Was ist die Kunst am Radfahren?

Ich hatte eine Zeitlang einen Chef, mit dem habe ich mich oft über Mobilität unterhalten, denn das war Teil unserer Aufgaben. Eines Tages sagte er zu mir den denkwürdigen Satz: „Weisst du, Paul, das Velo passt einfach nicht in meinen Tagesablauf.“ Es war das Beste, was er mir je mitgegeben hat. Obwohl ich es bereits hatte. (Beitragsbild: Shan Jiang)

Er hatte den Satz geäussert, ohne danach gefragt worden zu sein. Ich hatte in einer Besprechung lediglich angemerkt, dass es grundsätzlich von Vorteil wäre, wenn mehr Leute das Fahrrad nutzen würden, um sich im alltäglichen Leben in der Stadt und darum herum zu bewegen. Er muss sich angesprochen gefühlt haben, weil er seinen 14 km langen Arbeitsweg ins Stadtzentrum ausnahmslos immer mit dem Auto zurücklegt. Natürlich ist das sein gutes Recht, und ich hatte ihm das nie vorgeworfen. Es war der definitive Klang seiner Aussage, der mich irritierte. Wie sollte er Menschen zum Velofahren bewegen, wenn er sein eigenes Mobilitätsverhalten in keiner Weise zu überdenken bereit war?

Stunden später erst dämmerte mir, dass er mit seiner flapsigen Bemerkung auf den Punkt gebracht, was die Kunst am Velofahren ist. Schnell fahren, schön fahren, weit fahren, freihändig oder rückwärts oder um die Welt fahren (oder gleich alles zusammen!) macht definitiv eine Menge Spass. Aber das Velo kann mehr. Viel mehr.

Das Fahrrad als Verkehrs- und Transportmittel, als Alltagsgegenstand in den eigenen Tagesablauf einzubinden, ist tatsächlich das höchste Level von Velofahren. Was nicht heisst, dass man dieses Level erreichen muss, um Freude am Velofahren zu haben – jede und jeder, wie sie und er will. Wer es schafft, für seine täglichen Aufgaben, Pflichten, Bedürfnisse und Vorlieben vieles – nicht alles, oh nein, nur eben vieles – mit dem Velo zu erledigen, hat mehr Spass, erlebt mehr, gibt weniger aus. Die Befriedigung, die man erfährt, wenn einem das gelingt, muss man selbst spüren, indem man es ausprobiert. Rein rational ist das nicht zu vermitteln. Da kapituliere ich hier und jetzt. Lesen Sie trotzdem weiter, ja?

Es ist durchaus möglich und nicht einmal so schwer, das Velo als Taschenmesser im Alltagsleben zu nutzen. Und zwar ohne verbohrt oder verkrampft zu sein. Ohne jemanden allein zu lassen, Freunde zu vernachlässigen, ewig zu spät oder ständig verschwitzt zu sein (denn Geruch, Schweiss, Körperflüssigkeit überhaupt, ist ganz übel und gehört versteckt. Das hat man uns schliesslich früh genug beigebracht. Fragt nur mal Klaus Lagehier geht es zum Text.).

Das braucht manchmal Mut, wenn es unpassend erscheinen mag, mit dem Velo zu erschienen. Das braucht Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit des Velos, denn eine Panne kann durchaus zur Unzeit auftreten. Vertrauen auch in den eigenen Körper, dass er eine halbe Stunde in die Pedale treten aushält (das wird er bestimmt, wenn Sie überhaupt auf die Idee gekommen sind, Velo zu fahren). Es braucht offene Augen und etwas Übung, Gelegenheiten zum Velofahren als Chance zu erkennen, und natürlich die Bereitschaft, Hindernisse zu überwinden, Flexibilität und Spontaneität (um zum Beispiel in der Veloabstellanlage oder im Lift zur Sitzung das T-Shirt gegen ein Hemd tauschen). Freude am Radfahren ist eine grossartige Starthilfe, aber sie kommt mit der Zeit von alleine. Und Übung macht auch hier die Meisterperson. (Es war schon mehrmals von einer halben Stunde die Rede hier, nicht von ungefähr: Mehr als die Hälfte der Wege, die wir an einem Tag zurücklegen, sind kürzer als fünf Kilometer. Das schafft man mit einem Velo genz leicht.)

Und was hat man davon?

Gute Frage, aber schwer zu beantworten! Das hängt ganz davon ab, wem man sie stellt. Jemand freut sich darüber, eine Autokolonne im Feierabendverkehr überholt zu haben. Jemand anders über das Workout, das in den Heimweg von der Arbeit integriert und damit bereits erledigt wurde. Es kann die Erleichterung sein über das gesparte Geld für die Busfahrkarte, die Freude über die Entdeckung eines neu eröffneten Cafés oder die schlichte Erkenntnis, dass die Luft nicht in allen Jahreszeiten gleich riecht oder dass die Sonne jede Woche an einer anderen Stelle über den Horizont steigt.

Etwas allgemeiner: Velofahren im Alltag verschafft Erlebnisse. Spass. Aussicht. Frische Luft. Ein Gefühl für den Raum, für Distanzen: Die Erfahrung, dass Strecken gar nicht immer so gross sind, wie sie scheinen mögen. Das Gefühl, dem Alltag und seinen Ansprüchen für eine halbe Stunde ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Und wie geht das?

Das Velo in den Alltag integrieren heisst, vorgegebene Start- und Zielpunkte zu kombinieren mit Wegen, die geradelt werden können. Kurze oder lange.

Ein paar Beispiele aus unserer Erfahrung:

  • Nach dem Firmenessen, nach dem Kinobesuch oder nach dem Elternabend durch die Nacht nach Hause radeln, auch wenn es nicht um die Ecke liegt.
  • Wenn der Computer der Schwiegereltern (respektive ihre Computer-Skills) wieder einmal ein Update benötigt, dafür das Velotraining sausen lassen, aber auf schönen Umwegen zu ihnen und wieder zurück radeln.
  • Das Kind mit dem Zug für ein Wochenende zu seinem Patenonkel bringen, es abladen und selbst mit dem Velo nach Hause fahren.
  • Bier, Grillgas und Chips mit dem ehemaligen Kinderanhänger an der Tankstelle holen.
  • Für die Familienferien eine Unterkunft in geeigneter Entfernung mieten, gemeinsam und mit dem Velo hinfahren, besonders, wenn das mehrere Tage dauert.
  • Sich den hand- und massgefertigten Esstisch nach Hause liefern lassen (das Beispiel ist hier natürlich der Schreiner, der das anbietet…)
  • Weitere Beispiele: Unter der Kategorie Velomomente auf unserer Website.

Funktioniert das immer?

Nein, natürlich nicht. (Aber wenn es gelingt, fühlt man sich, als ob man am letzten Tag vor der Schonfrist einen Pilz mit exakt dem maximal zur Ernte zugelassenen Gewicht gefunden hätte.) Häufig bleibt keine Zeit, ist die Strecke zu lang, das Gepäck zu sperrig oder die Gelegenheit daneben. Auch das Wetter kann ganz und gar unpassend sein, passende Kleidung hin oder her – das ist aber viel seltener der Fall, als unser innerer Schweinehund uns das einreden möchte. Zu einer Beerdigung würde ich nur unter Umständen mit dem Rad fahren (obschon ich schwarze Funktionswäsche besitze, Scherz am Rande), sondern es eher im öV mitnehmen. Und danach nach Hause radeln. Das wäre die beste Gelegenheit, über den Verstorbenen nachzudenken, zu trauern oder einfach das allfällige Leichenmahl (ein Ausdruck, der mir immer nur schwer über die Lippen geht…) zu verdauen.

Übrigens: Velofahren ist ja keine Kunst, aber das Velo ist Kunst, und darum hat es vielfältigen Eingang in die Kunst gefunden, so zum Beispiel in dieser Radierung von Dieter Roth aus dem Jahr 1969 mit einem hübschen und durchaus eingängigen Titel:

Die Kraft der Wurst. Dieter Roth, Radierung,1966

Ein Abzug davon hängt im New Yorker Museum of Modern Art, MoMA, ein anderer war 2023 im Bündner Kunstmuseum in Chur zu sehen. Aber auch in anderen Epochen war das Velo beliebtes Künstlermotiv:

Schäferin mit Herde und Radfahrer (unbekannter niederländischer Meister, um 1696)

(Kleine Korrigenda: Velo zu fahren kann durchaus eine Kunst sein, zum Beispiel, wenn man dabei nicht beide vorhandenen Räder nutzt. Und Kunst hat es so an sich, dass sie nicht von allen auf Anhieb verstanden wird. Das belegt die Geschichte von einem Fahrradmechaniker, der eines Tages auf dem Hinterrad von seinem Arbeitsplatz nach Hause fuhr, einfach, weil er es konnte. Das waren runde zwei Kilometer. Er war schon kurz vor seiner Haustür, als er von einer Polizeistreife angehalten und gebüsst wurde – wegen Nichtbeherrschen des Fahrzeugs. Etwas Schlaueres gab der Bussenkatalog offenbar nicht her.)

Ein Gedanke zu “Was ist die Kunst am Radfahren?

  1. Das Velo mit dem Zug kombinieren: Entlang der Strecke und kurz bevor der Zug kommt, es am Bahnhof abstellen, per Zug weiter und ebenso später zurück. Kein Druck, pünktlich aufzubrechen, um den Zug am Start zu kriegen (jedenfalls auf dem Hinweg).

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