Die Sommerferien sind vorüber, die Schulkinder sind wieder, wo sie hingehören, und an den Bushaltestellen flattern fröhliche Flyer, die bereits die herbstlichen Weinfeste ankündigen. In dieser Sub-Jahreszeit kriecht zuverlässig dieses Lied, welches mich in meiner Kindheit gequält hat, zurück in mein Bewusstsein. Die Temperaturen klammern sich zwar noch an die obersten Zwanziger, aber man erkennt schon: das ist ein Rückzugsgefecht! In nahtlosem Übergang vom letzten Post, der quasi auf der Türschwelle, zwischen gepackten Koffern abgesendet wurde, folgt hier ein kurzes Resümee der letzten Sommerwochen.
Eine Reise durch Osteuropa – wo auch immer – ist für ein Kind aus den späten Sechzigern immer noch ein Abenteuer, weil sie einen Abgleich der heutigen Realität mit irgendwelchen uralten, total oberflächlichen und naiven Vorstellungen unbekannter Herkunft über den „Ostblock“ darstellen. Tatsächlich waren die Nachtzüge, die uns ans Schwarze Meer brachten, laut und rumpelnd, und die Schaffnerinnen waren kräftig und schroff, aber herzensgut. Alles wie erwartet (erhofft?). Hinter den Karpaten, in Rumänien, schien die Zeit wirklich stehen geblieben zu sein, was uns den Schlaf raubte. Die Lok hupte nämlich die ganze Nacht hindurch ohne Pause. Bei Tagesanbruch erkannten wir einen möglichen Grund dafür: Bahnübergänge waren nicht mit Schranken gesichert, sondern mit Menschen, die eine Leuchtweste trugen und eine Kelle schwenkten, um den Strassen- vor dem Schienenverkehr zu warnen. Und, ja, die Strassen taten uns vielerorts den Gefallen, unsere Klischees zu erfüllen: kein Schwarzbelag und auch sonst etwas vernäachlässigt:
Ausserorts sah das zwar besser aus, aber die Bulgaren vollführten selbst auf der Autobahn mit 130 Sachen abrupte Ausweichmanöver um Schlaglöcher herum. Bloss gut, durfte ich den Mietwagen nicht fahren, weil an meinen Fahrausweis seit etwa zwanzig Jahren eine kleine Ecke fehlt (als ich, freihändig fahrend, die Barschaft in meinem Portemonnaie hatte zählen wollen, war mir dieses auf die Strasse gefallen und von einem Auto überfahren worden). Das hat mir noch nie Probleme beschert, weder bei Polizeikontrollen noch mit Autovermietern. „But we are in Bulgaria here“, beschied mir die Agentin auf meine entsprechende Bemerkung. Also musste sich meine Frau alleine durch den bulgarischen Verkehr schlagen, während ich auf dem Beifahrersitz höchstens beten konnte. Dies aber mit Erfolg, darf ich heute sagen.
Meine kindlich-naiven Vorstellungen darüber, wie Osteuropa mehr als dreissig Jahre nach dem Ende des Kommunismus aussieht, beziehen sich auf Oberflächlichkeiten wie eben Strassen, Supermärkte oder wie die Menschen gewandet sind. Hingegen, das wurde mir auf dieser Reise klar, hatte ich mir nie Gedanken gemacht, wie denn der Veloverkehr in Ungarn, Rumänien oder Bulgarien aussehen mochte. Ein Aspekt, der mir heutzutage fast ständig präsent ist, wohin ich auch gehe. Der Familienurlaub wurde also zu einer Art Studienreise für mich.
Erste Station war Budapest. Erster Eindruck: Wer hier nicht Auto fährt, ist selber Schuld und wird entsprechend viel Zeit mitgebracht haben, um eine Kreuzung zweier vierspuriger Strassen samt Bypässen in der Diagonale zu überqueren. Velos waren auf einem schönen und komfortablen Radweg entlang der Donau unterwegs, aber nach Kleidung, Fahrradtypen und Fahrweise zu schliessen, waren das ausschliesslich Touristen. Das war eine leichte Enttäuschung, hat doch 2013 die weltweit grösste Critical Mass-Veranstaltung in Budapest stattgefunden, als 100’000 Menschen Veloverkehr veranstalteten, und das im vierten Jahr der laufenden Regentschaft von Viktor Orban! Hier ein Symbolbild (das Schloss im Hintergrund ist das Parlamentsgebäude):
Eine Nachtzugreise später umrundeten wir in der rumänischen Hauptstadt Bukarest den berühmen Parlamentspalast (vielleicht war da sogar der ursprüngliche Name „Haus des Volkes“ besser gewählt, den der Erbauer und Diktator Ceaucescu ausgesucht hatte – gehört ein Parlament, Diener des Volkes, in einen Palast?). Wir schafften die Wanderung nur knapp ohne Zwischenverpflegung. Zeitweise befanden wir uns auf einem signalisierten Rad- und Fussweg. Er sah so aus:
Geregnet hatte es schon länger nicht mehr, das Wasserspiel war einer defekten Bewässerungsleitung zu verdanken. In der Schweiz höre ich nie auf, mich zu fragen, warum nicht mehr Menschen das Velo nutzen, um sich im Alltag fortzubewegen. In Bukarest kam mir dieser Gedanke kein einziges Mal. Die Antwort wäre gewesen: Weil sie an ihrem Leben hängen. Der Autoverkehr in Bukarest war noch brachialer, lauter und allgegenwärtiger als in Budapest. Trotzdem: Obiger Radweg liess mich mit einem Funken Hoffnung weiterziehen. Ebenso ein Radweg im Stadtzentrum entlang einer Strasse, die obendrein am Wochenende für den motorisierten Verkehr gesperrt wird. Trotzdem waren dort überwiegend Touristen unterwegs. Ob das daran lag, dass Ferienzeit und die Luft 35 °C heiss war, oder ob die Bukarester schlicht keinen Bedarf an Spaziergängen durch ihre Stadt haben, weiss ich nicht.
Wir stiegen danach in einem kleinen Ort an der bulgarischen Schwarzmeerküste ab. Dort wurde auch das Bild weiter oben mit den hübschen Pfützen aufgenommen. Die Strassen mit und die ohne Belag unterschieden sich gar nicht stark voneinander, denn Belag kam auch auf den asphaltierten Strassen nur gerade zwischen den Löchern vor. Erst zu Hause am Computer entdeckte ich zwei Velofahrende in einem Foto. Sie waren von der resignierten Sorte und schoben ihre Räder:
So mühselig das Autofahren zwischen Schlaglöchern aller Grösse hindurch ist: Der Verkehr in dem Dorf war dadurch langsamer und ruhiger als in besser unterhaltenen Ortschaften. Weil der Ort aber recht klein war, konnte das Velo seine Vorteile trotzdem nicht recht ausspielen, und es waren nur einzelne Fahrräder zu sehen.
In der malerischen Küstenstadt Varna mit über einer halben Million Einwohnern war das anders. Es gibt dort ein Bikesharing-System und den Meerespark. Das ist ein langgezogener, schattiger Park zwischen Schnellstrasse und Küste. Was die Beliebtheit bei den Menschen, die Attraktivität und den Erholungsfaktor betrifft, spielt der Meerespark in der gleichen Liga wie der Central Park in Manhattan. Wir durchwanderten in etwa zweieinhalb Stunden nicht den ganzen Park, denn es gab einfach zu viel zu sehen für eine bessere Zeit. Neben Kinderkrippen und Grossfamilien waren dort auch Jogger, Velofahrerinnen und Inlineskatende unterwegs, zwischen Marktständen, Essensbuden, Denkmälern und Museen hindurch. Ein klassisches Konzert wurde gerade vorbereitet, und zwei Schachspieler liessen sich von der wunderschönen Aussicht hinunter aufs tiefblaue Schwarze Meer nicht ablenken. Mitten in der Innenstadt, zwischen Wohn- und Einkaufsviertel, gibt es sogar einen Kreisel nach niederländischem Vorbild, auf dem der Veloverkehr sauber aussen herum geführt wird, und das, obschon eine der Zufahrten für den Autoverkehr gesperrt und die Gegend sowieso sehr ruhig ist. Oder ist es umgekehrt? Werden Velomassnahmen auch in Varna, wie in der Schweiz, vorzugsweise dort umgesetzt, wo wenig Widerstand zu erwarten ist? Vielleicht fühlte ich mich darum in Varna gleich wie zu Hause.
(Man beachte die beiden Velofahrenden auf dem Fussweg in der Mitte des Kreisels…) Zuletzt besuchten wir die bulgarische Hauptstadt Sofia, auf 600 und mehr m ü.M. zwischen zweitausend Metern hohen Bergen gelegen. Radwege sind auch dort die Ausnahme, aber die zahlreichen und teilweise grossen Parks werden als Radwege genutzt, und mit dem Tram herrscht Koexistenz, und nach unserem flüchtigen Eindruck ist die friedlicher als beispielsweise in Zürich.
Zusammengefasst: Die osteuropäischen Länder sind nicht komplett anders als der Westblock, aber anders genug für einen Westblöckler, um begeistert von einer Reise dorthin zurückzukehren. Und ob in Bulgarien oder Rumänien zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ebenso viele Velos unterwegs gewesen sind wie damals in China: wer kann das schon sagen? Heute jedenfalls gibt es im Osten offenbar wie im Westen Ansätze von Velo-Infrastruktur, mutige Menschen, die auch zwischen den Ansätzen Velo fahren, aber Mut und Gottvertrauen braucht es im Veloverkehr da wie dort.
Sicher lohnen würde sich eine Veloreise im Ostteil von Bulgarien, denn verkehrsarme Strassen und eine schöne Landschaft gibt es dort bereits:
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir uns erst im Herbst wieder hören, verabschieden wir uns zwischenzeitlich schon wieder:
Der Sommer ist vorbei, Elisabeth goodbye!
Rex Gildo








Schöner und spannender Bericht, danke. Was mir die Story deines Fahrausweises wie ein Blitz vor Augen führte: Was hätte wohl alles passieren können, als ich neulich auf dem Velo zahnseidelte?
Ich stelle mlr vor, ein Windstoss hätte ohne Weiteres deine Zahnseide und deine Velokette einander näherbringen können, und wenn dann die Seide gerade um deinen Zahn gewickelt gewesen wäre… Warst du eigentlich auf dem Weg zur DH?