In den letzten Jahren haben Politiker und andere Berühmtheiten vermehrt das Bild des Reset-Knopfs verwendet – mit mehr oder weniger Glück. Der Wunsch ist verständlich: wie einfach wäre es, im Leben auf einen Knopf drücken zu können, und alles würde wieder mit einem weissen Blatt Papier beginnen. Alle Fehler und Versäumnisse wären vergessen, und auch die ganzen Pizzakartons hinter der Küchentür wären wie von Zauberhand entsorgt! Allerdings vergessen potenzielle Knopfdrücker, dass auch alles Wissen, das ganze Können und sämtliche Erfahrungen dann irgendwoher importiert werden müssten. Wer Velo fährt, kriegt den Neuanfang aber regelmässig geschenkt – das ist nämlich die Rolle des Frühlings. Die Frühlingsrolle eben.
Als letzten Montag schon zum mindestens dritten aufeinanderfolgenden Mal am Montag kein Schnee vor dem Garagentor lag, beschloss ich, für dieses Jahr wieder mit dem Velopendeln anzufangen. Endlich. Genaugenommen hatte ich den Moment schon kommen sehen und bereits am Sonntagnachmittag das Tor zum Velostall geöffnet.
Resetbutton zum ersten: Ich hatte ganz vergessen, wie viele Velos da stehen. Und alle wollen gewartet sein!
Resetbutton zum zweiten: All das wunderliche Zubehör, das da herumliegt, -steht und -hängt!
Resetbutton zum dritten: habe ich das Gravelbike nach der vorweihnächtlichen Schlammschacht ausserhalb der Zürcher Agglomeration wirklich dermassen dreckverkrustet zurückgestellt?
Resetbutton zum vierten: Da war doch was mit dem Faltrad!
Ich, nicht faul, krempelte die Ärmel hoch und begann aufzuräumen, zu pumpen, zu waschen und wegzuschmeissen. Dann wollte ich kreativ werden und ersetzte endlich die serienmässig schlechten Rollen am Brompton-Faltrad durch alte Inlineskate-Rollen (Anleitung dazu hier). Dazu musste ich sogar zum ersten Mal in meinem Leben ein Gewinde schneiden, was halbwegs gut gelang. Aber eben nur halbwegs und nicht ganzwegs, darum beschreibt das Velo nun eine recht enge Kurve, wenn ich es im halbgefalteten Zustand geradeaus hinter mir her ziehen will. Unangenehmer Nebeneffekt: Ich darf es nicht loslassen, falls der Untergrund nicht auf das Promille genau eben ist, sonst rollt es ohne Voranmeldung davon.


Wegen dem Resetknopf hatte ich auch vergessen, mit welchem der vielen Velos ich zur Arbeit zu fahren pflege. Also wählte ich am Montagmorgen das frisch geputzte Gravelbike. Es schien mir die ideale Kombination von Komfort und Geschwindigkeit zu bieten. Allerdings stellte sich die Frage, wie ich meine Sachen transportieren würde.
Resetbutton zum fünften: Ich hatte letztes Jahr eine neue Lenkertasche gekauft! Sie ist von Restrap, fasst angeblich zehn Liter und kostet eine ganze Menge. Aber eine wirklich gute Lenkertasche ist nun nun mal das grossartigste Zubehör zum Velo. Dass die Befestigung dieser Tasche am Lenker etwas Übung erfordert, kam mir nach etwa fünf Minuten auch irgendwie bekannt vor.



Zur Veranschaulichung des Schluckvermögens der Tasche folgt nun eine Liste all der Dinge, die ich am Abend aus der Tasche auspackte: Ein Paar Thermoüberschuhe, ein Paar Handschuhe und ein Paar winddichte Fäustlinge, eine Mütze, ein Schlauchtuch (hatte ich alles nur am Morgen früh gebraucht), ein Portemonnaie, ein verschwitztes T-Shirt (war ein harter Arbeitstag gewesen), ein leeres Plastikgeschirr vom Mittagessen, zwei sperrige Brillen-Etuis und ein ebenso sperriges Kabelschloss. Ich konnte es selbst kaum glauben.
Und weil der Frühling nun auch mir den Reset-Knopf gedrückt hatte, musste ich von neuem lernen: Mit Veloschuhen im Büro anzutanzen, hat so seine Nachteile. Mehr davon im nächsten Post, der schon jetzt fast tausend Worte umfasst, obwohl er noch nicht fertig ist.

Wow, danke vielmals, hat grossen Spass gemacht zu lesen. Allen einen schöner Frühlingsanfang