[Velo-Moment, der: Ein Erlebnis, eine Einsicht, Erfahrung oder Erinnerung, das bzw. die im weitesten Sinn in Zusammenhang mit einem Velo oder einer Velofahrt entstanden ist.]
Zum zehnten Jubiläum gibt es heute einen Velomoment der Xtraklasse. Einen, der fast so bemerkenswert ist wie jener mit den Jugendlichen bei der Fahrradpumpe vor dem… Aber den spare ich mir für die nächste runde Zahl auf.
Handzeichen schaffen Klarheit, heisst es. Das gilt besonders im Strassenverkehr, wo sich die Menschen zwar akustisch mittels ihres Claxons, nicht aber verbal verständigen können. Ich kann mir diesen Satz so gut merken, weil ihn eines Sonntagnachmittags mein Schweigervater aussprach, während er – mit mir auf dem Beifahrersitz – in seinem Auto über einen Fussgängerstreifen fuhr, an dem ein Mann gerade auf seinen Vortritt spekulierte. Mein Schwiegervater also schaffte in dieser an sich eindeutigen Situation zusätzliche Klarheit, indem er dem Herrn am Bordstein freundlich zuwinkte, während er ihm seinen Vortritt stahl. Ich kann mich deutlich erinnern, dass dieser nicht besonders aufgeklärt dreinschaute. Seine Miene sagte recht eindeutig: „Na, da nimmt sich einer aber einiges heraus!“ Womit er natürlich recht hatte. Ich versuchte noch, mein Gesicht mit meiner Hand zu verbergen, denn mit dem düpierten Spaziergänger zusammen fuhr ich zu der Zeit in den Wintermonaten morgens im Bus zur Arbeit.
Nicht dass ich vor diesem Erlebnis die Macht der Handzeichen nicht gekannt oder nicht zu nutzen gewusst hätte! Zur Zeit, als ich im Strassenverkehr sozialisiert wurde, gab es auch in unserer Stadt noch Polizisten, die von ihrer Kanzel in der Mitte einer Kreuzung herab den Verkehr dirigierten. Und schliesslich ist auch unsere Familie mehrmals in den Ferien in Italien gewesen, dem Land gewordenen Handzeichenschatz.
Diesen Sommer durfte ich die generationenübergreifende Kraft der manuell-visuellen Kommmunikation im Strassenverkehr wieder einmal erleben. Und das ging so: Auf meinem Rennrad befand ich mich auf einer Abendrunde durch die nähere Umgebung meines Wohnortes und fuhr gerade mit etwa fünfzig km/h auf eine Haarnadelkurve zu (bergab, selbstredend, mit fünfzig Sachen), als mir aus der Kurve heraus ein Motorrad entgegenkam. So weit, so gut, Platz ist für uns alle da auf den durchwegs normgerecht ausgestalteten Schweizer Strassen. Die Sache war aber die, dass der Töfffahrer (Töff bedeutet auf Schweizerdeutsch nichts anders als Motorrad, wohingegen Töffli ein Moped bezeichnet – dies für unsere deutschen Kunden), dass der Töfffahrer also nicht auf seiner, sondern auf meiner Seite der Mittellinie fuhr, und nicht nur ein bisschen. Wir befanden uns auf recht präzisem Kollisionskurs, bis er endlich gegen die Mitte hin auswich. Ich war nicht wenig erschrocken und tat, was ich solchen Momenten immer tue: Ich zeigte ihm reflexartig den Mittelfinger (was mich bei genauerer Überlegung sowohl am Ausweichen wie am Bremsen hinderte, aber was kann man gegen Reflexe tun?). Die universale und universell einsetzbare Geste des gereckten Mittelfingers einzusetzen ist leider ein leidiges Überbleibsel aus meiner Jugend, als ich mehrere Wochen lang ganz rebellisch aufgelegt war und meiner Mutter mehrmals hinter frisch zugeknallter Zimmertür ordentlich gestisch die Meinung geigte. Seither entgleitet mir – besonders im Strassenverkehr! Ich weiss, ich weiss! – immer wieder mal der Mittelfinger der einen oder der anderen Hand. Ich wusste schon lange, dass mich das mal in Schwierigkeiten bringen würde, siehe auch hier.
Und tatsächlich: als ich mich nach der Kurve wieder einigermassen gesammelt und entspannt hatte, blickte ich hoch und sah, dass der Motorradfahrer inzwischen gewendet hatte und nun mit gereckter Faust hinter mir her war. Zuerst lachte ich verwegen und dachte, der holt mich ja nie ein in einer Abfahrt, von wegen Ährodünamick und so. Bloss bin ich nicht so ein verwegener Abfahrer wie Vincenzo Nibali, auch der Hai von Messina genannt, sondern eher ein Laubfrosch aus den östlichen Schweizer Alpen.

Wenig später also, wir waren noch nicht im nächsten Dorf angekommen, fuhr der Kamikazepilot neben mir und rief unter seinem Helm hervor: „Was sollte das denn eben? Hä?“ Ich wollte ihm, Gentleman, der ich bin, gerade zu verstehen geben, er solle gefälligst das Visier seines Helms hochklappen, wenn er mit mir zu reden gedenke, als er das von sich aus tat. Wir hielten am Strassenrand an und begannen unverzüglich, unsere Standpunkte auszutauschen. Seiner war, dass mein Handzeichen über Gebühr unflätig war, und meiner, dass er meinen Leib und mein Leben auf fahrlässigste Weise in Gefahr gebracht hatte. Seine Replik lautete, dass er ja bei weitem rechtzeitig seinen Kurs korrigiert hätte, und meine, dass ich erstens stark erschrocken war und zweitens er mal nicht so sensibel sein sollte, in seinem Alter (er muss etwa zwanzig gewesen sein) sei man sich ja wohl ganz anderes gewohnt. Diese Bemerkung liess ihn kurz schmunzeln.
Wir wiederholten unsere Sicht der Dinge ein paar Mal, bis sich das Thema irgendwie erschöpft hatte. Keiner wollte oder konnte einen Fehler bei sich selber erkennen oder eingestehen. Eine Weile lang schwiegen wir und betrachteten die Felder, Wälder und Burgen ringsum. Die Landschaft dort ist aber auch schön, fahren Sie bei Gelegenheit mal hin! Irgendwann mussten wir aber weiterfahren, also wies ich mit einer Kopfbewegung auf sein Motorrad und fragte ihn, wieviel Hubraum es denn hätte. Sofort begann er zu erzählen von der Fahrprüfung für die nächst höhere Klasse, die ihm bald bevorstehen würde, und dass er gleich am nächsten Abend sein neues Motorrad dieser höheren Klasse abholen würde, ein wahres Schnäppchen übrigens, und dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich eine ganz grosse Maschine zulegen würde. Ich liess mir die Kategorien und Prüfungsverfahren erklären, denn damit hatte ich mich bis dahin nie beschäftigt. Ein Gefallen, den er mir gerne tat. Dann war auch dieses Thema erledigt, und ich wünschte ihm viel Erfolg bei der Prüfung. Zum Abschied gaben wir uns die behandschuhte Hand und wünschten uns gegenseitig allzeit gute Fahrt.
An jenem Abend strmpelte ich äusserst zufrieden nach Hause, als ob ich gerade einen Baum gepflanzt oder sonst etwas bedeutsames erledigt hätte. Handzeichen mögen Klarheit schaffen, ein kurzes Gespräch leistet da aber viel mehr. Unser Glück war, dass keiner von uns in einem Auto sass, als wir uns auf derselben Seite der Strasse begegneten. Denn dann wäre es nicht zu einem Gespräch gekommen, sondern höchstwahrscheinlich zu einem Unfall, und wenn nicht, so wären wir beide wutschäumend und verbittert weitergefahren, unsere Überzeugung hätschelnd, dass alle anderen ausser unserer eigenen Spezies von Verkehrsteilnehmern sowieso komplette Vollidioten sind.
