Zwar kommt der Mensch auf dem Velo unfassbar viel schneller voran als zu Fuss. Weil die Welt so gross ist und der Verbrennungsmotor so explosiv, kommt uns das aber immer noch unendlich langsam vor. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt beim Velofahren, kann sich trotzdem urplötzlich ganz woanders wiederfinden.
Rheinschlucht nennt sich die Rinne, welche der Vorderrhein in mühseliger Arbeit durch die Bergsturzlandschaft im untersten Vorderrheintal gegraben hat, als unsere Urahnen erst gerade in Kleinstgruppen durch die Gegend zogen, langsam, zu Fuss, auf der Jagd nach was immer damals an Wildtieren unterwegs war. Heute führt eine spektakuläre Strasse der Rheinschlucht entlang, und darauf die bekannte Rheinroute, die Velos von der Quelle bis zur Mündung des Flusses begleitet.
Diese Strasse verläuft rechts des Rheins – wer die SchweizMobil-Wegweiser nicht kennt, sie ignoriert oder aus Prinzip mit einer Zweihunderttausender-Strassenkarte unterwegs ist, gerät leicht auf die linke Seite der Schlucht, wo es für Velos nicht wirklich Platz hat.
Auf der Veloroute durch die Dörfer zwischen Ilanz und Versam fährt man laufend an grossen überdachten Brunnen vorbei, die zum sozialen Wäschewaschen gebaut wurden. Die Dörfer sind überschaubar, die Anzahl Hotels und Restaurants noch viel überschaubarer. Im letzten Dorf gibt es eine spezielle Einrichtung für Velotouristen und Wandervolk. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sind viel zu schnell unterwegs und darum längst zu weit weg zum Umkehren, wenn sie sich die alles entscheidende Frage stellen: Was heisst Bakedicakedi?
Keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht wissen, denn zu schön klingt das Wort. Stattdessen halte ich, wenn möglich, jedes Mal an, wenn ich dort vorbeikomme, wo das Schild mit dem Wort drauf über der Tür hängt:
Kürzlich machte ich wieder mal halt vor der Tür, stieg von meinem Velo und kaufte mir selbsttätig (so das Geschäftsmodell des Bakedicakedi) eine frische Zimtschnecke. Eine solche hatte ich dort noch nie gegessen. Mit dem ersten Bissen machte mein Hirn mir vor, ich sei in Finnland und nicht in der Rheinschlucht. Dort hatte ich nämlich zum ersten Mal Korvapuusti gegessen, die finnischen Zimtschnecken aus Hefeteig, mit Kardamom, Zimt und Hagelzucker obendrauf. Das muss ein ganz bestimmter Hagelzucker sein, nicht irgendeiner, sagen unsere Lieblings-Finnen. Die besuchen wir ab und zu in ihrer Heimat.
Dieses erste Mal Korvapuusti, das war in Snappertuna gewesen. Das ist ein ganz kleines Dorf irgendwo in der südfinnischen Weite, die aus Wald, Seen und ganz wenigen Häusern besteht. Wir waren dort in den Ferien mit zwei kleinen Kindern. Ferien mit kleinen Kindern können, wie man weiss, recht anstrengend sein, und wir nutzten möglichst jede Gelegenheit zur Entspannung. Zum Beispiel, indem wir in jede Bäckerei rannten, an der wir vorbeikamen. Glücklicherweise hatten wir unsere Finnen dabei, die uns nötigten, Zimtschnecken zu versuchen, die wir eigentlich schon zu kennen glaubten. Wie wir uns täuschten!
Seither assoziiere ich Korvapuusti mit Entspannung. Im Schweizer Alltag ist beides gelegentlich schwer zu kriegen. Als ich dann auf der Velotour – an sich schon äusserst erholsam – vor dem Bakedicakedi sass und die besten nicht-finnischen Zimtschnecken ass, wurde mir ganz anders vor lauter Entspannung. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr weg. Irgendwann fuhr ich trotzdem weiter, um auf dieser oder der nächsten, ganz sicher aber der übernächsten Velotour die nächste unerwartete Entdeckung zu machen. Und die wird auch grossartig sein. Ich bin da ganz entspannt.




Hammer, so schön geschrieben, besten Dank
Und die Korvapuusti erst! 🤭