Mobilität ist ein grosses Wort, und weil die allermeisten Menschen täglich auf unseren Strassen unterwegs sind, sind wir alle Fachleute der Mobilität. Trotzdem kommt es nicht selten zu groben Missverständnissen zwischen Teilnehmenden am Verkehr. Das ist etwas verwunderlich, denn unsere Strassen sind eigentlich ausgeklügelte High-Tech-Systeme mit aufwendig errechneten Kurvenradien, KI-unterstützten Ampelanlagen und retroreflektierenden Schildern. Darin ist jeder Begegnungsfall vorgesehen und berücksichtigt. Der Faktor Mensch streut aber immer wieder Sandkörner zwischen die Zahnräder. Mein Schwiegervater weiss die Lösung: „Handzeichen schaffen Klarheit!“ So sprach er zum Beispiel einmal, als er mit seinem Auto an einem Fussgängerstreifen dem dort wartenden Fussgänger den Vortritt verweigerte – ihm schenkte er ein unmissverständliches Winken zum Dankeschön, und dem Fussgänger war klar, dass er nun auch über die Strasse durfte.
Missverständnisse sind also Alltag auf unseren Strassen. Davon konnte ich mich kürzlich überzeugen, als ich vom Trottoir aus einen älteren E-Biker beobachtete , der von der Hauptstrasse links abbiegen wollte, aber den Linksabbiegestreifen für Velos übersah (die sind in der Schweiz ja auch so selten wie Sibirische Tiger). Also fuhr er rechts ran und winkte das von hinten nahende Auto vorbei, um danach in Ruhe die Fahrbahn überqueren zu können. Dessen Lenker wollte davon aber partout nichts wissen und machte seinerseits hektische Handzeichen, um den Seniorradler zum Abbiegen zu bewegen. Der wiederum blieb stehen und intensivierte seinerseits die Gestik, was den Autolenker wütend zu machen schien, denn er schnitt nun ärgerliche Grimassen, blieb aber stehen. Ich ging weiter und liess die beiden verhandeln, denn ich hatte ja noch anderes vor.
Nämlich im Baumarkt einzukaufen. Während ich über das beschriebene Beispiel von entgleister Kommunikation nachdachte, näherte ich mich meinem Ziel. Ich stellte fest, dass es dort keinen Fussweg und keine Fussgängerspur von der Strasse über den Parkplatz zum Haupteingang gibt. Ich musste also gezwungenermassen an den ganzen geparkten Autos vorbei. Von hinten rollte ein Wagen an mir vorbei, der Lenker blickte mich im Vorbeifahren genervt an und machte wegwerfende Handbewegungen. Was hatte ich als Fussgänger auch auf einem Parkplatz verloren? Im Gegensatz zu mir wusste er bereits, dass die Fussreise zum Baumarkt nicht vorgesehen ist. Missverständnis meinerseits
Solche Missverständnisse, spielen sich wohl hunderttausend Mal täglich auf den Schweizer Strassen ab. Aber sie sind immerhin harmlos, sofern alle Beteiligten An- und Verstand bewahren.
Ganz anders sieht es aus mit einem wesentlich gravierenderen Missverständnis in der Alltagsmobilität, das mir am selben Tag schon frühmorgens begegnet war. Ich hatte im Magazin „Strasse und Verkehr“, der „offiziellen Zeitschrift des Schweizerischen Verbandes der Strassen- und Verkehrsfachleute“ geblättert. Titelgeschichte: „Die Mobilitätswende ist in Gefahr“.
Dass gerade eine Mobilitätswende stattfindet, ist mir ja neu, also begann ich mit der mir eigenen Neugier für Skurriles den Artikel zu lesen. Und tatsächlich: es ging darin einzig und allein um Elektro- und keine andere Art von Mobilität. Es wurde über die Resultate einer aktuellen Umfrage zur Beliebtheit von Elektroautos berichtet, und die sind tatsächlich verstörend: zwischen 2023 und 2025 ist der Anteil der Befragten, die sich grundsätzlich den Kauf eines Elektromobils vorstellen können, von 61 auf 59 % eingebrochen! Allen, die sich mit nackten Zahlen etwas schwertun, kann eine Grafik zur Veranschaulichung helfen:
Krass, oder? Doch die Umfrage macht an anderer Stelle auch Hoffnung: Von den Befragten, die sich bereits konkret mit dem Kauf eines Automobils befassen, hat heute nämlich ein massiv grösserer Anteil die Absicht, ein elektrisch angetriebenes Modell zu erwerben als noch vor zwei Jahren. Und das ist doch die Zahl, die zählt, wenn es um eine Verkehrswende geht, nicht? (Angaben auch hier in Prozent der Befragten.)
Das mediale Sperrfeuer zum Thema Elektromobilität zeigt also doch Wirkung.
Es wird nicht näher erläutert, was mit dem Begriff „Mobilitätswende“ gemeint ist. Ganz offenbar handelt es sich aber nicht um eine Abkehr von der heutigen ressourcen-intensiven Art, uns fortzubewegen. Der Umstieg von einem Auto auf ein anderes kann aber kaum ernsthaft als „Wende“ bezeichnet werden. Das wäre dann eben ein riesengrosses Missverständnis. Eine „Wende“ ist allenfalls angedacht in der Mobilität von Geld auf dem Weg von der Bevölkerung hin zu den Herstellern.
Einem Missverständnis sitzen übrigens auch all jene freundlichen Verkehrsteilnehmer auf, die auf ihren Vortritt verzichten – etwa bei einer Kreuzung mit Rechtsvortritt, in einem Kreisel oder an einem Fussgängerstreifen – wenn auch in der hehren Absicht, den Verkehr zu verflüssigen. Erreichen tun sie leider das Gegenteil. So bremst beispielsweise ein Velofahrer bereits, wenn er einen wartenden Fussgänger am Streifen entdeckt. Geht dieser dann aber nicht los, sondern winkt den Velofahrer vorbei, gerät der Verkehrsflkuss sofort ins Stocken. Am flüssigsten fährt es sich, wenn alle ihre Rechte und Pflichten kennen. Vortritt geben, wo sie müssen, ihn aber wahrnehmen, wenn er ihnen zusteht. Regeln schaffen nämlich tatsächlich Klarheit und machen Handzeichen überflüssig. Aber nur, wenn alle sie kennen und befolgen.
Je länger ich nachdenke, desto mehr Missverständnisse im Kontext des Fahrrads fallen mir ein. Zum Beispiel: Die Gewichtsdiskussion. So faszinierend die Möglichkeiten zur Reduktion des Gewichts eines Velosattels oder einer Speiche sind: da wird bloss mit viel Geld das Systemgewicht (also Mensch plus Maschine) um wenige Gramm reduziert. Zur Erläuterung ein Rechenbeispiel: Kommt ein achtzig Kilo schwerer Mann in einen Veloladen und kauft sich ein Carbon-Rennrad mit einem Gesamtgewicht von 7’580 Gramm. Sein Systemgewicht: 87.580 kg. Wenig später kommt ein anderer, ebenfalls achtzig Kilo schwerer Mann in den Laden und kauft dasselbe Modell von Rennrad in derselben Grösse, aber mit einem Alu-Rahmen von 9’840 Gramm. Sein Systemgewicht: 89.840 kg. Gehen sie zusammen auf eine Ausfahrt und machen ein Rennen, ist der Carbon-Pilot krass im Vorteil, wie nachstehende Grafik eindrücklich zeigt (oder auch nicht):
Natürlich ist da auch ein Preisschild dran: ein 40 % höherer Preis für 3 % weniger Gewicht. Aber hallo! (Die Zahlen zu Gewicht und Preis stammen von der Website des US-Herstellers Trek für das ungefähr gleiche Modell mit verschiedenen Rahmenmaterialien.)
Aber genug davon!
Oder nein. Ein allerletztes Beispiel. Dieses Missverständnis hat sich gewaschen, denn es ist vielleicht das schwerwiegendste von allen rund ums Fahrrad und omnipräsent in unserem Alltag. Es wird offensichtlich, wenn man durch eine Stadt geht und auf die Strasse schaut und dort fast nur Autos sieht. Oder wenn man in das Schaufenster eines Fahrradgeschäfts blickt und dort nur Rennvelos, Mountainbikes, Gravelbikes und Schaufensterpuppen in Sportbekleidung stehen. Oder einfach, wenn man eine Person fragt, ob sie auch „Velo fährt“. Die Antwort wird in der Mehrheit der Fälle ungefähr so lauten: „Aber sicher! Ich fahre (soundso oft) mit meinem Mountainbike/Rennvelo/Gravelbike (da oder dort) hin. Meins ist aus Carbon, und deins? Bist du auch auf Strava?“ Eher unwahrscheinlich ist eine Antwort in der Art von „Ja, klar, für Besorgungen in der Stadt und natürlich, wenn ich ins Büro fahre. Was soll die Frage überhaupt?“
Ist schon richtig: was soll die Frage überhaupt. Wenden wir uns besser wieder der Verkehrswende zu. Vielleicht beginnt sie ja doch gerade.



