Vor wenigen Tagen, ich rollte gerade auf meinem Arbeitsross entspannt nach Hause in den Feierabend, da überlegte ich mir dieses und jenes, und heraus kam unter anderem das: Velofahren hat viel mit Vertrauen zu tun – auf den verschiedensten Ebenen. Auch auf unerwarteten.
Am Beginn jeder Velobiografie steht das Selbstvertrauen: Werde ich jemals ohne die blöden Stützräder fahren können, obwohl mein Velo dermassen stark wackelt und eiert? Gleichzeitig ist manchmal (wie in meinem Fall) Vertrauen in deinen grossen Bruder gefragt, der dir sagt, er lässt dich gleich los, und du wirst trotzdem weiterfahren, wenn du nur tapfer pedalst – es wäre ja nicht auszuschliessen, dass er dich wieder mal reinlegt.
Ist das Selbstvertrauen so weit gefestigt, dass das Fahren zur Routine wird, sind deine Eltern an der Reihe. Sie müssen dir vertrauen, dass du deine Kurven auch zwischen Randsteinen, Sicherheitslinien und Autos sauber ziehen kannst und dich in den nicht ungefährlichen Verkehr entlassen – anders geht das nicht. Es folgt das Vertrauen in die anderen Verkehrsteilnehmer und dass sie tun, was sie tun sollten (zum Beispiel blinken, bevor sie vor dir abbiegen) und lassen, was sie nicht tun sollten (zum Beispiel auf dem Längs-Parkfeld die Autotür öffnen, ohne über ihre Schulter zu gucken.
Wer das alles gemeistert hat, wird eine ganze Weile entspannt und selbstsicher das dem Fliegen nicht unähnliche Gefühl der Leichtigkeit auf dem Velo geniessen. Dann fällt plötzlich eine Kurbel scheppernd auf die Strasse, und das Vertrauen in den Mechaniker kriegt üble Dellen. Spätenstens wenn der Velocomputer 70 km/h meldet, schleichen sich Fragen nach der Fitness der Vordergabel, der Prallheit der Pneus oder der Stabilität des Stahlrahmens unter deinen Helm. Die verdrängst du zwar sofort, denn du hast ja anderes zu tun in dem Augenblick. Aber sie kommen wieder und wieder. Es gibt angeblich Leute, die sagen: „Vertrau keinem Rahmen, den du nicht selbst gebaut hast.“ Würde ich das praktizieren, dann wäre ich heute Fussgänger, weil ich nie einen Rahmen gebaut habe. Hätte ich einen gebaut und ihm vertraut, wäre ich womöglich unter der Erde, bei meinem handwerklichen Geschick.
Ich gebe zu: ab und zu führe ich eine kurze Bremsprobe durch, bevor ich mich mit dem Rennvelo in eine Abfahrt stürze, ganz unauffällig und geräuschlos. Ich fahre erst in einen Kreisel, wenn ein rechts blinkendes, von links herannahendes Auto auch wirklich aus dem Kreisel abbiegt. Ganz nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Bremsen ist besser.“ Aber die meiste Zeit bin ich mit Vertrauen aller Art unterwegs, nicht zuletzt mit Gottvertrauen (das hilft immer, sofern man kein allzu starres Bild vom lieben Gott hat!).
Erst vor wenigen Wochen dämmerte es mir jedoch, dass ich im ultimativen Vertauenstest noch ganz am Anfang stehe. Und zwar zusammen mit meiner Frau. Das geht so: Alle unsere Kinder mussten in ihrer Kindheit oft velofahren. Einfach weil wir nie ein Auto besessen haben. Wir hatten nämlich immer so viele lustige Ideen, was wir mit unserem Geld sonst anfangen könnten, anstatt es für Benzin, Reifen, Steuern, Versicherungen oder Parkbussen auszugeben. Zum Beispiel Zug-Fahrscheine kaufen. Oder einen Veloanhänger. Oder verschiedenste bunte Velotaschen. In die Veloferien verreisen. Und natürlich Fahrräder kaufen. Shitloads of, sozusagen, und dann auch gleich Fahrradmechaniker unterstützen mit einem Haufen Reparatur-Aufträgen (oder haben Sie geglaubt, ich hätte einer geregelten Erwerbsarbeit nachgehen können, wenn ich immer alle bis zu elf Velos in unserem Haushalt selbst gewartet hätte? Ts!).
Unsere Velos gehörten immer fast so sehr zur Familie wie die Katze, und so machten wir alle möglichen Alltagsverrichtungen mit den Rädern und erlebten viele wunderbare Veloreisen. Nicht weil wir es richtig oder wichtig fanden. Weil es praktisch und naheliegend war und obendrauf meistens Spass machte. (Das Auto, das wegen den ältesten Kindes zu uns fand, ist eine andere Geschichte, die ich gerne ein andermal erzähle.) Zum Velofahren gezwungen haben wir unsere Kinder nicht. Sondern einfach selten eine bequemere Alternative angeboten.
Nun sind unsere drei Kinder fast alle erwachsen, mündig und stimmberechtigt und treffen die Mehrzahl ihrer Entscheide selber (wurde aber auch Zeit) – auch ihre Mobilitätsentscheide. Daher stehen nun zwei Velos permanent bewegungslos im Velostall und setzen Staub an. Ein drittes wird so selten gebraucht, dass es garantiert immer zuerst gepumpt werden muss. Die Kinder fahren ÖV und gehen bis zur Haltestelle. Zweihundert Meter zum Dorfladen, um eine Dose Cola zu holen? Zu Fuss, natürlich, obwohl der Hinweg dank der Hanglage ohne einen einzigen Pedaltritt in fünfzehnSekunden gemacht werden könnte – und zurück könnte auch ein phlegmatischer Teenager zur Not sein Fahrrad schieben. Zwei Kilometer zum Bahnhof radeln und dafür länger schlafen morgens vor der Schule? Fehlanzeige! Zwölf Kilometer zur Schule sausen, gar, quasi alles bergab oder flach? Wo denken Sie hin! Müssen wir über Veloferien mit der Familie reden, ganz abgesehen davon, dass wir Eltern senile Vollidioten sind?
Das ging mir auf der eingangs erwähnten Heimfahrt durch den Kopf, beschäftigt mich aber auch sonst immer wieder mal: warum schlagen die alle aus der Art („Ich hasse Radfahren!“)? Wieso ist es ihnen plötzlich peinlich, auf einem Velo erwischt zu werden? Wie können sie den treuen Begleiter durch ihre Kindheit so einfach für ein paar fette Kopfhörer und coole weisse Sneakers abservieren? Diese Fragen halten aber nie lange an. Ich habe inzwischen genug Vertrauen in unsere Erziehung – besser: unser Beispiel – und in den Verstand unserer Kinder. Und ausserdem genug Distanz zu ihrer Kindheit, um überzeugt zu sein, dass erst mal weggehen muss, wer zurückkehren will. Absteigen, wer aufsteigen will. Irgendwann werden sie von allein wieder darauf kommen, dass das Velo in vielen Fällen (beileibe nicht in allen – auch wir haben unsere Möbel schliesslich nicht aus Papier gefaltet) das praktischste und schlauste Verkehrs- oder Transportmittel ist. Das mag noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit machen einzelne unserer Freunde schon Witze darüber, dass ausgerechnet unsere Kinder keine Velo-Nerds seien. Sie könnten falscher nicht liegen, wenn sie befürchten, wir seien enttäuscht deswegen.
Und wenn sie doch nicht wieder aufsteigen? Auch egal. Wirklich. Dann wissen wir immerhin, dass sie zu mündigen und eigenständigen Menschen geworden sind.
