Nein, ich bin nicht grössenwahnsinnig. Aber der Titel von so einem Blogpost sollte ja nicht allzu lange sein. Er kann darum nicht etwa lauten: Ich verhalte mich in Sachen Velofahren manchmal ganz ähnlich wie die Gesamtbevölkerung. Wie das? A) Ich weiss zwar, dass gewisse meiner Verhaltensweisen nicht gut sind für mich. B) Ich wüsste, wie ich dieses Verhalten korrigieren könnte. C) Ich mache es trotzdem nicht besser, aus verschiedenen nicht wirklich stichhaltigen Gründen. D) Eine gezielt verbesserte Infrastruktur hilft mir, mein Verhalten zu verändern.
Unser Haus wurde die vergangenen 46 Winter hindurch von einer Ölheizung warm gehalten. Das hat recht gut funktioniert, solange alle zwei, drei Jahre eine unerhörte Menge an Heizöl in den Öltank im Keller gepumpt wurde. Ein gutes Gefühl hatten wir dabei natürlich nie, seit wir vor über zehn Jahren eingezogen sind. Schliesslich haben wir Kinder, und deren Kinder hätten gerne auch noch eine Atmosphäre zum Atmen, wenn sie mal auf der Welt sind. Also haben wir diesen Herbst eine neue Heizung installieren lassen, die kein Heizöl mehr verbrennt (stattdessen braucht die neue Heizung Strom, aber diesen stellen wir immerhin teileise selber her auf unserem Dach, womit die Ökobilanz deutlich besser ausfällt). Als direkte Folge davon benötigt unser Haus keinen Öltank mehr, und so kamen wir urplötzlich zu einem zusätzlichen Zimmer in unserem Haus. Das war uns erst im Lauf des Planungsprozesses aufgegangen, und ich freute mich viel mehr auf den neuen Raum als auf die neue Heizung, irgendwie. Zwar ist er nicht geheizt, hat keine Fenster, nur vier runde Löcher, durch die man eine Literflasche Wein schieben könnte. Aber etwa zwölf Quadrat- oder 27 Kubikmeter Platz bietet es dennoch. Manche Stunde lang malte ich mir aus, was ich mit diesem prächtigen Geschenk alles anfangen würde.
Als Erwachsener trifft man aber erwachsene Entscheidungen, und so entstand weder ein man cave noch ein Weinkeller. Keine Sauna (nun, wir haben beriets eine, wenn auch eine kleinere), und – das schmerzt besonders – keine Velowerkstatt mit jedem einzelnen Werkzeug, das bei Park Tool im Angebot ist. Es hängt nun kein Sony Bravia Projector 9-Beamer mit 4K-SXRD-Technologie und 3840 x 2160 Pixeln (28’681.75 CHF im Versandhandel) von der Decke, sondern eine einfache Kellerleuchte, an der man immerhin drei verschiedene Lichttemperaturen zur Auswahl hat. Entlang den Wänden stehen Gestelle, eins mit Vorräten, eins mit Weinflaschen, eins mit Schuhen, sowie der Grill, der verbringt dort seine Winterpause.
Trotzdem bin ich zufrieden mit dem Keller. Er hat meine Gewohnheiten beim Velofahren verändert!
A) Mein schlechte Angewohnheit: Weil ich im Winter wenig Velo fahre wegen Eis, Kälte und Streusalz, schnalle ich jeweils mein Rennvelo auf eine Trainingsrolle, die ich im Zimmer unserer Tochter aufbaue und übe auf diese Weise. Allerdings wird das trotz Unterhaltung aus dem Laptop bald einmal langweilig, zudem muss ich jedesmal mühsam Rad und Rolle auf der schallabsorbierenden Matte aus der Ecke zerren und am Ende wieder zurückschieben. Deshalb verschiebe ich den Start ins Wintertraining immer bis mindestens in den Januar mit der Ausrede, das Wetter werde doch wohl nochmal herbstlich warm werden.
B) Wie könnte ich mein Verhalten ändern? Ich bräuchte einfach etwas mehr Motivation, müsste an die verkürzte Leidenszeit im Frühling auf der Strasse denken und an den runden Tritt, den man sich auf einer Rolle wunderbar aneignen kann.
C) Wieso mache ich das dann nicht? Weil ich die ganzen Bücher, die sich über den Sommer in der Bücherwand angesammelt haben, auf dem neuen Sofa, das ich noch viel mzu wenig nutze, nachlesen muss. Ausserdem brauchen mich meine Freunde, die ich in den Fahrradmonaten komplett vernachlässigt habe, und meine Kochkünste müssen aufdatiert werden.
D) Und wie kann mir Infrastruktur dabei helfen, ein besserer Mensch zu werden mein Verhalten meinen Absichten anzupassen? Erraten: ich nutze den frisch gewonnenen Kellerraum, dort kann ich die Rollen-Installation über den ganzen Winter stehen lassen, nach dem Üben absteigen, Richtung Dusche marschieren und nicht mehr zurückschauen. Bis zum nächsten Training, auf das ich mich nun viel mehr freue, weil ich einfach aufsteigen und lostreten kann.
Und was lernen wir daraus für die ganze Gesellschaft?
A) Üble Angewohnheit: wir fahren viel zu viel Auto. Dabei möchten wir doch eigentlich alle gerne Geld sparen, uns häufiger bewegen, das Klima schonen, schneller und nervenschonender zur Arbeit kommen.
B) Wie ändern? Indem wir einfach zu Fuss oder mit dem Velo ins Büro, zur Schule, zum Bahnhof, zur Sauna, zur Grossmutter, zum Einkaufen (doch, das geht! Einkaufstrolley nehmen bzw. Gepäckträger ans Velo schrauben oder sich sonstwas einfallen lassen (Foto: Nürnberger Nachrichten)).
C) Warum tun wir das dann nicht? Weil wir zu träge sind. Ausserdem: Wir haben ja ein Auto in der Garage stehen, das ist bezahlt und kostet stündlich Steuern und Versicherung. Wär ja schade ums Geld! Viele lügen sich auch einfach in die Tasche: „Mit dem Auto bin ich viel schneller da!“ Klar, wenn sie hundert Kilometer Arbeitsweg haben. Bis zehn Kilometer: eher nicht. „Ich mach meine Kleidung schmutzig auf dem Fahrrad!“ Zieren Sie sich mal nicht so. Wenn ein feiner Anzug oder ein schickes Deux-pièce Pflicht ist, stimmt sowieso was nicht mit Ihrem Arbeitgeber. Und wenn Sie doch bei ihm bleiben wollen, halten Sie ein paar markige Sprüche bereit, falls mal ein Vorgesetztes an ihrer Kleidung herummault. „Das ist doch gefährlich!“ Das ist tatsächlich nicht wegzureden. Darum mache ich mir ja die Mühe, diesen Text hier zu schreiben. Denn: in der Herde sind wir sicherer. Gehören Radfahrer zum alltäglichen Strassenbild, werden sie besser beachtet. Das ist erforscht und belegt, schlagen Sie im Internet mal den Begriff safety by numbers nach. Oder nutzen Sie einfach Ihren gesunden Menschenverstand. Wenn der nicht zu finden ist: benutzen Sie den öV.
D) Was hat das mit Infrastruktur zu tun? Alles! Wenn das Velofahren Spass macht, weil wir Radwege und Radstreifen und Velostrassen nützen können, die komfortabel, sicher, direkt und durchgängig sind, die velofahren für alle von 8 bis 80 zulassen, sogar das Nebeneinanderfahren, damit wir uns unterhalten können; wenn auch der Fussverkehr sicher geführt wird – dann erledigen sich die Übrlegungen, wie man denn nun überallhin fahren will. Entsteht solche FUss- und Velo-Infrastruktur, kommen die Velofahrenden und Zufussgehenden hinterher – „Build it and they’ll come“, heisst es unter englischsprachigen Planern, Aktivisten und Politikern.
Wo Autos auf innerstädtischen Nebenstrassen zu Gast (‚te gast‘ auf niederländisch) und Velospuren fast durchgehend rot eingefärbt sind, damit sie für alle sichtbar sind, fühlen sich auch Zufussgehende wohler und vermehren sich auf wundersame Weise (nicht im biologischen Sinn).



Immer noch nicht überzeugt? Dann überzeugen Sie doch wenigstens Ihre Nächsten (und auch die Übernächste, wenn wir schon dabei sind), so oft wie möglich aufs Auto zu verzichten. Denn so haben Sie schon bald mehr Platz und häufiger freie Fahrt auf der Strasse, und Sie finden plötzlich freie Parkfelder. Probieren Sie’s aus!

