Das grosse Paul Tamburin-Interview (Schluss)

Zeit für ein Schlusswort.

Schon? Aber wir haben doch erst gerade angefangen!

Gerade erst? Das war am 4. Januar! Und die Aufmerksamkeitsspanne der Leser von Blogs im Internet ist nachweislich nicht im Wachsen begriffen.

Da mögen Sie recht haben. Ich möchte aber noch ein wenig weiter mit Ihnen plaudern.

Plötzlich? Bisher war es schwierig, eine einzige Meinungsäusserung von Ihnen zu kriegen.

Ich weiss mich eben der Zeit anzupassen.

(Lacht laut, fängt sich nach einer Weile wieder. Schnieft.) Nun denn, bitte ein Schlusswort: Wie sieht die unmittelbare Zukunft des Fahrrads in unserer westlichen, kapitalistischen Gesellschaft aus?

Ich denke, das Fahrrad wird bald wieder aus dem Mainstream verschwinden und zu seinem Mauerblümchen-Dasein zurückkehren, das es seit dem letzten Krieg geführt hat, von kurzen Unterbrechungen während der Öl- und seit der Finanzkrise abgesehen. Das wird vielleicht nicht ganz so schnell gehen, wie das Velo populär geworden ist, aber schnell.

Traurig. Wieso?

Da sehe ich zwei Gründe. Der eine ist teilweise rational zu verstehen, und darum kriegt man auch nicht gleich weisse Knöchel, wenn man darüber redet: Das Velo wird momentan ja in erster Linie als Sportgerät verstanden, und Sportarten sind ebenso sehr Modetrends unterworfen wie der Schnitt von Jeanshosen oder die Popularität eines Szene-Restaurants. Natürlich wird es immer Leute geben, die Rad fahren, so oft es ihnen ihre Zeit erlaubt, nur werden das nicht furchtbar viele sein. Unter diesen wenigen wiederum wird es eine beträchtliche Minderheit von Velo-Liebhabern oder Technik-Freaks geben, welche High-End-Velos oder andere hochwertige Nischen-Produkte wie Retro-Räder kaufen. Um den Rest zu bedienen, braucht es dann nicht mehr viele Massenproduzenten. Die Anbieter werden also in grosser Zahl verschwinden.

Vernachlässigen Sie dabei nicht vielleicht die E-Bikes?

Keineswegs. E-Bikes werden zum kleineren Teil von Sportradlern gekauft und zum grösseren von Alltagsfahrern. Aber weil die Sportradler wenige sind und die Alltagsradler ihr Gefährt unsentimental als Gebrauchsgegenstand betrachten, werden auch bei den E-Bikes die Verkaufszahlen sehr bald zurückgehen. Das ist natürlich alles sehr schade, aber ich fürchte, so wird es laufen.

Sie haben erwähnt…

Ausserdem sitzen ja nicht nur Radfahrer der Utopie von der Elektromobilität auf, sondern bald auch die Autofahrer, wenn man den Prognosen der Anbieter von Strom und Autos glaubt. Dann wird es sehr bald schicker und wichtiger sein, ein E-Auto als ein E-Bike zu fahren.

Kommen wir langsam zu einem Ende, bitte. Sie schulden uns noch den zweiten Grund, weshalb das Velo bald auch seine derzeitige Blütezeit hinter sich haben wird.

Das ist eine ganz tragische Geschichte. Deswegen fällt es mir manchmal schwer, darüber zu sprechen. Bitte verlassen Sie einfach unauffällig den Raum, falls mich meine Gefühle übermannen sollten.

Ich verspreche es.

(In feierlichem Beinahe-Flüsterton) Das Fahrrad wird an seiner Genialität und seinem enormen Potenzial scheitern! (Schweigt.)

Wieso das denn?

Das Velo, genauer die Nutzung des Velos durch die Massen in den städtischen Ballungsräumen überall auf der Welt hat das Zeug, so ziemlich alle Probleme der Menschheit, die heute bekannt sind, zu lösen. Vielleicht mit der Ausnahme der Entsorgung von radioaktivem Müll, aber das ist noch nicht so ganz klar, es fehlen Fakten. Das ist so wunderbar, wie es klingt, ich weiss, und darum glauben die Menschen, das sei Humbug und zu schön, um wahr zusein. Also werden sie diese einmalige Chance nicht ergreifen. Das ist übrigens das bestgehütete Geheimnis der Welt!

Sie sind mir ja ein schöner Verschwörungstheoretiker! Und es hat nie ein Mensch die Oberfläche des Mondes betreten…

Doch, natürlich, aber wie kommen Sie jetzt darauf?

Ihre Theorie klingt noch abenteuerlicher als die Geschichte von Stanley Kubrick, der für die US-Regierung die Mondlandung inszeniert haben soll.

Sehen Sie? Sie sind ein Veloblogger, und nicht einmal Sie glauben daran, dass Velofahren die Welt retten kann. Und deshalb wird die Welt untergehen.

Wie kommen Sie nur jeden Morgen aus dem Bett, wenn Ihre Weltsicht dermassen pessimistisch ist?

Weil mich das Ganze letzten Endes nicht kümmert. Ich denke zwar gerne über solche Sachen nach. Aber noch viel lieber fahre ich Rad, und das macht mich glücklich.

Ich teile Ihre Einschätuzng der Macht des Fahrrads nicht. Wenn sich die ganze Welt morgen in den Sattel schwingen würde, vermöchte das vielleicht den Klimawandel etwas zu bremsen. Aber all die anderen Probleme! Machen wir doch die Probe aufs Exempel: Wie soll das Velo denn die Massenarbeitslosigkeit beseitigen?

Würden alle Menschen ihre Mobilität mit Menschenverstand angehen, müssten erst mal ganz viele Velos gebaut werden. Das schafft Millionen von Arbeitsplätzen. Dann müssten ganz viele Autos – natürlich nicht alle, denn das Auto kann vieles leisten, was ein Velo nicht kann – entsorgt werden, zusammen mit der nun überflüssigen Infrastruktur für die Herstellung von Autos und die Gewinnung fossiler Energieträger. Die Verkehrswege müssten angepasst werden, weil das Mengenverhältnis von Autostrassen und Fahrradwegen von 100 zu eins umgekehrt werden müsste. Das geht nicht von heute auf morgen! Und so weiter: lauter neue Arbeitsplätze! Ta-daa!

All die kriegerischen Konflikte?

Würden die Entscheidungsträger mehr Velo fahren, also so richtig viel, dann wären sie viel entspannter und könnten wegen der erhöhten Sauerstoffzufuhr zu ihren Gehirnen bessere Entscheidungen treffen. Ausserdem hätten sie weniger Zeit, schlechte oder egoistische oder irrationale Dinge zu tun, zu sagen oder anzuordnen. Oder zu twittern. Und schwere Waffen liessen sich mit Fahrrädern schlecht transportieren.

Lächerlich. Das Artensterben?

Würde durch das Ende der Umweltverschmutzung nach dem Wechsel des globalen Verkehrsregimes gestoppt.

Die Handelskriege?

Würden ebenfalls verschwinden, weil die Machthaber besseres zu tun hätten, nämlich Radtouren zu unternehmen, und infolgedessen besser nachdenken würden. Ausserdem wären die Güter, wegen denen diese Handels- und überhaupt alle anderen Kriege vom Zaun gerissen wurden, also Erdöl und andere Rohstoffe, nicht mehr gefragt. Die ganze Weltwirtschaft würde sich entspannen, weil Velos und Veloverkehr einfach weniger Rohstoffe braucht und mit ihnen weniger Geld gemacht werden kann als mit Autos, Strassen und Benzin.

Die globalen Seuchen und andere Krankheiten?

Das ist die tragische Ausnahme. Velofahren hat ein enormes Potenzial in der Krankheits-Prävention, aber vielen Krankheiten kann man nicht vorbeugen.

Da haben wir’s: Das Velo ist kein Wundermittel!

Ich habe ja auch nicht gesagt „alle Probleme der Menschheit“, sondern „so ziemlich alle Probleme der Menschheit, die heute bekannt sind“. Lesen Sie doch Ihre Notizen, Sie Naivling. Und warten Sie weiterhin auf ein Wunder, statt die vorhandenen Mittel zu nutzen.

Was für ein schönes Schlusswort!

Es geht. Aber mir reicht’s jetzt sowieso. Ich geh radeln.

(Türklapp.)

Anmerkung der Redaktion: Trotz der zeitweise engen Verbindung zu Paul Tamburin sind die in diesem Gespräch geäusserten Meinungen nicht notwendigerweise jene der Redaktion von velopflock.ch. Und zum Schluss noch dies, um wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen:

THE BICYCLE from Adam Neustadter on Vimeo.

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