„Und nun“, sprach die Pfarrerin, ihren Blick erwartungsfroh auf das Paar vor sich gerichtet, „teilen die Brautleute ihre Gefühle und Gedanken an diesem wunderbaren Tag mit uns!“ Worauf die Braut offen legte, was sie an ihrem Zukünftigen so sehr schätzt. Dann war die Reihe an ihm, und er hatte sich derlei Gedanken offenbar schon gemacht, bevor er die Frau kennen gelernt hatte, die zu heiraten er vor uns hingetreten war. Er nahm nämlich sein schwarzes Notizbuch hervor – wir kennen uns seit über zwanzig Jahren, und ich hätte nicht erwartet, dass er in ein Notizbuch schreiben würde, von Hand! – um uns eine Liste vorzulesen, die er über ein Jahr vor dem ersten Treffen geschrieben hatte. Es war eine Aufzählung von Eigenschaften, die seine Zukünftige haben müsste. Sie hörte sich an wie eine äusserst detaillierte Stellenbeschreibung, und das war sie auch: „Attraktiv, abenteuerlustig, humorvoll, naturverbunden, offen…“ Nach dem ungefähr zwanzigsten Adjektiv entfernten sich meine Gedanken ein wenig von der Szene.
Es ist ein durchaus vernünftiges Konzept, sich genaue Vorstellungen zu machen von dem Menschen, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will. Ich nehme aber an, dass ich in der letzten Single-Phase vor meiner jetztigen Beziehung anders vorgegangen war. Sollte ich mich dazu verstiegen haben, eine Wunschliste für Amor zusammenzustellen, so war sie sicherlich um einiges kürzer als jene des aktuellen Bräutigams. Ich vermute, ich habe mir damals einfach gewünscht, überhaupt noch unter die Haube zu kommen und nicht ewig Single bleiben zu müssen. Hingegen kann ich mich deutlich erinnern, dass ich mir durchaus konkrete Gedanken machte, wie mein Fahrrad aussehen würde, wenn ich ein beliebig grosses Budget zur Verfügung gehabt hätte.
„… gesellig, romantisch, aber nicht zum Kitsch neigend, zielstrebig, verschmust…“ fügte der Bräutigam in der Ferne gerade hinzu.
Die Vorstellung, wie das wäre, ein Velo nach freier Wahl zusammenbauen (zu lassen), kommt nicht von ungefähr. Ich habe vor vielen Jahren das Buch It’s All About the Bike des englischen Autors Rob Penn gelesen. Er beschreibt darin, wie er sein Wunsch-Rennrad zusammenbaute. Er bestellte sich aber nicht einfach schnöde seine Traumteile im Netz, sondern holte sie persönlich in ihrer Produktionsstätte ab. Vor Ort unterhielt er sich mit Menschen, die mit Herzblut und seit Jahrzehnten Rahmen, Lenker, Laufräder, Speichen, Sättel, Vorbauten oder Pulverbeschichtungen erfunden, fabriziert, verbessert, revolutioniert und optimiert hatten – natürlich alles Grossmeister ihres Fachs. Das Resultat lässt sich sehen:

Mich nähme wunder, wie der Mann seinen Verleger zu einem Vorschuss für eine derartig teure Recherche hatte überreden können. Jedenfalls male ich mir bis heute immer wieder aus, wie mein Velo aussähe, wenn ich nur…
„…eine Geniesserin, aber nicht verschwenderisch; selbstbewusst, ohne egozentrisch zu sein…“
Nun hat ein Fahrrad natürlich weniger Teile als eine ordentliche Ehefrau Charaktereigenschaften. Selbst wenn man die Kugeln aller Lager einzeln zählt! Und ich stellte mir natürlich nie Einkaufsliste zusammen, sondern, wie besagter Bräutigam, lediglich eine Sammlung von positiven Eigenschaften. Einfach vom Fahrrad und nicht vom Weib. Diese Listen waren nie sehr lang und unterschieden sich meist nur in einem Punkt, nämlich der Rahmenfarbe. Wie oberflächlich von mir! Klar, mal waren die Räder grösser, um schnell rollen zu können, mal etwas kleiner, damit sie sich bei einer Reise durch die Wüste Gobi nicht gleich zusammenfalten würden wie Papierschirmchen auf einem Eisbecher; mal wollte ich einen schlichten geraden Lenker, mal einen tinguelyesken (Sie brauchen nicht nachzuschlagen, ich hab das Wort eben selbst erfunden).

Aber am Ende stand immer ein kräftiges Reiserad vor meinem geistigen Auge (vergleiche dazu auch diese Jugenderinnerung).
Über die aufs Allerallerwichtigste reduzierte Zusammenfassung, wie ein Velo sein muss, viel konzentrierter und konziser als ich es je gekonnt hätte, stolperte ich dann vor etwa zehn Jahren im Internet, als ich dort von einem kleinen Fahrradhersteller aus Helsinki namens Pelago las. Und ich war begeistert: Diese Leute stellen nicht nur äusserst schöne Velos und interessante Zubehörteile her. Sie verstehen es auch, ihre Produkte in der Umgebung der finnischen Hauptstadt effektvoll in Szene und dann auf ihre Website und ihren Instagram-Account zu setzen.

Ich biss sofort an, reiste einige Monate später nach Helsinki und besuchte den Laden an der wunderschönen Adresse Kalevankatu 32, einer schmalen, gepflästerten Strasse unweit des Hafens. Als ich an einem Samstagnachmittag ankam, war der Laden bereits geschlossen, aber die Belegschaft sass im Hinterhof und trank Bier. Ein T-Shirt verkauften sie mir aber gerne, und ich verschob meinen Besuch im Laden um ein paar Jahre. Stattdessen machte ich eine Stadtrundfahrt auf einem gemieteten Jopo-Bike, das ist eine finnische Design-Legende:

Auf dem T-Shirt prangt das Firmenlogo, und das enthält eben die ultimative Charakterisierung eines, nein DES Velos:

firmitas – utilitas – venustas. Zu deutsch: Festigkeit – Nützlichkeit – Schönheit. Gibt es dem noch etwas hinzuzufügen? Ja, siehe oberer Rand des Stickers: Ein Velo sollte schon seinem Zweck dienen!
Bei aller Kürze handelt es sich um eine durchaus universelle Formel. Schliesslich kann jede und jeder ihre und seine persönliche Definition von Nützlichkeit und Schönheit beibehalten, und wieviel Festigkeit richtig ist, leitet sich dann direkt aus der gewählten Nützlichkeit ab. Wer ein Downhill-Rad nützlich findet, bei dem darf es wohl etwas mehr Festigkeit sein.
Der Bräutigam war immer noch voll bei der Sache. In mir keimte der Verdacht, dass in dem ganzen ledergebundenen Notizbuch nur dieser einzige Eintrag drin stand, dafür aber alle Seiten füllte.
„…eigenständig, doch loyal! Häuslich, doch nicht ohne Neugierde!“
Ein anderer Fahrradhersteller, etwas grösser als Pelago, aber immer noch klein, steht in Walnut Creek in Kalifornien, und setzt ähnliche Prinzipien sehr konsequent um, mit etwas mehr Betonung auf Nützlichkeit. Unseren europäischen Augen mag sich diese Schönheit nicht unmittelbar erschliessen – zu viele Sportgeräte schauen wir uns ständig unter dem Begriff Velo an.

Wenn man sich die – natürlich auf Film aufgenommenen – Schwarzweissfotos der Velos im Einsatz auf der Website von Rivendell Bicycles anschaut, kriegt man aber ganz viel venustas zu sehen. Firmitas und utilitas en masse, und die Räder dienen ihrem Zweck ganz bestimmt. Aber lesen Sie doch gleich selbst, wie Rivendell seine Produktpalette umschreibt:

Mir gefällt der Begriff weekend warriors überaus, er ist so anschaulich. Übrigens: Der Gründer und Besitzer von Rivendell ist natürlich unser Guru Grant, und er hat auch den in seiner Philosophie zentralen Begriff unracer geprägt. (Interessiert? Bei The Bike Show von Jack Thurston gibt es ein Interview mit Grant zu hören.)
Anders als bei einer Braut kann man übrigens ein Velo, das man einmal gekauft hat, hinterher je nach Laune und sich wandelnden Ansprüchen immer wieder mal neu gestalten. Die Welt ist gross, und jene der Veloteile noch viel grösser. Die beiden beschriebenen Hersteller sind nur zwei von ganz vielen, die das auch so sehen und nicht bloss Stangenmode verkaufen, sondern potenzielle und ewigwährende Lieblingsteile. Man ersteht in Helsinki und in Walnut Creek, ganz nach Lust und Können, wahlweise einen Rahmen, einen Rahmen und eine Tüte voll von handverlesenen Teilen oder ein fertiges Rad nach Empfehlung des Hauses (immer ein guter Tipp, wie in einem italienischen Restaurant).
Nicht unähnlich einer Paarbeziehung verändern sich die Teilnehmenden schliesslich auch im Ross-und-Reiter-Gespann im Lauf der gemeinsamen Zeit. Man passt sich dann einander an (oder nicht), probiert Neues aus (oder nicht) und analysiert die Basis für den weiteren gemeinsamen Weg (oder… genau). Mit meinem Workhorse (das Eines-für-alles-Rad des Alltagsgebrauchs) bin ich seit fünfzehn Jahren zusammen. In dieser (für eine Stahlrahmen-Beziehung) kurzen Zeit habe ich schon Sattel und Stütze, Lenker und Vorbau, Pedale und Kurbel, Scheinwerfer, Träger hinten und vorne sowie die Griffe ausgetauscht. Verschleissteile wie Reifen, Schläuche, Kette oder Zahnräder fliessen natürlich nicht in die Aufzählung ein. Quasi das zerschlagene Porzellan in der Beziehung. Ich gebe zu, das klingt jetzt gerade so, als ob sich da jeweils der Reiter verändert und das Ross sich anpasst. Einseitig nur der Vorname. Aber wir sprechen hier ja in Bildern, da darf man nicht alles auf die Goldwaage legen. Ausserdem habe ich mich durchaus auch angepasst, zum Beispiel, als sich das Rad einen weiter nach hinten geschwungenen Lenker zugelegt hat. Da musste ich meine Sitzposition schon auch ändern.
„… eine geschickteTänzerin und begeisternder Koch. Ein bisschen crazy, aber durchaus verantwortungsbewusst…“
Und wieso habe ich diesen nicht unerheblichen Aufwand an Zeit, Geld und Nerven betrieben? Natürlich um den Beziehungskiller Nummer eins in Schach zu halten: die Langeweile. Mit Erfolg! Ich fahre seit Anbeginn unserer gemeinsamen Zeit viermal die Woche mit dem Rad ins Büro – seit einem Jahrzehnt ist jeder Weg zwölf Kilometer hin, zwölf Kilometer zurück – und am Wochenende gehen wir oft zusammen einkaufen oder auf einen Ausflug. Da könnte man sich schon irgendwann abhandenkommen. Aber immer noch freuen wir uns jeweils beide darauf. Ehrlich gesagt, manchmal bereitet es mir fast Sorgen, dass meine Frau nicht eifersüchtig wird.
Vorsichtig einsetzender, dann rasch anschwellender und schlussendlich tosender Applaus riss mich jäh aus meinen Gedanken. „Und heute“, endete der Bräutigam, “ stehe ich hier mit meiner Braut, und ich kann wirklich sagen: Alles, aber alles, was ich mir gewünscht habe, hat sich erfüllt!“ Die Brautleute benetzten einander mit Tränen der Rührung, und wir, die Gäste uns selbst ebenfalls. Das Brautpaar überschütteten wir mit guten Wünschen, Applaus, Reis, und Blütenblättern. Auf ein Poster mit spezifischen Wünschen für das Paar kritzelte ich spätnachts: „Sollte es euch einmal langweilig werden miteinander: Just Ride!“ (einfach ohne Hyperlink). Denn das hilft einfach immer.

Ein Gedanke zu “Wie es euch gefällt!”