Ich bin wirklich ein grosser Fan der Demokratie als Staatsform. Das gilt umso mehr, seit sie in so vielen Staaten an Anhängern zu verlieren scheint. Wer in einem demokratisch organisierten Staat lebt und nicht regelmässig stimmen und wählen geht, verkennt vielleicht, was für ein Privileg eine funktionierende Demokratie ist (damit beenden wir die Berichterstattung zu den US-Wahlen). Darum schreite ich am kommenden Sonntag feierlich und aus Überzeugung und voller Freude zur Urne, wenn wir hier in der Schweiz zum sage und schreibe vierten Mal dieses Jahr über Sachfragen entscheiden dürfen. Das ist vollständig ernst gemeint. Und eine der Vorlagen betrifft diesmal sogar das Velo! (Wer das liest und nicht stimm- und wahlberechtigt ist in der Schweiz, darf sich entspannt zurücklehnen. Alle anderen machen sich doch bitte vor dem Lesen auf die Suche nach dem Umschlag mit den Abstimmungsunterlagen und bringen auch gleich einen Stift mit zurück vor den Fernseher, um die Stimmzettel auszufüllen.)
Der Bund möchte sechs Autobahnabschnitte für insgesamt 4.9 Milliarden Franken ausbauen, um Engpässe zu beseitigen. Gegen diesen „Bundesbeschluss über den Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen“ wurde das Referendum ergriffen, weshalb es gemäss den Spielregeln zu einer Volksabstimmung kommt (dies für die Leute aus dem Ausland und die nicht so fanatischen Schweizerbürger, die sich dem Abstimmungskampf bisher entziehen konnten). Die Fakten und alle Argumente sind im Netz leicht aufzufinden. Nachfolgend nur eine Auswahl davon, um unsere Meinung zu begründen.
Der Bund und die Befürworter argumentieren, auf dem bestehenden Autobahnnetz gebe es heute viel zu viele Staustunden, und das koste uns ganz viel Geld.
Die Zunahme der Staustunden ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Was tun? Autobahnen ausbauen! Dann lösen sich die Staus, und die Staustunden nehmen ab, agen die Befürworter.
Was sagen denn die Gegner der Vorlage? Sie argumentieren unter anderem so: Die Staustunden auf den Autobahnen nehmen laufend zu:
Die Zunahme der Staustunden ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Was tun? DIe Gegner der Vorlage sagen (unter anderem)
- Die Mobilität generell reduzieren – durch Massnahmen wie Homeoffice, oder allgemein einfach durch vernünftiges Verhalten, insbesondere in der Freizeit.
- Den Verkehr von der Strasse auf andere Verkehrsträger verlagern.
Und die gibt es, das halten sogar die Befürworter des Autobahnausbaus fest. Sie sehen unsere Mobiltät als ein Puzzle verschiedener Verkehrsträger, die alle ihre Berechtigung haben (…aber ein Verkehrsträger ist etwas gleichwertuger als die andern…):
Dieses Miteinander ist aber auch Teil der Strategie der Gegner des Autobahnausbauschritts 2023!
Und wer hat nun Recht, oder anders gefragt? Was stimmen wir am kommenden Sonntag?
Den Autofahrerinnen und -fahrern, den Auto- und Erdölimporteuren und dem Rest der Autolobby samt den rechtsbürgerlichen Politikern, die nach mehr Fahrspuren verlangen, sobald die Geschwindigkeit auf der Autobahn unter die vorgeschriebenen 120 km/h Höchstgeschwindigkeit fällt, fehlt einfach ein kleines Stück Information. Ein Grundsatz der Verkehrsplanung, banal klingend wie eine Art Binsenweisheit, aber wissenschaftlich vielfach belegt:
Build it, and they’ll come.
Bau es, und sie werden kommen. Unter Velofahrenden hat sich das längst herumgesprochen. Wo immer ein Veloweg nicht gebaut werden soll, weil den ja dann doch keiner nutzt („Sehen Sie hier viele Velos? Ich nicht!“), muss man zagende Politiker und Stimmbürgerinnen damit beruhigen: „Glauben Sie mir, wenn der Radweg erst gebaut ist, werden die Velos kommen. Nicht nach einem Tag, auch nicht nach zwei Wochen, aber nach einem halben Jahr. War noch jedes Mal so!“ Das müssen die Politiker nicht mal glauben. Das ist in Fachzeitschriften dokumentiert, wo sie es nachlesen können.
Der Clou an dieser Weisheit ist aber folgendes: Die Feststellung „Build it and they’ll come“ gilt nicht nur für Veloinfrastruktur, sondern auch für Strassen. Bau Strassen, und die Autos werden kommen. Bau mehr Strassen, und mehr Autos werden kommen. Mehr Autoverkehr wollen nur die wenigsten. Wer Strassen bauen will, möchte darauf fahren, aber auf den Verkehr, der damit einhergeht, sind nicht einmal die eingefleischtesten Autofahrer scharf. Deswegen gibt es für die obige Weisheit auch die Formulierung
„Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten.“
Ein weiteres Bild drängt sich auf: Autos brauchen Strassen, auch im Zeitalter des „SUV“. Sie sind ganz wild darauf. So wie Wespen auf Grillfleisch. Oder Mäuse auf Käse (das ist, glaube ich, ein Irrglaube, aber das Bild ist bekannt und verständlich). Oder ein Esel auf eine Rübe. Lege ich jetzt eine schön breite Strasse mit einem herrlich schwarzen, glatten Belag und leuchtend weissen Leitlinien in die Landschaft, dann wird sich das herumsprechen. Egal, wo die Strasse hinführt: sie wird im Nu von Autos überfahren. Analog: Mache ich eine Strasse breiter, weil es darauf häufig zu Staus kommt, dann kommen daraufhin auch mehr Autos an dieser stelle vorbei, denn es gibt ja keinen Grund mehr, sie zu umfahren, weil sie jetzt ja breit und damit staugeschützt sei. Und bald darauf sind wir wieder, wo wir zu Beginn waren: bei steigenden Staustunden. Denn auf vier Spuren lässt sich ausgiebiger stauen als auf zweien.
Also. Keiner braucht noch mehr Autobahnspuren. Denn das Verkehrsgeschehen ist nicht Gottes Wille, sondern das Resultat von Verkehrsplanung. Das Verkehrsgeschehen ist nicht Gottes Wille, sondern das Resultat von Verkehrsplanung! (Die Wiederholung ist hier ein klug eingesetztes Stilmittel und kein Fehler.) Wir können JETZT (am kommenden Wochenende des 24. November) bestimmen, wie unsere Mobilität in zehn oder zwanzig Jahren aussieht. Fünf Milliarden sind falsch investiert in Notmassnahmen. Sie sollten in sorgfältig geplante, mit einer langfristigen Strategie unterfütterte Infrastrukturmassnahmen für die Gesamtmobilität gesteckt werden.
Also stimmen Sie am besten Nein zur Vorlage des Autobahnausbaus. Und wenn sie das schon getan haben, dann animieren Sie doch alle Ihre Verwandten, Freunde, Bekannten und jede stimmberechtigte Person, die Sie kennen, es ebenso zu machen. Dann können wir diesen Wahnsinn ganz bestimmt noch verhindern. Denn: die Ausbauten verschlingen heute Geld und Land, vernichten Lebensräume für Mensch, Tier und Pflanzen und beschleunigen den Klimawandel. Aber wirken tun sie nicht. Das hat sich in zahlreichen Fällen gezeigt.
Zum Schluss noch eine Trouvaille: Eine Grafik aus der Mitte der Siebzigerjahre zur die Entwicklung des Autoverkehrs in der Schweiz in den Fünzigern. Die schmalen ausgezogenen Linien sind die Prognosen von 1954, 1956 und 1959. Die dicke Linie ist die tatsächliche Entwicklung. Die Grafik zeigt schön, wie kurz nach dem Beginn des Baus von Autobahnen (1955) die Anzahl zugelassener Motorfahrzeug durch die Decke ging und auch die laufend nach oben angepassten Prognosen blöd hinstellte. Wollen wir aus der Geschichte auch mal etwas lernen?



