have a moment of silence for all those who are stuck in traffic on their way to the gym to ride stationary bicycles.“ (Aus: Boneshaker Magazine)

Hier liegt der Schlüssel zur Zukunft: zu überdenken, was wir normal finden. Ist Stau normal? Verkehrserziehung im Kindergarten? Leuchtwesten und Helme? Und dann unsere Welt in eine Richtung zu verändern, die wir gerne als Normalität empfinden würden. Es ist also Zeit, uns vorzustellen, wie unser Alltag auch sein könnte.

Dann verschwindet die Angst. Dann wird denkbar, dass Läden weiter bestehen können, wenn sie keinen Parkplatz mehr vor der Tür haben. Dass Kinder nicht angefahren werden auf dem Schulweg (zum Beispiel von Autos, in denen Kinder auf dem Schulweg sitzen), weil die Schulwege kurz und verkehrsarm sind. Dass Radfahren im Regen nicht nur nass macht, sondern auch Spass und gesund.

Abnormal gut leben würden wir, wenn wir „normal“ in der Mobilität überdenken würden.

Zum Schluss und zum Mitnehmen: zwei ganz normale Typen. Ist der Typ normal? Oder eher dieser? Schön wär’s. Aber dann hätte ich sie beide vielleicht weniger gern.

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