Und der erste Preis geht an: Cul-de-sac!

Aber der eigentliche Gewinner bin ich: weil ich den idealen Tag, die richtige Route und dle ideale Tageszeit gewählt habe.  Ein Preis: eine grossartige Velotour. Aber der Reihe nach.

Sackgassen oder Stichstrassen, also solche, die irgendwann aufhören, eignen sich bestens, um mit dem Velo befahren zu werden. Das hat gute Gründe! Erstens gibt es auf ihnen häufig nur wenig motorisierten Verkehr, weil man zuhinterst ja umkehren muss und nicht weiterkommt – und wer heutzutage Auto fährt, tut das ja meist, um schnell an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Und wird daher Stichstrassen meiden.

Zweitens gibt es ja einen Grund, wieso eine Stichstrasse keine Fortsetzung hat: an ihrem Ende liegt ein gottverlassener Ort, das einzig erstrebenswrte Ziel in der Nähe ist erreicht, oder die Topographie ist sowieso zu schwierig, um eine Fortsetzung zu bauen.

Hinzu kommt, dass solche Strassen meist zu einem bestimmten, aber zeitlich begrenzten Zweck gebaut wurden. In den Alpen sind das häufig Tourismusanlagen wie abgelegene Hotels oder Skigebiete, noch häufiger aber Kraftwerksbauten.  Unter diesen verlangten die Staumauern den grössten Aufwand. Sie liegen zuoberst im ganzen System aus Stauwerken, Druckleitungen, Turbinenhäusern und -hallen oder Transportleitungen. Unmengen an Maschinen, Baumaterialien, Verpflegung, Triebstoffen und nicht zuletzt Menschen mussten in den Fünfziger- und Sechzigerjahen zuhinterst in abgelegene Täler gebracht werden.

Bau der Albigna-Staumauer im Bergell (Bild: Claudio Ganzoni, 1958, Archivio Castelmur)

Dazu wurden oft breite und nicht allzu steile, aber solide und tragfähige Strassen gebaut. Nach ein paar Jahren war das Werk vollendet, der Zweck dieser Sackgassen erfüllt. Gebraucht wurden sie siether aber dennoch: ab und zu muss auch heute noch Personal zu den Anlagen hin, um Wartungs- und Kontrollarbeiten zu erledigen. Digitalisierung kann das nicht vollständig übernehmen. Also wurden diese Strassen bis heute erhalten und unterhalten.

Langer Rede kurzer Sinn: Strassen zu Kraftwerksanlagen oder Berghäusern sind oft wahre Perlen für alle, die bergtauglich sind auf dem Velo – und leidensbereit. Denn meist geht es ja bergauf.

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber meist herrscht wenig Verkehr, manchmal besteht sogar ein Fahrverbot vom Mofa aufwärts (was besonders die schnellen E-Biker betrüben wird), denn wären sie frei zu befahren, so brächte das auch Unterhaltspflicht mit sich.

Zuoberst herrscht dann eine herrliche Ruhe, oft auch eine eigenartige Stimmung wegen diesen titanischen stummen Zeugen industrieller Stromproduktion mitten in in der unberührten Bergwelt. Wer der Bogenstaumauer den Rücken zuwendet, sieht unberührte Natur und hört natürliche Stille. Der Lärm entsteht wegen der Schwerkraft ja woanders: unten im Tal, wo das fallende Wasser turbiniert und seine potenzielle über kinetische Energie umgewandelt wird. Ich liebe Physik. Aber nicht immer. Den mit ebendieser Schwerkraft muss ich ringen, wenn ich hochfahre. Aber das ist vergessen, sobald ich sie für die Abfahrt wieder grosszügig auf mich wirken lasse. Abwärts ist allerdings höchste Konzentration und etwas fahrerisches Können gefragt, denn ganz den Standard von Passstrassen haben diese Kraftswerksstrassen ja meist nicht. Steile Rampen, schlechter Belag und enge Kurven dräuen.

Dieselbe Strecke hinunter- wie zuvor hinaufzufahren können übrigens nur die grössten Einfalstpinsel als langweilig bezeichnen. Schliesslich blicke ich ja in die andere Richtung als zuvor und sehe darum eine ganz andere Landschaft. Und sogar wenn dem so wäre: zweimal schön ist doch besser als einmal schön!

Schliesslich, siehe ganz oben, ist der Zeitpunkt der Befahrung einer Stichstrasse wesentlich. Im Spätherbst sind die Lärchen gelb, die Wiesen braun, der Himmel blau und die anderen Velofreaks bereits auf Zwift uder auf dem Sofa. Der Wind ist nur noch schwach, die Temperaturen darum durch aus auch Ende Oktober erträglich. Also Ruhe, Einsamkeit, Melancholie. Zum Heulen schön.

Die Vorzüge dieser Strassen, die übrigens nicht selten prächtige Ingenieurskunstwerke sind, haben selbstredend in der gerade heftig wachsenden Velosportszene, in Internetforen und Blogs, herumgesprochen. Darum werde ich den Teufel tun, euch zu verraten, was mein Gewinn heute war, beziehungsweise, wo ich ihn eingelöst habe. Ein paar Fotos müssen genügen. Ausserdem findet, wer Karten lesen kann, seine Anregungen auf einer  handelsüblichen Landkarte auch selbst. Die Signaturen der Karte lesen zu können, hilft definitiv und bewahrt vor üblen Überraschungen.

Nun aber noch zur Auflösung des Wettbewerbs aus dem ersten Abschnitt: Stichstrasse oder Sackgasse haben in Fremdsprachen teils eigentümliche Wörter (Quelle: deepl.com):

Chinesisch: 死胡同, Sieger in der Kategorie „Schriftbild“. Dänisch: blindgyde – blinde Gasse; etwas irreführend, weil Strassen. Englisch: dead end. Morbid. Wird der Sache gar nicht gerecht. Estnisch: tupik, kurz und bündig. Finnisch: umpikuja, sehr sympathisch, die haben das Konzept der Sackgasse also begriffen. Französisch: cul-de-sac, unterster Teil (auch Hintern) des Beutels; klangvoll lustig. Italienisch: vicolo cieco, blinde Gasse – hier haben die Dänen also abgeschaut. Niederländisch: doodlopende straat – besser die Strasse läuft sich tot als die Velofahrerin. Portugiesisch: beco sem saída, musikalisch wie immer, tanzt hier jemand? Russisch: siehe Estnisch und schreib kyrillisch. Schwedisch: återvändsgränd, nun, ähm, ich hätte wohl all die Pippi-Langstrumpf-Filme doch besser im Originalton gucken sollen. Slowakisch, Polnisch UND Slowenisch, wie praktisch, wenn auch nicht exakt gleich buchstabiert: slepa ulica. Türkisch: çıkmaz sokak – das wage ich nun nicht laut auszusprechen, sieht aber faszinierend aus.

Wegen dem schönen Klang und der verruchten Anspielung auf unser Gesäss, das ja beim Velofahren durchaus beteiligt ist, schwingt in der redaktionsinternen Ausmarchung die französische Lösung obenaus und darf in den Titel. Félicitations!

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