Onkel Franz und das Geheimnis des Rückenwinds: Was man hat, das hat man!

Ich habe einen Onkel mit Namen Franz. In unserer Familie ist er der einzige fleissige Velofahrer in der Generation meiner Eltern. Dass vermutlich die meisten aus seiner Generation in ihrer Kindheit trotzdem häufiger mit dem Velo unterwegs waren, als es die Generation unserer Kinder heute ist, ist ein Thema für einen anderen Post.

Jedenfalls hat mich Onkel Franz etwas ganz Grundlegendes gelehrt: Was man hat, das hat man! Das klingt äusserst banal. Im  Zusammenhang mit Radfahren ist das aber eine grosse und sehr nützliche Weisheit, vorausgesetzt, man fährt in einer Gegend mit einfachen Windmustern (Bild: Stephan Kunze on unsplash).

Windrippeln

Aber der Reihe nach.

Meistens bin ich mit dem Velo in der Nähe meines Wohnortes unterwegs. Dieser liegt in einem grösseren Alpental. Der Wind kennt hier nur zwei Modi: Entweder bläst er von da nach dort oder umgekehrt. Der dritte Modus, dass der Wind nicht bläst, kommt so selten vor, dass er keine Beachtung verdient. Schliesslich ist das hier höchstens Populärwissenschaft. Im Sommer hat der Wind bei uns zudem die löbliche Eigenschaft, allermeistens morgens von da nach dort und anschliessend, nach einer recht kurzen Übergangsphase um die Mittagszeit, von dort nach da zu wehen. Man kann sich wirklich auf ihn verlassen, sofern nicht gerade Föhnstimmung herrscht, und diese ist erstens im Sommer selten und zweitens am Himmel leicht an den Wolken erkennbar (Bild: hikr.org).

Föhnfische

Für meinen Arbeitsweg heisst das, dass ich sowohl auf dem Hinweg am Morgen wie auf dem Rückweg nach Feierabend üppig Rückenwind habe. Wer diesem Blog folgt, weiss, dass ich seit meiner frühen Adoleszenz ein Gegenwind-Trauma mit mir herum trage und Rückenwind über alle Massen schätze. Darum habe ich den Wohnort für mich und meine Familie unter diesem und keinem anderen Gesichtspunkt ausgewählt. Und ich bete regelmässig für all jene opferbereiten Menschen, die sich morgens aus der anderen Richtung in die Stadt und abends wieder zurück quälen. Ich kenne, wenig überraschend, nur einen einzigen, und der benutzt ein schnelles E-Bike…

Nun zurück zu Onkel Franz. Wenn ich mal nicht zu Transportzwecken Velo fahren gehe, sondern allein zum Vergnügen, bin ich ja in der glücklichen Lage, die Route auszuwählen. Und dann spricht immer Franzens Weisheit zu mir: „Was du hast, das hast du!“ Auf’s Velofahren gemünzt: „Fahre erst mit dem Wind, denn er könnte unterwegs drehen.“

Ich habe diesen Grundsatz meistens beherzigt, ohne ihn zu hinterfragen. Erst kürzlich, in einer schlafarmen Nacht, habe ich eine zahlenmässige Betrachtung vorgenommen, ob derer ich wieder eingeschlafen bin. Möge es nun nicht allzu vielen Lesenden gleich ergehen.

Also: Nehmen wir der Einfachheit halber an, wir fahren vom Startpunkt eine bestimmte Strecke in eine Richtung, wenden dann und fahren wieder zurück zum Startpunkt:

VersuchsanordnungNehmen wir weiter an, unterwegs legt Äolus, der Windgott, den Schalter um, und der Wind dreht um 180 Grad. In dieser Versuchsanordnung verändern wir nun den Zeitpunkt der Windwende und schauen, wieviel Rückenwind am Ende dabei raus kommt. Den Zeitpunkt der Windwende drücken wir als Anteil der in jenem Moment bereits zurückgelegten Teilstrecke an der ganzen Strecke  aus.

a) Start mit Rückenwind
x (zum Zeitpunkt der Windwende bereits zurückgelegte Strecke) (Anteil Strecke, die gesamthaft mit Rückenwind gefahren wird)
0 % 50 %
25 % 75 %
50 % 100 %
75 % 75 %
100 % 50 %

(x=0 % und x=100 % bedeutet eigentlich einfach: die Windwende bleibt aus.)

b) Start mit Gegenwind
x (zum Zeitpunkt der Windwende bereits zurückgelegte Strecke) (Anteil Strecke, die gesamthaft mit Rückenwind gefahren wird)
0 % 50 %
25 % 25 %
50 % 0 %
75 % 25 %
100 % 50 %

(x=0 % und x=100 % bedeutet eigentlich einfach: die Windwende bleibt aus.)

Wir lernen daraus: Starten wir unsere Velotour mit Rückenwind, haben wir im schlechtesten Fall auf der Hälfte der Strecke Rückenwind. Nämlich dann, wenn Äolus keinen Finger rührt und der Wind sich während der Ausfahrt nicht verändert. Im besten Fall aber, wenn der Wind zur gleichen Zeit wendet wie wir, haben wir die ganze Zeit Rückenwind!

Starten wir umgekehrt gegen den Wind, haben wir auch im günstigsten Fall (ebenfalls: fauler Äolus, keine Windwende) nur auf der Hälfte der Strecke, nämlich auf dem Rückweg, Rückenwind. Ich finde das sehr bemerkenswert.

Nicht zu vergessen: Übergeordnet gilt natürlich, Wind hin oder her, immer noch das Wort von Guru Grant: Just ride! Entschuldige bitte, Onkel Franz.

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