Bicycle Times ist tot – es lebe Bicycle Times!

Anders als viele Tiere und auch einige Menschen, die ich kenne, verspüre ich den Drang, meinen Bau auszumisten, im Herbst und nicht im Frühjahr. Das ist schade, denn so bleibt mir weniger Zeit zum Velofahren im Herbst. Und im Herbst macht Velofahren mehr Spass als im Frühling. Ca. vier Prozent weniger.

Dieses Jahr wurde ich aber ein bisschen entschädigt für diesen Verzicht. Als ich das Zimmer, das Büro gerufen wird, nach Abfall oder potentiellen Weihnachtsgeschenken für nervige Mitmenschen durchforstete, stiess ich auf die gesammelten Jahrgänge von vier Velo-Magazinen. Aktion war gefragt, daher klassierte ich umgehend drei Titel als archivwürdig und liess sie stehen. Über die Klinge springen musste Bicycle Times, von der ich sämtliche jemals erschienen Ausgaben besitze. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Hefte nochmals zur Hand nehmen würde, war keineswegs gering, aber kleiner als bei fahrstil, The Ride Journal und natürlich Boneshaker. Und irgendwo musste ich ja beginnen mit Wegschmeissen.

Den Rest des Abends verbrachte ich mit dem Definieren von „entsorgen“. Alles wegschmeissen? Interessante Nummern behalten? Und wenn ja, was ist „interessant“? Oder doch alles behalten und dafür die alten Schulhefte der Kinder verschwinden lassen?

Bicycle Times machte es mir einfach.

Ich hatte das Magazin in einer Buchhandlung in Manhattan entdeckt, 2009, wenige Tage nach Erscheinen der ersten Ausgabe. Als Souvenir nahm ich es mit nach Hause, und nach der Lektüre auf dem Heimflug abonnierte ich das Heft umgehend, denn es war, verglichen mit den exorbitanten Tarifen hiesiger Magazine, sehr günstig, aber auch sehr viel interessanter.

Die BT schrieb aus einer US-Perspektive über das Alltags- und Freizeit-Velofahren, aber nicht über Sport- oder Fitnessradeln. Aus der Schweiz kannte ich genau ein thematsich vergleichbares Magazin, das velojournal. BT war aber völlig exotisch für europäische Augen! Während in der Schweiz gegen einen Rückgang der Velonutzung unter Jugendlichen oder um bessere Infrastruktur gekämpft wird, ist in Amerika eine Velokultur erst am Entstehen, und entsprechend anders waren die Themen in der BT. Im Alltag Velo zu fahren, ist dort offenbar eine relativ junge Option, wenn es sie überhaupt gibt. Deshalb gab es in der BT in jeder Nummer mindestens einen Leserbrief, in dem jemand das Datum seiner ersten Velofahrt nannte, oder seine Velobiografie erzählte. Themen wie Gemeinschafts-Werkstätten für jedermann, Veloclubs für schwarze Frauen oder Reparatur-Kurse für sozial Bedürftige waren häufig. Oder Anleitungen, wie man sich bei einer Ausfahrt mit einer Gruppe zu verhalten habe: nicht furzen, nicht rülpsen, nicht fluchen und seine Meinung nicht ungefragt kundtun. So stand das wirklcih einmal in der BT, und ich fragte mich, wie das wohl so sein müsse, in einer Gruppe amerikanischer Velofahrer mitzufahren.

Ungewohnt waren häufig auch die in den Produktetests vorgestellten Räder. Altmodisch, meinetwegen klassisch. So wie die schönen Fahrräder, die Rivendell Bicycle Works sie herstellt: Stahlrahmen, gemufft, in speziellen Farben und Formen. Fatbikes oder Lastenräder verschiedenster Art waren viel früher ein Thema als bei uns. Ging es um Accessoires, Bekleidung oder Zubehör, stand häufig die Sicherheit im Vordergrund. Kein Zufall, dass auch Verhaltenstipps- und regeln selten fehlten – genauso wie Inserate von Anwälten, die sich für Streitfälle in Verkehrsangelegenheiten empfahlen. Daneben gab es regelmässig Tourenbeschreibungen mit genauen Anweisungen, Berichte von Menschen, die eine besondere Beziehung zum Velo haben – autofreie Familien, Wellenreiter mit Brett-Träger am Velo, Söhne auf Abschiedstour mit ihrem krebskranken Vater oder Tallbike-Fans – und in jeder Nummer eine Verlosung mit Preisen von mehreren tausend Dollars, an denen ich als Europäer nie teilnahmeberechtigt war. Da hätte ich einen Anwalt gebrauchen können.

Nach elf Jahren und dreiundvierzig Ausgaben war 2017 ganz plötzlich Schluss: Ich erhielt statt BT nur noch das Muttermagazin Dirt Rag, ein Mountainbikeheft, zugestellt. Auf Nachfrage informierte man mich, dass BT nur noch online weiterleben würde; zwei Jahre später war auch damit Schluss, und heute zeigt die BT-Website eine Art Best-Of.

Zurück zu meinem Problem, ob und in welcher Art ich die BT-Hefte aufbewahren sollte. Kurz trug ich mich mit dem Gedanken, den ganzen Packen auf dem Internet zu verscherbeln, aber irgendwie tat mir das leid um die ganzen Hefte. Wie gesagt, fiel mir dann die Entscheidung nach wenig Stöbern leicht. Bis zur Nummer 25 waren die Titelseiten nämlich wahre Kunstwerke, jedes von einem anderen Künstler gestaltet. Ich löste also jedes Cover von seinem Heft und bündelte den Rest fein säuberlich, möglichst würdevoll. Mit dem Velo brachte ich das Bündel anderntags zur Papiersammelstelle und warf es, „Time to say goodbye“ summend, in eine grosse Mulde.

Die Covers werde ich in einem unbeobachteten Moment an eine Wand in unserem Haus hängen und so Tatsachen schaffen. Meine Familie würde kaum einwilligen in so eine morbide Velo-Galerie, aber wenn sie die Bilder sehen, werden sie sich nicht mehr wehren, da bin ich sicher. Aucb für den Rest der Welt woll es eien BT-Galerie geben, und zwar auf der velopflock-Instagram-Seite (@velopflock, siehe auch im Menü oben rechts auf velopflock.ch).

Genug geredet. Bilder sagen mehr als tausend Worte, und das waren nur gerade 794. Darum hier ein Vorgeschmack: Das erste Cover von Bicycle Times und jenes, das von der velopflock-Redaktion favorisiert wird. Übrigens: Die Nummer 7 können wir nicht bieten, denn die habe ich nie erhalten. Administration war nicht die Stärke von BT, und irgendwie macht sie das noch ein bisschen sympathischer.

BT1
Besonders hübsch: das Profil des Taxifahrers. Man muss den Kerl einfach mögen!
BT5
Elégant, n’est-ce pas?

 

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