Über das Ziel hinaus

Das ausgeklügeltste Werkzeug, der durchdachteste Apparat oder das upgedatetste elektronische Gerät erfüllt seinen Zweck nicht richtig, wenn man es nicht korrekt bedient. Das ist eine banale Erkenntnis, die manchmal auf schmerzhafte Weise gewonnen werden muss. Ein Erfahrungsbericht.

Ich bin beileibe kein Power-User von einfachen Computern. Ich kann auf meinem Laptop Briefe schreiben, Fotos bearbeiten und ordnen, E-Mails empfangen und versenden und mit etwas Glück in eine Cloud gucken. Viel mehr geht nicht. Ich bin kein digital native, eher ein digital fugitive. Und genau deswegen weiss ich, dass bei „Computerproblemen“ oder „irgendwas ist mit dem Smartphone“ selten, eigentlich gar nie, die Hard- oder Software Schuld hat. Es ist immer der Mensch am Gerät, der etwas falsch macht. Sie übersieht am Computerbildschirm die eingeblendeten Hilfestellungen in Form von Pop-Up-Fenstern. Er unterscheidet Linksklicken nicht von Rechtsklicken.

Aber das geht uns ja allen so, ab und an, und nicht nur mit digitalen Geräten. Ein Bekannter, beispielsweise, pflegt seine Vakuumpumpe für angebrauchte Weinflaschen so zu bedienen: Er trennt sie nach jedem aufgesogenen Schluck Luft vom Gummikorken und stösst die Luft aus der Pumpe. Dann setzt er die Pumpe wieder auf und wiederholt das Vorgehen. Das tut zwar seinen Zweck, dauert aber ähnlich lange wie die Reifung des Weins im Fass.

Eine solche schmerzhafte Erfahrung der Gattung „tölpelhafte Bedienung eines technischen Gerätes“ quält mich seit meiner ansonsten einigermassen glücklichen Kindheit. Ich musste sie mit zarten zehn oder zwölf Jahren machen und konnte sie nie mehr verscheuchen. Nicht einmal mein Therapeut weiss davon. Sie bahnt sich nicht immer, aber ausschliesslich dann einen Weg in mein Bewusstsein, wenn ich eine Fahrradpumpe mit Kompressor bediene.

Es waren Frühlingsferien. Mir war langweilig. Also suchte ich mein Velo im Veloabstellraum hervor und schüttelte den Winterstaub ab. Ich prüfte, ob sich noch alle Teile bewegten, die sich bewegen sollten, und umgekehrt. Das traf in mehreren Fällen zu, also war das Velo fahrtüchtig, abgesehen von den platten Reifen. Also schob ich das Velo voller Zuversicht zur Tankstelle auf dem Parkplatz des nahe gelegenen Supermarkts, um den Kompressor dort zu benutzen. Das hatte ich meinem grossen Bruder abgeschaut, der dort jeweils sein Mofa flott machte. Nachdem ich beide Reifen gepumpt hatte, prüfte ich mit fachkundigem Gesichtsausdruck (auch den hatte ich meinem grossen Bruder abgeschaut) per Fingerdruck das Ergebnis und war zufrieden. Also zog ich die Pumpe vom Ventil und wollte mich eben auf den Heimweg machen, als ein Junge aus einer Gruppe von Halbwüchsigen, die an der Tankstelle auf ihren Mofas herumlungerten, mich ansprach. „Das Vorderrad braucht aber schon noch etwas mehr Luft!“ „Schon klar“, murmelte ich, obwohl ich ja die Pumpe bereits weggelegt hatte. Ich wollte mir ja keine Blösse geben vor diesen miesen Marlon-Brando-Verschnitten. Mit Fahrrädern und deren Unterhalt kannte ich mich schliesslich aus. Erst vor Kurzem hatte ich die Klingel am Fahrrad meiner Schwester repariert. Ich würgte die Pumpe also wieder auf das Dunlop-Ventil drauf (für die Jüngeren unter Ihnen: ein Dunlop-Ventil sieht so aus:)

Wichtig: den Ring NICHT lösen beim Pumpen!

und pumpte sachte weiter. Nach kaum drei Sekunden platzte der Schlauch mit einem Knall so laut wie ein Gewehrschuss.

Durch das abklingende Pfeifen in meinen Ohren hindurch drang das wiehernde Gelächter, welches menschliche Teenager in der Kleingruppe abzusondern pflegen. Sofort knatterten sie grölend auf ihren Töfflis davon, um die Geschichte zu verbreiten. (Bloss gut, kannte mich in der Gegend noch kaum jemand, da wir erst gerade zugezogen waren.) Ich kauerte regungslos neben meinem Rad, bis sich die Motorgeräusche weit genug entfernt hatten, und trat dann mit Tränen des Schocks und der Wut in den Augen den Heimweg an, fest entschlossen, mein Fahrrad im Keller zu verstecken, nie wieder darauf zu fahren und überhaupt das ganze Malheur für mich zu behalten.

Wenige Jahre später bekam ich mein erstes Rennrad geschenkt. Umgehend begann ich zu sparen, um mir eine Standpumpe zu kaufen. Selbstredend eine mit Manometer. Soviel hatte ich gelernt aus dem Zwischenfall an der Tanke: eine Pumpe mit Manometer ist ein unverzichtbares Utensil für alle, die ein Velo besitzen. Heute fahre ich mein viertes Rennrad und pumpe es mit meiner bereits dritten Standpumpe. Die kann ich bedienen, und wenn die Luft mal nicht im Schlauch ankommt, trete ich nicht auf die Pumpe ein, sondern überelege erst, ob ich vielleicht etwas falschgemacht habe: Den Ring an der Spitze des Presta-Ventils nicht geöffnet oder den falschen Aufsatz auf den Pumpenschlauch aufgesetzt etwa. Um Kompressoren mache ich einen Bogen, wenn sich das einrichten lässt.

Und noch etwas habe ich gelernt durch die Pleite mit dem Pneu: Einen Fahrradschlauch zu ersetzen. Dazu benötigte ich zwar mehrere Anläufe und ganze Nachmittage, aber ich gab nicht auf, bis ich das Manöver einigermassen beherrschte. Denn ich wusste ganz genau: Du kannst jederzeit in die Situation kommen, einen defekten Schlauch ersetzen zu müssen. Das geht manchmal ganz schnell, und vor allem: die eigene Dummheit kann die Ursache dafür sein. Ich war nachhaltig gewarnt, schliesslich fährt die eigene Dummheit immer mit.

2 Gedanken zu “Über das Ziel hinaus

  1. Großartig. Ist mir als Stagaire in einer Velowerkstatt genauso passiert. Kind 1.16 quält sich heute mit Tubeless-Reifen am MTB herum. Etwas, was ich bisher nicht als Vorteil wahrgenommen habe.😀

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