Das Mode-Special

Velofahren und Mode – die beiden gehören heute zusammen wie Hinter- und Vorderrad, Sonnenauf- und Sonnentergang – oder wie Velofahren und Espresso Schlürfen, um gleich ein konkretes Beispiel von Modetrends in der Velowelt zu nennen. Diese gehen natürlich über Radgrössen (wo stehen wir denn heute beim MTB? 29 oder schon 28.24 Zoll?), Klickpedale (siehe unten) oder Velotypen (Gravelbike) hinaus. Es geht natürlich ums Kerngeschäft, um den Inbegriff von ‚Mode‘: Kleider und Schuhe. Wir von velopflock leben ja unweit von Milano und sind darum auch an diesem Thema ganz nah dran.

Fangen wir mit den Schuhen an. Im letzten Post wurde angetönt, dass es da Konfliktpotenzial gibt, when it comes to the Alltag. Schuhe mit Platten für Klickpedale (Cleats) waren ja schon mal stärker in Mode. Wer Mountainbike fährt, benutzt heute eher flache, grosse Pedalen mit Dornen, die das Abrutschen verhindern, als Klickpedale. Entsprechend unbeschwert fahre ich letztere, denn ich rühme mich ja gern einer stoischen Gleichgültigkeit gegenüber Modeströmungen, Mailand hin oder her. Mode ist aber bloss das eine, gesellschaftliche Normen sind etwas komplett anderes. Wer sich mit Veloschuhen von seinem Fahrrad entfernt und kein klar als Velobekleidung erkennbares Outfit trägt, begibt sich nämlich auf heikles Terrain.

Mir passierte das kürzlich, als ich morgens im Velostall, bereit für die Fahrt ins Büro, Lust verspürte, mein eben erst geputztes und gewartetes Gravelbike an die frische Luft zu zerren. Also schnürte ich leichten Herzens und flinken Fingers meine Mountainbikeschuhe, die zum Gravelbike gehören: schwarz, grobe Sohle mit Cleats, aber auf den ersten, flüchtigen Blick eigentlich Sneakers.

Die trug ich dann den ganzen Tag im Büro, und ich bereute das keine Minute, nein, sondern mehrere Stunden. Auf dem Parkettboden herumgehend, vermeldete ich laufend meinen Aufenthaltsort, so dass mein Chef stets wusste, wo ich mich gerade herumtrieb. Ich begann mich ausserdem zu fragen, ob mir allfällige Schäden am Parkett wegen meinen Cleats vom Lohn abgezogen würden. Richtig übel wurde es zur Kaffeepause. Da steigen wir jeweils gemeinsam fünf – doch, wirklich – Stockwerke hoch zur Dachterrasse und wieder runter. Mein Schritt auf dem polierten Naturstein war der einer Katze auf einem zugefrorenen Gartenteich. Auch wenn die Klickplatten nur fünf Prozent der Sohle bedecken und kaum über die Sohle vorstehen: auf glatten Flächen KANN man ausrutschen (Verdikt eines unfreiwilligen Selbstversuches). Ich sah mich schon in der Notaufnahme, über mich gebeugt ein Arzt, der mich mit etwas lauter und überdeutlicher Aussprache fragt, ob ich meine Beine spüren kann.

Die Einladung zu einer Wohnungseinweihung am Abend liess ich dann kurzfristig sausen, denn die Gefahr bestand, dass ich die Schuhe hätte ausziehen müssen. Das hielt ich für keine schöne Perspektive, denn meine Schuhe sind etwa fünfzehn Jahre alt und gut gebraucht auf der olfaktorischen Seite. Ich klickte also traurig und einsam in meine Pedale ein und steuerte mein Gravelbike nach Hause. Mehr als sieben Minuten schneller als üblich war ich zu Hause, leider. Hat nämlich Spass gemacht, weil es sich doch leichter fuhr als das Arbeitspferd.

Richtig schlimm wird es mit der Schuhmode aber erst, wenn der Regen fällt und die total unmodischen Überschuhe Urständ feiern. Ich ziehe sie jeweils einen Kilometer vor dem Büro aus, damit mich niemand damit sehen kann. Dass das aber besser geht, wenn man sich dem Thema annimmt, zeigen die Leggits, die an der Eurobike auch schon einen Award abgeräumt haben – siehe Beitragsbild ganz oben!

Hässlich, aber Gold wert: Der Regenüberschuh!

Nun zur Kleidung. Die Fahrradjacke für Pendler ist leider ein modisches Desaster. Entweder man zieht sich eine dieser bunten Outdoor-Regenjacken an und fällt dann in der Innenstadt beim Mittagessen oder beim Termin auf der Bank auf wie ein Kanarienvogel auf dem Zürichsee. Oder man verzichtet ganz auf jegliches Gejäck. Es gab jedoch eine Zeit, da waren Jacken erhältlich, die alle Details einer Velojacke aufwiesen wie Lüftungsschlitze, dezente Einschubtaschen und unauffällige reflektierende Teile (also unauffällig waren sie nur bei Tageslicht), gleichzeitig aber aussahen wie Zivilkleidung: dezent, gedeckte Farben, stoffähnliche Stoffe ja, manchmal durchaus schick.

So eine Zivilvelojacke habe ich mir glücklicherweise rechtzeitig (also vor zehn Jahren) gekauft: Edles Fischgrätenmuster, aufgeraute und darum warme (oft etwas zu warme) Innenseite, Brusttasche, mit Reissverschlüssen abzudichtende Ärmelbunde und – gewitztes Gadget! – eine einklappbare und mittels Druckknöpfen zu befestigende Rückenverlängerung von etwa sieben Zentimetern mit einem reflektierenden Streifen – draussen, wenn man sie braucht in Dunkelheit und kaltem Fahrtwind, und sonst unsichtbar verstaut. Ha! Der Hersteller trägt den schönen Namen Showers Pass (obschon: um im strömenden Regen über einen Pass zu pedalen taugt meine Jacke genau nicht), verkauft heute aber auch nur noch Sportbekleidung.

Aber letztlich, und das ist das wirklich Modische an der Geschichte, kann man für Velofahrten im Alltag ebenso wie für kürzere Reisen ja genau das anziehen, was einem gefällt, worin man sich wohlfühlt oder was gerade herumliegt, wenn man losfahren will. Ausser, es handelt sich um ein Paar miefende Sportschuhe und man fährt ins Büro…

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