Wie mich ein Autofahrer überrascht hat – ein Wechselbad der Gefühle

Ich darf von mir behaupten, dass ich mich immer wieder selber überrasche. Zum Beispiel, wenn ich zum dritten Mal in einer Stunde meinen Kopf am selben Deckenbalken stosse. Wenn ich nach fünfundachtzig hügeligen Kilometern auf dem Rennrad ohne fremde Hilfe von selbigem heruntersteigen kann. Oder wenn ich am Ende jedes Winters zwar recht zuverlässig daran denke, die Pedale von meinem Alltagsrad zu lösen und die Gewinde neu zu fetten, dann aber jedes Jahr aufs Neue mühsam herleiten muss, welches der beiden Pedale nun ein Rechtsgewinde hat.

Aber man muss ja nicht alles selber machen, nicht wahr? Denn vieles können – bei realistischer Einschätzung – andere einfach besser! Daran dachte ich kürzlich, als ich an einer Bahnschranke warten musste – ich glaubte, ein Autofahrer wolle mich überraschen und meine dumpfen, unreflektierten und hochgradig pauschalisierten Ansichten über Motorwagenführende korrigieren. Glaubte ich.

Da wo ich lebe, gibt es noch einige Bahnübergänge mit Schranken, obschon alle paar Jahre einer verschwindet. Eine Bahnschranke ärgert Velofahrerinnen, weil sie sie zu einer Pause zwingt, wo sie eigentlich gar keine Pause wünschen. Richtig schlimm ist das aber nur, wenn sie ihren Lebensunterhalt mit Velofahren verdienen müssen, und wer muss das schon?

Ich jedenfalls icht, und daher war ich ganz entspannt, als ich als Vierter hinter drei wartenden Personenwagen an die geschlossene rollte. Zwar hätte ich mit etwas Geschick (welches ich durchaus besässe, wage ich zu behaupten) rechts an der kleinen Kolonne vorbeifahren und mich direkt an der Schranke aufstellen. So hätte ich einen Frühstart unter der sich hebenden Schranke hinzulegen können, wäre früher nach Hause gekommen, und die Autos hinter mir hätten mich nicht überholen können, solange ich noch langsam war und wackelig versuchte, den zweiten Schuh ins Pedal einzuklicken. Eine klassische Win-win-Situation!

Ich war aber etwas müde und weiss aus Erfahrung, dass manche Autolenkende es überhaupt rein gar nicht zu würdigen wissen, wenn man ihnen auf diese Weise ihr saures Leben erleichtern möchte. Ich wurde schon mehrmals verbal angegangen deswegen und einmal auch geohrfeigt. [Kleiner Exkurs für alle, die sich nun durchaus berechtigterweise fragen, wie man aus dem fahrenden Auto heraus Backpfeifen verteilt: Der Anschlag erfolgte natürlich nicht im Fahren. Vielmehr beschimpfte mich ein Lenker zuerst, weil ich rechts an der wartenden Kolonne vorgefahren war, und ich gab ihm mit einem durchaus gebräuchlichen Handzeichen zu verstehen, dass ich seine Wortwahl verurteilte. Daraufhin hielt er vor mir an, stieg aus und ohrfeigte mich. Ende des Exkurses.]

Da stand ich also als Letzter in der Schlange und wartete auf die Vorbeifahrt des Zuges. Noch war von diesem nichts zu hören. Da stieg aus dem Wagen vor mir ein Herr aus, kam auf mich zu und sagte mit einem schwer zu deutenden Lächeln, irgendwie freundlich, irgendwie prüfend: „Das ist jetzt aber ganz speziell.“ „Was denn?“ wunderte ich mich und fragte mich bereits, ob ich gleich wieder aufs Maul kriegen würde. „Ein Velofahrer, der sich hinten anstellt und nicht zur Schranke vorfährt. Sieht man selten.“ Ich war echt überrascht! Anerkennung von einem Autofahrer! Da ich sein Lächeln aber nicht recht zu deuten wusste, gab ich vorsichtig zurück: „Aber wer würde denn sowas Albernes tun? Selbstverständlich warte ich, bis ich an der Reihe bin (schwitz)! Ich, ähm, kann ja sowieso nicht weiter, bevor der Zug kommt! Hahaha!“ „Nein, wirklich! Es gibt ja Velofahrer, die glauben, sie können sich alles herausnehmen auf der Strasse. Fahren, wo und wie es ihnen passt, ohne Rücksicht. Und wenn es dann kracht, ist immer der Autofahrer Schuld. Immer.“ Meine Überraschung löste sich auf wie das Feld der Tour de France jeweils in den Neunziger Jahren am Fuss der Steigung nach Alp d’Huez, als US Postal das Tempo schlagartig verschärfte. Der Herr verabschiedete sich zufrieden und stieg wieder ein. Als die Schranke sich Sekunden später hob, blieb ich stehen und winkte freundlich alle Autos durch, bevor ich vorsichtig meine Fahrt wieder aufnahm.

Ich hatte es schliesslich nicht eilig. Hahaha. Alles muss man selber machen. Sogar sich selbst überraschen.

4 Gedanken zu “Wie mich ein Autofahrer überrascht hat – ein Wechselbad der Gefühle

  1. Verstehe ich nicht: Eine stehende Autokolonne mit dem Velo rechts zu überholen (aber nicht schlängeln) ist doch ausdrücklich erlaubt.

    1. Genau! Aber viele Autofahrende scheinen das nicht zu wissen, oder es ist ihnen gleichgültig. Gerade bei Kolonnen vor Baustellen besteht allerdings häufig der Raum gar nicht, um rechts eine Gasse offen zu lassen. Dann fahre ich links vorbei, und das erzürnt die Autos dann eben.

Willst du einen Kommentar hinterlassen?