Vorbemerkung: Der Titel bedeutet nicht, dass dieser Post an einem Tresen geschrieben wurde. Vielmehr handelt es sich um eine Inhaltsangabe.
Lange ist es still gewesen um den Velorahmen-Barhocker, den wir kurz vor Weihnachten 2020 als Beinahe-Weltneuheit hier vorgestellt haben. Diese Stille hat nichts mit weihnächtlicher Andacht zu tun. Wir haben den Hocker nämlich in der Zwischenzeit subtil weiterentwickelt –
– und uns in langen Testreihen Grad um Grad und unter Schmerzen und Taubheitsgefühlen dem optimalen Neigungswinkel des Sattels angenähert. Das war, wie wir festgestellt hatten, ein weitgehend brachliegendes Forschungsfeld, das wir herzhaft umpflügen durften. Es wurden zwar bereits zig bis hunderte Millionen von Velosätteln für den Gebrauch zum Velofahren eingestellt, was aber eine ganz andere Geschichte ist als die Benutzung des Sattels auf einem Sitzmöbel. Da unter vernünftigen Bedingungen keine Pedale und schon gar keine Tretbewegung involviert sind beim Barhocker (zur Namensgebung kommen wir noch), sind die Gewichtsverteilung und die absolute Gewichtsbelastung der Sitzknochen komplett anders.
Die Resultate lassen sich folgendermassen zusammenfassen:
- Auf dem Hocker muss der Sattel deutlich mehr nach hinten geneigt werden als auf dem Velo;
- Geschlechterspezifische Unterschiede (so sehr sie in der modernen Gesellschaft in Verruf geraten sind) akzentuieren sich auf dem Barhocker mit Velosattel; Unterschiede zwischen jedweden Geschlechtern bezüglich dem Verhalten auf Barhockern im Allgemeinen waren nicht Gegenstand der Studie;
- Schmale und dünn gepolsterte Sättel wie Rennsättel sind tendenziell wenig geeignet für das statische Sitzen auf einem Barhocker;
- Wie beim Velositzen ist auch beim Hockersitzen die Sattelhöhe ein wesentlicher Parameter mit grossem Einfluss auf das Sitzerlebnis;
- Harnwege und Steissbein sind am empfänglichsten für Sitzbeschwerden;
- Letztendlich gibt es so viele Lösungen wie Menschen, und daher resultiert weder eine Empfehlung noch eine Formel oder Ähnliches. Jede und jeder muss, wie beim Aufbauen ihres und seines Velos einige Entscheide treffen, die ihr und ihm und allen übrigen niemand abnehmen kann.
Der letzte Punkt kann beim flüchtigen Hinschauen als Scheitern unserer Testreihe interpretiert werden. Das wäre aber ein grosses Missverständnis. Stattdessen sollte gewürdigt werden, dass wir nun mit Zahlen belegen können, was alle bisher nur vermutet haben.
Noch ein bedeutender Hinweis für alle, die jetzt ihre Velosattel-Barhocker und Inbusschlüssel rausholen, um die Sattelnase zu justieren: Jede Einstellung sollte nach unserer Erfahrung durch ein mindestens zehnminütiges Sitzintervall getestet werden. Die Schmerzen stellen sich üblicherweise erst ein, wenn man danach aufsteht, und deren Intensität diente uns als Messgrösse. Wir benutzten eine selbstfabrizierte ganzzahlige Schmerzskala, die von null („War da was?“) bis zehn (Testperson ist mit dem Äussern von Schmerzlauten so sehr beschäftigt, dass sie keine Aussage bezüglich ihres Schmerzempfindens machen kann) reicht. Zum besseren Verständnis: dem Schmerz, der sich einstellt, wenn eine erwachsene Person auf einem Parkettboden barfuss auf einen Legostein tritt, sollte der Wert sechs zugeordnet werden, sonst gilt es nicht.
Wem so eine Skala zu unpersönlich, zu wissenschaftlich oder zu bieder ist, kann auch eine Befragung der Testperson als Beurteilungsmethode verwenden. Fragen wie „Wie ist dein Name?“, „Könntest du dir vorstellen, jetzt ein Klo zu benutzen?“ bis „Wo hört, nach deinem aktuellen individuellen Empfinden und bei geschlossenen Augen, dein Körper auf?“ liegen hier nahe, können aber auch erweitert werden.
Im oben erwähnten älteren Blogeintrag wurde der Vorbehalt geäussert, dass noch kein Tisch gefunden worden war, der eine geeignete Höhe aufwies, um sich mit dem Velobarhocker daran zu setzen. Dieses Problem wurde gelöst, indem der Hocker seit nunmehr drei Jahren an einem höhenverstellbaren Bürotisch zum Einsatz kommt. Daher schlagen wir dringend vor, künftig nicht mehr von einem Velobarhocker, sondern von einer velosattelunterstützten Sitzhilfe (kurz VUS) zu sprechen. Damit kann eine allfällig unbewusst empfundene Einschränkung des Gebrauchszwecks dieses Möbels ausgeschlossen werden.
Schlussbemerkung: Diese Beschreibung des Versuchs klingt jetzt etwas oberflächlich, lückenhaft oder gar behämmert. Der Grund dafür ist, dass wir die Publikation der Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Zeitschrift vorbereiten. Um deren Chancen nicht zu kompromittieren, halten wir uns hier etwas bedeckt, quasi populärwissenschaftlicher Aufsatz. Interessante Detailfragen können aber in den Kommentaren deponiert werden. Danke für Ihr Verständnis.


Hier kommt schon die ersten Detailfrage: In welcher wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert ihr denn normalerweise? Bei Schwierigkeiten empfehle ich sogenannte Räuberjournale: https://de.wikipedia.org/wiki/Predatory_Publishing
Noch wichtiger: Steht das Dingsbums in deinem Büro oder ’nur‘ zu Hause am Bürotisch?
Wenn unsere Daten ausreichend belastbar sind: Journal of Interior Design. Wenn die Reviewer schwierig tun: Coop Zeitung.
Der professionell gestylte Hocker gehört natürlich in ein hochprofessionelles Umfeld, also Büro-Büro.
Gibts davon auch schon eine Fully-Version? (…habs halt mit dem Rücken!)
Grossartiger Vorschlag! Das entwickelt sich langsam zu einer Geschäftsidee! Ich denke da auch an einen Sattellift für die Benutzung an höhenverstellbaren Tischen, einen Bidonhalter am Sattelrohr für den Thermosbecher Kaffee oder eine Satteltasche für persönliche Utensilien wie Kamm, Lippenstift oder Raucherwaren. Hat Potenzial!