Es ist wieder Herbst, und das kann niemand übersehen

Der Mensch braucht Rituale, auch wenn er oder sie erwachsen ist. Rituale geben uns Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung. Jahreszeiten sind vielleicht das älteste Ritual, das wir kennen, und bequemerweise eines, das von alleine wiederkehrt und wieder wiederkehrt! Schauen wir uns aus aktuellem Anlass mal an, was den Herbst überhaupt ausmacht.

Auf die richtig guten Rituale verlassen wir uns blind: Gutenachtgeschichte, Geburtstagstorte, Sommerferien am Meer. Darum riechen wir gebratene Marroni, und unser Kleinhirn ruft:“Herbst!“ Dasselbe mit dem flach einfallenden Licht der Herbstsonne oder dem fauligen Geruch von moderndem Laub. Aber gerade auf die fallenden Blätter ist in Zeiten des sich wandelnden Klimas leider kein Verlass mehr. Die werden heutzutage nur widerwillig gelb und klammern sich an ihren Zweig wie ein Bundekanzler an sein Amt.

Das ist aber nur halb so schlimm, denn hier übernimmt der Staat. Zumindest in der Schweiz. Konkret die vom Bund finanzierte Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Sie fährt jeden Herbst eine professionell aufgemachte Kampagne gegen Suizid – übrigens auch eine Eigenschaft des Herbstes: Selbstmordgedanken! Aber nicht gegen irgendeine Art von Lebensmüdigkeit stemmt sich die bfu. Sondern gegen die todessüchtigen Fussgänger und Velofahrerinnen, die ohne Sicherheitsausrüstung aus dem Haus gehen. Wir haben an dieser Stelle bereits die bfu für ihre subtile Kommunikation gelobt.

Und wirklich, auch dieses Jahr sind mit den ersten Abendnebeln, den zögerlich sich verfärbenden Bäumen und den aufdringlichen Kürbissuppen in den Kantinen des Landes zuverlässig die bfu-Plakate aufgeploppt, und das an jeder Ecke. Um die Ressourcen zu schonen und für die Armee zu sparen, kommen Motive aus verganegenen Jahren zum Einsatz, und das finden wir bar jeder Ironie grossartig. Dann müssen wir auch nicht mehr lesen, was da steht, wir können es ja sowieo schon auswendig:

Diese Botschaft ist klar und auch leicht zu verstehen: „Zieh deine Kinder von Kopf bis Fuss neongelb an, sonst überfahren wir sie, und du bist schuld. Auf Wiedersehen im nächsten Herbst, ihr Rabeneltern.“

Nun mag das die einfacheren Gemüter unter uns befremden, dass Zufussgehende selber Schuld sein sollen, wenn sie totgefahren werden, weil sie in Zivilkleidung ins Freie gehen. Man muss das aber von der Seite der Effizienz anschauen: Die Zufussgehenden oder – siehe oben verlinktes Beispiel – die Velofahrenden zu schützen ist ganz einfach. Man stülpt ihnen Leuchtkleidung über, und die Sache ist gegessen. Ist nicht teuer und auch nicht schwer zu verstehen. Und es gibt wirklich schon tolle Leuchtmode!

Umgekehrt ist trotz intensiver Forschung und Entwicklung noch kein Mittel in Sicht, das Autolenkerinnen und Autolenker dazu bringen könnte, sich auf das Autolenken zu konzentrieren. Woher sollen sie beispielsweise wissen, dass sie ihr Smartphone erst zur Hand nehmen sollen, wenn sie den Motor ausgemacht haben, weil sie sonst nicht sehen können, wo sie gerade drüberfahren? Oder dass sich Alkohol trinken und Autos steuern ganz, ganz schlecht veträgt? Solche Dinge muss man ihnen doch erst mal sagen, aber wie denn? Man kann sie ja nicht einzeln anrufen, denn es gibt so viele Autolenkerinnen und Autolenker, das würde ewig dauern, möglicherweise bis Pfingsten! Gestalten Sie mal ein sexy Plakat, auf dem steht: „Hände weg vom Smartphone und ran ans Lenkrad, sonst überfahren Sie womöglich jemanden.“ Da ist man doch längst dran vorbeigefahren, bevor man mit den Augen bei „Lenkrad“ angekommen ist! Nein, so eine komplexe Botschaft aufzunehmen, zu durchdringen, braucht Zeit. Und wer hat die schon heutzutage? Genau! Die Teilnehmenden am Langsamverkehr, darum heisst der ja so. Eine Velofahrerin hat alle Zeit, das Plakat mit dem Kinderstift zu betrachten, während sie gemächlich daran vorbeirollt. Und die Botschaft ist erst noch eine einfachere als die mit dem Smartphone und dem Lenkrad, wer soll das überhaupt kapieren?

Haben Sie das jetzt begriffen? Ja? Was bin ich froh, denn dann können Sie mir vielleicht die folgende Grafik erklären (auch von der bfu, siehe unten rechts):

Dass die Leute da eiligen Schrittes durch die Nacht huschen, leuchtet ja noch ein, denn es nähert sich ein Auto. Aber was zum Henker macht das Auto auf dem Fussweg? Ja, jetzt staunen Sie, was? Ist Ihnen noch gar nie aufgefallen, dass Autos eigentlich nicht dort fahren sollten, wo Leute gehen! Ist aber so, zumindest, wenn man Unfälle vermeiden will. Tatsache.

Ach so, die Männer da oben gehen auf der Strasse, sagen Sie? Sowas aber auch! Warum nehemen die denn nicht das Trottoir oder den Fussweg? Eine Strasse, die etwas auf sich hält, hat ja schliesslich nicht bloss einen Schwarzbelag und etwas weisse Farbe in der Mitte, sondern auch allerhand Zubehör wie eben einen abgesetzten Fussweg, einen geteerten Zweirichtungs-Radweg und nach unten gerichtete Beleuchtung, oder etwa nicht? Eben. Die oben dargestellte Situation ist also vollkommen konstruiert, realitätsfern und absurd. Missglückte Reklame für Hüte, bestenfalls.

Von wegen Hüte: Mit der Unfallverhütung ist es eben ganz ähnlich wie mit der Empfängnisverhütung: Man kann zwar etwas irgendwo drüberstülpen, das klingt ganz einfach, und wenn alles richtig läuft, passiert tatsächlich nichts. Es läuft aber nicht immer alles richtig. Das Stülpen versaut ausserdem den Spass und zielt, wenn man die Sache ernst nimmt und langfristig und zuverlässig erledigt haben will, weit am Ziel vorbei. Die eigentliche Gefahr auszuschalten, ist möglich, aber aufwendig und erfordert langfristiges Denken, umsichtige Planung, Fachleute und etwas Geld. Zeit, dass wir damit anfangen, und eigentlich auch selbstverständlich, denn Strassenverkehr ist eine andere Schuhnummer als ein one-night-stand. Da ist etwas mehr Ernsthaftigkeit angezeigt. Oder?

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