Le Tour ist weiblich!

Haben sie schon einmal von der Tour de France féminin, also der Frankreich-Rundfahrt für Velofahrerinnen, gehört? Nein? Da sins SIe in grosser Gesellschaft! Die Geschichte der Tour de France der Frauen ist eine wechselhafte. Fast so häufig wie ihr Name wechselte ihr Format. Mal war sie ein Ein-Etappen-Rennen, in anderen Jahren eine Art Zirkus vor der Werbekarawane der „richtigen“, also männlichen Tour, und seit wenigen Jahren besteht sie aus acht Etappen, ist seriös (also von den Machern der „richtigen“, also männlichen Tour) organisiert und einigermassen anerkannt. Die Medien kümmert das herzlich wenig, wie die Berichterstattung über die Schlussetappe der Ausgabe 2024 zeigte. (Beitragsbild: huezbikehire.com)

Alles war angerichtet für einen Leckerbissen für Radsportfans – nein, eigentlich für alle, die sich vor dem Fernseher gerne gut unterhalten lassen, Spannung und Drama an sportlichen Wettkämpfen schätzen: Die achte und letzte Etappe der TdF féminin führte am Sonntag, 18. August, über 150 km nach L’Alpe d’Huez, einer der legendärsten und populärsten Zielankünfte der Tour. Mit ihren 21 Spitzkehren und 1400 Höhenmetern hinauf in einen typisch französischen, also potthässlichen Skiort hat sie schon zahlreiche Spektakel und Helden fabriziert, Favoriten abstürzen lassen, und sogar ein Schweizer hat dort mal gewonnen und sich – mit allem Grund der Welt! – tierisch darüber gefreut, nämlich Beat Breu im Jahr 1982:

Jeden Herbst warten also hunderttausende Radsportfans auf die Bekanntgabe des Etappenplans der nächsten Tour und hoffen, die Titanen unter den traditionellen Zielorten wie Col du Galibier, Col du Tourmalin, Mont Ventoux und eben „L’Alpe“ mögen wieder einmal vertreten sein – am besten gleich alle zusammen, und warum nicht einmal nacheinander? Sind das vielleicht dieselben Hunderttausenden, die dann beim Rennen alle Hemmungen und allen Verstand fahren lassen und den Fahrern das Leben schwer machen mit ihrem Drang zu Aufmerksamkeit?

Die auferstandene TdFf sollte dieses Jahr also von der Ausstrahlung der Männertour profitieren und auf L’Alpe d’Huez zu Ende gehen – ein Spektakel, das die Männer nie werden bieten können, weil sie immer, immer bis auf die Champs Elysées müssen (ausser dort sind gerade olympische Spiele). Die Protagonistinnen spielten mit, und wie: in der Ebene unmittelbar vor dem Schlussanstieg bot sich eine Konstellation, die sich im Filmbusiness kein Drehbuchautor vorzuschlagen getrauen würde.

An der Spitze des Rennens fahren die Niederländerinnen Demi Vollering, Vorjahressiegerin und amtierende Vizeweltmeisterin, und Pauliena Rooijakkers, Zweite und Dritte im Gesamtklassement; dahinter folgt das Gelbe Trikot mit Katarzyna Niewiadoma aus Polen mit einer Verfolgergruppe und einem Rückstand, der ständig um 1:15 Minuten herum schwankt. Und dieser Rückstand enstpricht nun ziemlich genau dem Vorsprung von Niewiadoma auf Vollering und Rooijakkers, die wiederum nahe beieinander liegen. Die Ausgangslage ist also ebenso klar wie mitreissend: wird die Leaderin Niewiadoma im Schlussaufstieg ein paar Sekunden Zeit gutmachen, so wird sie die Tour gewinnen. Bleibt der Vorsprung bestehen oder wächst gar an, dann gewinnen Vollering oder Rooijakkers. Wieviel Zeit Niewiadoma exakt verlieren darf und wer von den beiden anderen gewinnen wird, hängt nicht zuletzt von der Reihenfolge der Zieleinfahrt ab, denn die Siegerin wird zehn Sekunden Zeitgutschrift erhalten, die Zweite sechs und die Dritte vier.

Schon vor dem Schlussanstieg wird in den TV-Bildern deutlich: die beiden Führenden harmonieren nicht. Rooijakkers führt keinen Meter, Vollering nervt sich darüber so sehr, dass sie ihre Konkurrentin mit einem deutlichen Schubser auffordert, auch mal Tempo zu machen und nicht bloss in ihrem Windschatten zu hocken. In einem Männerrennen war solches noch nie zu sehen gewesen, da wird geschimpft, aber nicht geschubst. Roojakkers mimt die Erschöpfte und bleibt bei ihrer Taktik, hinterher zu fahren und Kraft zu sparen.

Danke für das Bild, Eurosport. (Ist das Mindeste, was ihr tun konntet, siehe weiter unten.)

Ich stehe vor dem Fernseher vor lauter Aufregung. Meine Frau, auch eine Freundin spannender Wettkämpfe, steht mir bei. Bei Kurve vier hole ich mir zur Beruhigung ein Bier (am Sonntagnachmittag sonst eher unüblich). Als ich zurückkomme – ist die Übertragung bei Eurosport unterbrochen. Ich prüfe, ob meine Frau versehentlich den Kanal gewechselt hat. Oder sind die US-Wahlen vorgezogen worden? Aber nichts dergleichen. Nichts Aussergewöhnliches, denn: Auf dem Regiestuhl ruht offenbar auch bei Eurosport ein Mann. Und der hat kurzerhand nach Spanien umgeschaltet, wo schliesslich gerade die Spanienrundfahrt der männlichen Veloprofis läuft. Und zwar die zweite von 21 Etappen, 194 km hügelige Strasse von Cascais nach Ourém. Die fahren tatsächlich schneller als die Frauen, mal hoch, mal runter, mal links, und zum Ausgleich auch mal rechts. Aber Spannung ist nicht auszumachen, ausser vielleicht, man ist eng verwandt, verschwägert oder gut befreundet mit einem der Teilnehmer. Am besten mit Kaden Groves aus Australien, der die Etappe gewinnen und einen seiner prestigeträchtigsten Siege landen wird. Doch auch das zeichnet sich erst gegen Ende eines Massenspurts ab, also wenige Sekunden vor dem Ende des Rennens. Wow.

Was würde ich mir verarscht vorkommen, wäre ich eine Teilnehmerin der TdFf. Als Zuschauer muss ich diese Regung aber unterdrücken, denn ich bezahle ja nicht für Eurosport, sondern gucke den Gratiskanal. Da darf man dann auch keine Erwartungen ans Programm haben! In meiner dennoch überschäumenden Wut gelingt es mir mehrere Minuten lang nicht, unter unseren hundert Kanälen einen zweiten zu finden, der Frauenradsport für seiner Sendezeit würdig erachtet. Schliesslich ist TF1 (oder war es doch TF trois?) die Rettung. Dass ich sprachlich überfordert bin vom französischen Wortschwall, macht nichts, denn ich kenne ja die Lage im Rennen und sehe den eingeblendeten Abstand zwischen Ausreisserinnen und Verfolgerinnen. Mein Puls bleibt hoch, geht noch höher in der Mischung von höchster Spannung und ärgstem Ärger. (Übrigens auch jetzt wieder, beim Schreiben. Wann werde ich endlich erwachsen?)

Kurz vor dem Zielstrich greift Rooijakkers tatsächlich an, wie erwartet, denn sie ist ja noch vergleichsweise frisch, da sie sich von Vollering hat hochziehen lassen, und will die Etappe und die Tour gewinnen. Ich schmeisse meine Bierflasche nach ihr, verfehle sie aber ebenso wie den Bildschirm. Zum Glück, denn dadurch kriege ich mit, dass Vollering kontern kann, als Erste einfährt und Niewiadoma mit 1:01 Minuten Rückstand Vierte der Etappe wird. Zeitgutschriften mitgerechnet bleibt der Polin im Gesamtklassement ein Vorsprung von sage und schreibe vier Sekunden auf Vollering und damit ihr erster Gesamtsieg bei der TdFf. Was für ein Spektakel! Was für eine Spannung! Die Enttäuschung bei Vollering ist immens, aber wohl kleiner als die Freude bei Niewiadoma:

(Bild: Julien De Rosa, AFP)

Es ist nicht so, dass ich jedes Jahr Urlaub nehme, um die Tour der Männer im TV zu verfolgen. Aber ich lese, seit ich lesen kann, täglich die Resultate des Rennens nach und treffe mich seit Jahren einmal im Juli mit Freunden und Verwandten, um mir eine Etappe bei Weisswein, Baguette, Camembert und Madeleines anzuschauen.

(Bild: KI, über WordPress, daher Capitol statt Cyclisme im TV)

Ich kann mich nur an einzelne derart spannende Etappen bei den Männern erinnern wie die der Frauen nach L’Alpe d’Huez. Ähnlich grossartig ist sicherlich das legendäre Schlusszeitfahren nach Paris 1989 gewesen, als der Amerikaner Greg Lemond den französischen Nationalhelden Laurent Fignon dank seiner aerodynamischen Vorteile und seinem typisch amerikanischen Siegeswillen noch abfing und die Tour mit acht Sekunden Vorsprung gewann. Es gibt einen FIlm darüber.

Greg Lemond, 1989 erster mit Areobars (cycling-passion.com).

Leider war ich an dem Tag gerade auf einem Zeltplatz (wenigstens im französischsprachigen Teil der Schweiz) und konnte erst am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen, was geschehen war. Es ist noch unklar, ob ich je über diese Tatsache hinwegkommen werde, aber seit dem 18. August 2024 stehen die Chancen etwas besser. Denn ich habe die Schlussetappe der TdFf gesehen.

Eurosport erklärte während seines Abstechers zur Vuelta, dass man die Sendungen anhand der vom Veranstalter vorgegebenen Marschtabellen geplant habe. Weil die Damen in Frankreich etwa eine halbe Stunde schneller unterwegs waren als die schnellste der drei offiziellen Marschtabellen, geriet die geplante Schaltung nach Spanien leider mitten ins Finale der Frauen-Tour, wofür man sich entschuldige, aber Plan sei nun mal Plan. (Sind ja selber schuld, die Frauen, warum fahren sie auch so schnell!)

Zum Plan gehört in den Medien offenbar auch, dass Frauensport weniger interessant ist als Männersport. Das wiederum erklärt vielleicht die Unterschiede bei den Preisgeldern, den Sponsorenbeiträgen und der Anzahl Zeilen in der Presseberichterstattung. Auch wenn beispielsweise in den letzten Jahren der Frauenfussball gottseidank an Boden gutgemacht hat. Und sicher gibt es auch Sportarten, welche diese Unterschiede nie gemacht oder inzwischen eliminiert haben. Die Leichtathletik beispielsweise hat erkannt, dass die Spannung in einem Sprint über hundert Meter nicht vom Geschlecht oder der Siegerzeit in Sekunden abhängt, sondern von der Zeitdifferenz zwischen den ersten in der Rangliste, vom Rennverlauf oder von der Nähe der SiegerInnenzeit zum aktuellen Weltrekord. Also vom Gehalt an Spannung. Entsprechend erhalten die Siegerin und der Sieger in der Diamond League, einer Serie von Leichtathketik-Meetings mit gemeinsamer Gesamtwertung, gleich viel Preisgeld.

Bleibt zu hoffen, dass auch der Frauenradsport künftig die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Und verdienen tut er sie allemal, wie der 18. August belegt hat. Auch wenn der Radsport wie kein anderer von seiner Geschichte, von legendären Fahrern und mythischen Strecken lebt und die Frauen davon weniger bieten können, weil ihnen Radsport lange Zeit nicht zugänglich war. Ich jedenfalls schalte auch nächstes Jahr wieder ein bei den Radsportlerinnen, sofern sie Sendezeit bekommen, und freue mich schon auf die Bekanntgabe der Streckenführung 2025.

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