Eine Art Jahresrückblick

Das neue Jahr ist bereits nicht mehr so ganz neu. In etwa so wie ein fabrikneuer, neu aufgezogener Velopneu, wenn man testhalber eine Runde durchs Quartier gerollt ist: wer genau hinschaut, kann den Strassenstaub auf dem neuen, weichen, schwarzen Gummi kleben sehen, aber der Reifen hat noch quasi die ganze Leistung in sich, die man von einem modernen, nach branchenüblichen Standards gefertigten und dann für kurze Zeit auf geeignete Weise gelagerten Reifen erwarten darf. Er fühlt sich auf Fingerdruck durchaus prall an. Das kann aber auch am Gefühl auf Höhe der Gürtellinie liegen, das sich bei erwachsenen Menschen in Industrieländern um diese Jahreszeit herum einzustellen pflegt.

Jedenfalls: Zeit, dass ein anständiger Veloblog wie dieser hier einen ersten scheuen Post auf den langen Weg durchs neue Jahr schickt. Wegen der Kälte, die sich urplötzlich auf die Festtage hin eingestellt hat, zusammen mit der Grippe, hat sich wenig bis gar kein Velofahren ereignet in den letzten zwei Wochen. Was soll man also schreiben? Wir wissen es nicht, so wenig wie wir wissen, was ihr da draussen gerne lesen würdet. Wer das möchte, darf uns gern seine Lieblingsthemen in einer einigermassen höflich und knapp formulierten E-Mail-Nachricht an paultamburin2@gmail.com zuschicken. Wir werden diese gerne berücksichtigen, sofern das die Tagesaktualität und unsere Fachkompetenz im jeweiligen Thema erlauben. Danke!

Um die Zwischenzeit bis zum Wunschkonzert zu überbrücken, habe ich mich im Entwurfsordner umgesehen und einen Eintrag vom Januar 2025 gefunden. Er hat mich, offen gesagt, ziemlich beschämt:

Ich bin kein Konsumverweigerer, sonst hätte ich ja nicht fünf Fahrräder. Auch Velotrikots besitze ich mehr als nur eines, obwohl ich, hätte ich nur ein einziges, dieses ja bei Bedarf bis zum nächsten Einsatz mehr als nur einmal waschen könnte. Dennoch habe ich mich bisher nicht für verschwenderisch gehalten, was velobezogene Ausgaben betrifft. Auch die genannten fünf Velos sind sehr gut zu begründen!

Aber als ich aber kürzlich meine Kreditkartenabrechnung des vergangenen Jahres durchging (einfach so, aus Neugier, fiel mir auf, wie viele Bestellungen von Fahrradzubehör ich 2024 getätigt hatte. Viel mehr, als ich gedacht hätte!

Es ist aber auch ein Fluch: das Internet zieht einem dank Cookies und Datenhandel stets den richtigen Speck durchs Maul, so dass man Zugang zu allen weltweit erhältlichen Artikeln auf der Welt hat. Und es gibt immer wieder mal eine tolle Neuerung. Ich schreibe ‚toll‘, nicht ’nützlich‘. Nützliche Neuerungen lassen sich in der Veloindustrie viel Zeit, und das ist auch nicht verwunderlich, denn das Velo ist eben schon sehr weit entwickelt in seiner Schlichtheit. Dennoch gibt es natürlich in den unendlichen Weiten des Internets stets viel Unnötiges, aber Hübsches zu kaufen. Teures, aber Praktisches. Sachen, die man in irgendeiner Form schon hat, aber nicht so schön oder nicht so neu. Ihr kennt das alle.

Diese Entdeckung veranlasst mich nun zu einem weiteren wagemutigen Selbstversuch. Dieser sieht so aus: Für den Rest dieses Jahres werde ich für meine Velos und deren Gebrauch nur noch absolut unverzichtbare Anschaffungen tätigen. Also Verbrauchsware (Reifen, Schläuche, Sattelfett, Bremsbeläge) und den Ersatz von verlorenen oder defekten Teilen (Spanngummis, Ventilkappen, Mützen, Hosenbänder, Unterlagsscheiben) – aber keine neuen Trikots, keine neuen Bücher, keine neuen Zeitschriften-Abos. Und schon gar keinen Ausbau des Fuhrparks und keine neuen Werkzeuge, die man dann nur einmal in sieben Jahren braucht. Ich werde mich zwar auf dem Laufenden halten, was es Neues gibt auf dem Markt, aber dann entspannt den Computer ausschalten und schlafen, essen oder velofahren gehen.

Gerne werde ich euch Zwischenbericht erstatten und Ende Jahr schonungslos Fazit ziehen. Kauft ihr mal immer weiter ein, während ich die Umwelt und mein Bankkonto schone und zeige, was Charakter ist.

Nun ja, was soll ich sagen? Vielleicht dies: Ich bin heilfroh, dass ich den Text damals nicht gepostet habe. Ich wäre aufs Kläglichste gescheitert mit dem vollmundig angekündigten Selbstversuch. Zwar habe ich im vergangenen Jahr nur wenige Anschaffungen gemacht, die über Verbrauchsmaterialien oder Materialersatz hinausgingen (ich kann mich spontan an ein Paar dunkelblauer Socken, eine Smartphone-Halterung für den Lenker am neu erfundenen Tourenvelo sowie einen Pedalschlüssel erinnern, und allein der letztere ist dermassen praktisch und hilfreich, unverzichtbar gar, dass er mich das Scheitern im Selbstversuch locker würde verkraften lassen!). Aber zwei überhaupt nicht zwingende Anschaffungen trüben die Sicht auf mein Konsumverhalten 2025 ganz gewaltig. Ja, sie würden mein Abschneiden in dem Selbstversuch zum Konsumverzicht nicht nur schmälern, sondern es geradezu zerstören. Zum einen habe ich einen Gepäckträger, schmalere Reifen und ein Paar Schutzbleche angeschafft, um mein Gravelbike in ein Reiserad umzubauen. Ja, ich weiss, das ginge ja noch. Aber dann habe ich auch noch ein neues, sechstes Velo angeschafft, obwohl das ja explizit den Regeln des Selbstversuches zuwidergelaufen wäre.

Und damit sind wir beim alle entscheidenden Punkt: wäre! Der Selbstversuch hat nie stattgefunden, weil ich vergessen habe, den obigen Text zu veröffentlichen! Und wer nicht an der Startlinie aufkreuzt, kann nicht gewinnen, nicht verlieren, nicht einmal wegen grober Regelverstösse disqualifiziert werden! Hätte ich teilgenommen, so hätte ich selbstredend kein neues Rad angeschafft. Ist ja klar! Man hat ja Impulskontrolle und Frustrationstoleranz als erwachsener Mensch. Ich persönlich habe darüber hinaus auch noch meine Ehefrau, die mich in solchen Momenten beginnender Schwäche zur Seite nimmt und mir geduldig erklärt, dass so ein zusätzliches Fahrrad zwar schon eine ganz wunderbare Sache wäre, in unserem Velostall aber nun wirklich bei aller Liebe k e i n P l a t z mehr vorhanden sei und dass ich das doch bestimmt einsehe, nicht wahr.

Darum bin ich mit mir selbst im Reinen und freue mich täglich am Gedanken, bald wieder auf meinem neuen Velo oder auch auf einem der nicht mehr ganz neuen Velos durch die Wiesen und Wälder der Umgebung zu fahren und mir dabei schöne Texte für diese Website auszudenken. Denn das geht nirgends so gut wie eben auf dem Velo.

In diesem Sinne: ein frohes neues Jahr, chapeau und just ride!

Willst du einen Kommentar hinterlassen?