Genug!

Menschen, die sehr begeistert sind von etwas, werden von anderen Menschen, die vom selben Gedanken, Ding oder Tun nichts wissen oder halten, schnell als Spinner oder Nerds oder Freaks abgetan, lächelnd oder kopfschüttelnd. Dabei ist Begeisterungsfähigkeit nichts Schlechtes, solange man minimale soziale Kontakte und einen gewissen Grad an Körperpflege aufrecht erhält! Sondern eher das Salz in der Suppe. Ich weiss, wovon ich schreibe, denn selbst meine Liebsten – sogar meine Allerallerliebste – finden mich ein wenig einfältig, wenn das Erste, was mir an einem freien Sonntag einfällt, Velofahren ist, obschon ich gerade den ganzen Samstag mit Velofahren zugebracht habe. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das nachvollziehen. Aber was soll ich denn tun, wenn mir das Velofahren – auch ich selbst würde es nicht mehr bloss als Hobby bezeichnen – alleine meistens genug ist? Dabei gilt auch für mich in äusserst seltenen Momenten: Genug ist genug. Und das beunruhigt mich dann jeweils ein wenig.

Es ist anfangs Dezember, und während ich das hier schreibe, schleicht der Nikolaus um die Häuser und erschreckt einfache Kindsgemüter. Obwohl sich das Klima gerade wandelt wie Eiweiss im Mixer, ist es seit wenigen Wochen nachts schon empfindlich kalt. Vermutlich habe ich dieses Jahr bisher über dreitausend Kilometer oder etwa hundertfünfzig Stunden für meinen Arbeitsweg auf dem Velo verbracht. Fast immer auf derselben Strecke. Das klingt langweilig, aber auch nach mehr, als es ist. Man gewöhnt sich schliesslich an alles, und ich komme mir nicht im Entferntesten wie ein ‚Velofreak‘ vor (es gibt übrigens einen interessanten Blog mit Namen bikephreak, in dem eine ähnliche Haltung zum Velo zum Ausdruck kommt wie auf dieser Seite hier – Leseempfehlung!). Das Velo für die Alltagsmobilität zu benutzen, ist ein rein rationaler Entscheid in meinen ganz persönlichen Lebensumständen – alles andere wäre mühsamer, langsamer, teurer oder öder. Und dass meine Nachbarn morgen für morgen zu anderen Entscheiden kommen, verwundert mich nicht im geringsten. Das ist eine ganz persönliche Sache, und darum so schwer zu beeinflussen.

Gestern kurz vor Mittag aber, an einem Samstag, als ich in die Stadt fahren wollte, um zu schwimmen und Besorgungen zu machen, stand ich im Velostall (die Sonne schien, es war bestimmt sieben Grad warm, und nur ein leichter Wind ging) und sagte zu mir: Genug! Jetzt habe ich die Nase voll. Danach geschah nichts Besonderes. Ich fuhr in die Stadt, mit dem Wind im Rücken hin und mit der Sonne im Gesicht zurück, und die schlechte Laune, die mir den ganzen Vormittag auf den Fersen gewesen war, hatte sich verlaufen. Trotzdem sass mir die Verwunderung über den Augenblick, an dem ich am liebsten wieder zurück ins Haus gegangen wäre und mich aufs Sofa gelegt hätte, irgendwie in den Knochen.

Grund für meinen Ärger: Es ist bei allen Vorzügen des Velofahrens im Alltag nicht zu leugnen, dass man dazu im Winter besser warme Sachen anzieht. Meine Pendlerstrecke führt zuerst mal volle zwei Kilometer bergab. Da fahre ich über vierzig, und das wird schnell mal ungemütlich, wenn man unnötig viel Haut zeigt. Also ziehe ich Mütze, Halstuch, Handschuhe aller Art, Überschuhe oder dicke Socken und manchmal auch Knielinge unter der Jeanshose an. In der Streckenmitte folgt dann ein langes Flachstück, die letzten zwei der insgesamt elf Kilometer steigen wieder sanft an. Das bedeutet, dass ich im Winter und nicht im Sommer durchgeschwitzt ins Büro komme, denn ein Boxenstopp zur Tenü-Erleichterung wäre mehr als umständlich.

Zu meinen oben erwähnten ganz persönlichen Lebensumständen gehört, dass ich das Privileg habe, in einem Einfamilienhaus zu wohnen. Aber auch, dass unser Velostall volle sechsunddreissig Treppenstufen tiefer liegt als die Türschwelle, über die ich das Haus verlasse. Heisst: Wenn ich einmal ein einziges Teil meines Wintervelokostüms im Haus liegen lasse, muss ich wieder hochsteigen, um es zu holen. Natürlich vergesse ich nie die warmen Socken oder die winddichte Jacke. Sondern immer, immer eins der Kleinteile, die ich erst kurz vor der Abfahrt anziehe. Oder vielleicht den Veloschlüssel, was ich erst beim finalen Check bemerke. Also klettere ich mollig warm bekleidet die ganzen sechsunddreissig Stufen wieder hinauf, suche mit stinkiger Laune das fehlende Teil (Handschuhe, Schlauchtuch, Hosenband, Smartphone, Mittagessen, oder auch – nicht zu unterschätzen – ein Taschentuch) und eile wieder hinunter in die Garage (denn inzwischen bin ich im Rückstand auf die Marschtabelle). Es ist – auch für mich kaum zu glauben – schon vorgekommen, dass ich, unten angelangt, das Fehlen eines weiteren Gegenstands bemerke. Oder mich erinnere, dass ich die Heizungstür nicht für die Katze geöffnet habe, damit sie raus kann. Dann gibt es eine Ehrenrunde.

Wenn ich dann in übersetzter Geschwindigkeit die ersten Meter den Hügel hinabgerollt bin, macht sich der erkaltende Schweiss bereits bemerkbar. Solche Tage können in der Regel nur noch mit einer entspannten Velofahrt in hübscher Umgebung gerettet werden. Und das werden sie so gut wie immer! Denn ein weiteres Privileg, das ich sehr geniesse, ist, dass ich durch Felder, Wälder und Wiesen, entlang von und quer über Flüsse in die Stadt fahren darf.

Im Lauf des Spätherbsts, im Frühwinter, fängt sich diese Mühsal an zu summieren. Nur ganz langsam und zu Beginn unauffällig. Der forschende Blick aus dem Fenster ins morgendliche Stockdunkel, ob wohl mit Eisglätte zu rechnen sei. Das An- und Ausziehen der Schutzausrüstung zweimal am Tag; jederzeit ein frisches T-Shirt fürs Büro bereithalten, ebenfalls an- und ausziehen. Alles nur kleine, aber mühsame Dinge. Und alle paar Jahre geschieht es dann, dass sie in ihrer Summe meinen Geduldsfaden sauber und geräuschlos durchtrennen, gerade so wie das Samuraischwert von Kevin Kostner den Seidenschal von Whitney Houston im Film Bodyguard. Doch, die Dramatik ist dem Vorgang durchaus angemessen! Dann empfinde ich es als Zumutung, dass Velofahren draussen stattfindet, dass ich mich selber anziehen muss und dass es überhaupt einen Winter gibt, wo doch im Sommer fast alles so viel mehr Spass macht, herrgottnochmal!

Aber anders als im Film kommt es beim Frost-Frust über das Velopendeln zu einem Happy End: Ich nehme ein-, höchstens zweimal den Bus, obwohl ich durchaus noch fahren könnte, wenn ich wollte. Dann ist alles wieder vergessen, und ich steige schon am dritten Tag frohgemut wieder aufs Rad, noch bevor es hell wird.

Das alles hat dann auch wieder seine Vorteile, quasi reinigendes Gewitter: Ich beweise mir selbst und meiner Umgebung, dass ich kein Getriebener, kein bornierter Velo-Nerd bin, der zwanghaft Velo fährt. Sondern durchaus in der Lage, morgens eine erwachsene Entscheidung über die ideale Mobilitätsform für den Weg zur Arbeit zu treffen. Und damit bin ich dann doch weiter und freier als ein grosser Teil der arbeitenden Bevölkerung, all jene, die einsam und alleine in ihrem Auto Richtung Innenstadt ruckeln. Mein Radweg ist weit von allen Strassen entfernt, sonst würde ich sie jeweils mit einem fröhlichen Gruss aufmuntern.

Willst du einen Kommentar hinterlassen?