Kindervelos sind keine Welpen!

Hundebabys sind zum Knuddeln. Also wirklich. Mit überproportionierten Pfoten und treuherzigem Blick tapsen sie auf einen zu, so dass man gar nicht anders kann als sie in Herz und Arme zu schliessen, wenn man eine Seele im Leib trägt. Ganz egal, was man davor seinen Kindern zum Thema “Anschaffung eines Haustieres” gesagt hat. Das hat die Natur so eingerichtet bei den Säugetieren, damit sicher keine frischgebackene Mutter aus Mangel an Interesse oder aus Bequemlichkeit den Wurf links liegen lässt und sich einem anderen Zeitvertrieb widmet. Oder damit, falls der Mutter etwas zustösst, sich wenigstens der Vater oder ein anderes Mitglied der Herde des hilflosen Neugeborenen annimmt. Wenn das Jungtier nur herzig genug ist, wird es schon irgendeiner füttern. Kindchenschema nennt sich das glaub. (Bei den Vögeln muss das offensichtlich irgendwie anders laufen.)

Einen Moment, was hat Evolutionsbiologie mit Velos zu tun? kann man sich mit Fug und Recht an dieser Stelle fragen. Überhaupt nichts, ist die korrekte Antwort, und gerade deshalb ist das ein Thema hier. Irgendwann Ende der Achtzigerjahre haben nämlich die Fahrradbauer das Kindchenschema für sich entdeckt. Seither bauen sie Kinderfahrräder, die aussehen wie aus dem Playmobil-Katalog. Übermässig dicke Reifen, langer Radstand, dicke Rohre, bunte Farben, Kinderbuchfiguren oder Superhelden imitierend. Bei potentiellen Käufern und ihren weniger potentiellen als vielmehr realen Kindern soll der “Jööö-Effekt” (jööö: schweizerischer Ausruf des Entzückens über etwas niedliches, zum Beispiel ein Kindervelo, das wie die berühmte Kinderbuchfigur Globi rot-schwarz karierte Hosen anhat), also der “Jööö-Effekt” soll ausgelöst werden, damit sie ohne weitere Überlegung mit dem Velo unter dem Arm zur Kasse stürmen. Ich kenne keine Verkaufszahlen, aber ein Blick in den Veloabstellraum eines beliebigen Schweizer Mehrfamilienhauses bestätigt den durchschlagenden Erfolg dieser Strategie.

Nun ist ja nichts Schlechtes daran, einem Kind ein Velo zu verkaufen. Das Gegenteil ist der Fall, wie meistens im Leben. Bloss: Das ame Ding (damit ist das Kind gemeint) soll ja auf dem Fahrrad auch fahren können, und hier beginnt das Elend. Im Zuge der Gewinnoptimierung haben sich die allermeisten Hersteller von Kinder- und Jugendfahrrädern nämlich darauf verlegt, an die Disney- und Bonbon-Rahmen möglichst viele Komponenten aus der Erwachsenenabteilung zu schrauben. Das ist mit ein Grund für das Kindchenschema-Aussehen der Räder. Wieso extra ein Teil entwickeln, das auf einen Rahmen der Grösse 32 passt, wenn nebenan massenweise Teile für 52er-Rahmen fertig herumliegen? Also kriegen die Velos für Vorschulkinder den schmalsten verfügbaren Erwachsenen-Lenker samt Vorbau verpasst. Richtig übel wirkt sich diese Strategie aber bei Tretlagerbreite und Kurbellänge aus. Sind diese Teile zu gross, sehen die Bewegungen des fahrenden Kindes nicht nur grotesk aus, sie sind auch ineffizient und im dümmsten
Fall gesundheitsschädigend. Das Kind sitzt breitbeinig auf dem Göppel wie ein Rocker auf einer Harley-Davidson, bloss weniger entspannt, uind die Lederkluft fehlt ja in der regel
auch. Obwohl das Kind, im Sattel sitzend, nur knapp mit den Zehenspitzen den Boden berührt, schlägt sein Knie bei jeder Kurbelumdrehung gegen das Kinn. Zum Vergleich: Die Kurbel am Fahrrad, das mein Sohn (damals 1.20 m gross) im Alter von fünf Jahren von Bekannten erben konnte, misst 160 mm, die an meinem (1.90 m gross) Fahrrad misst 170 mm. Das ist kein Einzelfall. Ich habe Dutzende, wenn nicht Zehntausende Messungen gemacht. Bei der Breite der Tretlager sind die Verhältnisse ähnlich.

Bei den körperlichen Folgen von solchen Kindchenvelos können ja noch der Kieferorthopäde (ist heute ja sowieso Pflicht, ungeachtet der Zahnstellung) oder der Orthopäde helfen. Aber, und das ist viel schlimmer, dem Kind vergeht irgendwann die Lust, sich auf dem drolligen Gefährt zu quälen. Die Zahlen zur Nutzung des Fahrrades unter Kindern sprechen für sich. Die Agilität beim Lenken wird auch nicht eben gefördert durch so eine Geometrie, was Stürze wahrscheinlicher macht. Und wieso das in unserer sicherheitsversessenen Gesellschaft geduldet wird, ist noch nicht erforscht. Kurz, die Verkaufsfördeung im Fahrradhandel durch die Verwendung des Kindchenschemas verleidet der Kundschaft den Gebrauch des Fahrrads.

Das war nicht immer so. Während meiner Ferien in der Westschweiz habe ich inn einer Kammer des Bauernhauses, das wir gemietet hatten, ein verstaubtes Mädchenvelo der französischen Marke Motobécane entdeckt. Die jüngste von etwa sechs Velovignetten datiert aus dem Jahr 1992, es wurde also etwa Mitte der Achtziger gebaut. Das Velo ist hellblau-metallisé lackiert, hat 24″-Räder mit Weisswandreifen, schlanke, elegante Rohre und einen kinderschulterbreiten, grazil geschwungenen Lenker mit dem kürzesten Vorbau, der mir je untergekommen ist. Schaut man das Fahrrad von nahe an, kommt es einem irgendwie eigenartig vor, abgemagert und hochbeinig (paradoxerweise erzeugt auch das ein wenig Mitleid), weil sich unser Blick inzwischen an die oben beschriebenen Schlumpfräder gewöhnt hat. Von weitem betrachtet fällt einem aber gar nichts auf, denn man hält es für ein Erwachsenenrad, weil es wie eines proportioniert ist. Ein Kind, das darauf fährt, macht dieselben Bewegungen wie ein Erwachsener auf seinem Velo. Die Kurbel misst nämlich gerade mal 125 mm. Das Velo ist übrigens leichter als sein modernes Pendant, was der mit Gewichtsersparnis werbenden Industrie auch zu denken geben sollte.

 

Tafel 1: Schlumpfrad

Tafel 1: Schlumpfrad

Tafel 2: Damenrad

Tafel 2: Damenrad

Tafel 3: Jugendrad, wohlproportioniert

Tafel 3: Jugendrad, wohlproportioniert

Ich habe das Velo dann flottgemacht, und unsere Tochter hatte so viel Spass damit, dass sie es am Ende der Ferien mit nach Hause nehmen wollte. Reflexartig wollte ich einwilligen, denn so ein Velo macht ja doch deutlich weniger Arbeit als die Welpen auf dem Bauernhof, von denen sie ebenfalls einen haben wollte. Aber das schöne Rad mitzunehmen wäre Diebstahl gewesen. Ausserdem wollte ich das Vergnügen, auf einem richtigen Jugendrad fahren zu können, auch den Kindern von nach uns kommenden Mietern ermöglichen. Velofahrer sind eben bessere Menschen.

PS: Wer jetzt noch keine Etappe von Le Tour an der télévision mitverfolgt hat, hat den Sommer bereits verpasst. Das Einzelzeitfahren von heute Samstag ist eine Alibiübung und ausserdem nicht annähernd so spannend wie eine Bergetappe. Zut alors, aber selber schuld!

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Depilation statt Karbon statt Kondition

Dieser Titel mag auf den ersten Blick verwirren. Er ist aber korrekt, sauber recherchiert und obendrauf noch passend. Zuerst einige Begriffsklärungen (obwohl eigentlich nächstens die Übertragung der heutigen Tour de Frongs-Etappe beginnt):

  • “Der Begriff Depilation bezeichnet mehrere Verfahren der Haarentfernung, bei denen nur der sichtbare Teil des Haares außerhalb der Haut entfernt wird. Die gängigste Depilationsmethode ist die Rasur. Verbreitet ist auch die Anwendung chemischer Mittel, etwa von Enthaarungscreme. Bei beiden Methoden wächst das Haar innerhalb kurzer Zeit wieder nach. Im Unterschied zur Depilation wird bei der Epilation das Haar mitsamt der Haarwurzel entfernt, entweder temporär oder permanent.” (Quelle: de.wikipedia.org) Ergänzung: Was die meisten Männer über Enthaarung wissen, wissen sie aus der TV-Werbung für irgendwelche elektrische Geräte zu diesem Zweck. Kann man aber vergessen. Depilation zaubert kein Lächeln auf das Gesicht des oder der Depilierten, sie kann auch in kühlem, hartem Badezimmerlicht vonstatten gehen statt in zart gestreutem Tageslicht,  und sie muss nicht unbedingt aus ästhetischen Gründen erfolgen. Für weitere Fragen wenden Sie sich an Ihre Partnerin oder die Ihnen sonst am nächsten stehende weibliche Person.
  • Karbon: Code für “Etwas sauteures, was ich überhaupt nicht brauchen kann, aber trotzdem gekauft habe, weil alle anderen es auch gekauft haben, es in jeder einschlägigen “Fachzeitschrift” kritiklos angepriesen wird und ich ausserdem das nötige Kleingeld dazu besitze”.
  • Kondition: Hier: Eine komplizierte Mischung aus Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit im Zusammenhang mit körperlicher Betätigung. Mit Karbon zusammen tritt hauptsächlich die Ausdauer auf. (Könnte sich aber auch ändern. Wer einem 120-Kilo-Hobbyradler einen Karbonrenner andrehen kann, verkauft auch einem Bodybuilder eine Karbon-Langhantel.)
  • Karbon statt Kondition: Ausruf des Neides von müden Radfahrern, wenn sie einen vermeintlichen Konkurrenten um den Titel “Schnellster Feierabendradler auf dem Gibisnüt” auf einem neuen, teuren Karbonrennrad erblicken. Erfunden für eine Werbekampagne einer Schweizer Tourismusdestination mit zwei Huftieren drin.

Item (sprich [i:tem]): In einem neuerlichen Anflug von Heldenmut (aus Heldenmut wird übrigens selten Heldentum, obwohl die beiden scrabblemässig gleichwertig sind) habe ich einen weiteren Selbstversuch im Interesse der gesamten Velo-Community gestartet und mir meine Beine rasiert. Doch, das stimmt. Jetzt aber nicht gleich weiterblättern, für Enttäuschung besteht nämlich kein Anlass. Die meisten Kerls rasieren sich ihre Beine, weil das en vogue ist in einer bestimmten Alterskategorie (in welche ich übrigens sicher nicht mehr falle) oder weil sie Hobby-Radfahrer sind (wozu ich mich in einem gewissen Sinne zähle). Erstere, damit sie in der Badi eine oder einen aufreissen können. Bei Letzteren bin ich mir nicht ganz sicher, da gibt es verschiedene Theorien. Entweder rasieren, um Entzündungen bei der täglichen Massage vorzubeugen, oder um den Heilungsprozess von Schürfwunden nach einem Sturz vorzubeugen, oder um beim Jedermannrennen nicht aufzufallen.
Weder unterziehe ich mich regelmässig einer Massage, noch falle ich häufiger als unbedingt nötig hin. Bei jedermannrennen aufzufallen, stört mich nicht weiter. Ich habe deshalb meinen eigenen kleinen Grund entwickelt, einmal die Woche schlotternd in der Dusche zu stehen und mich zu verstümmeln (so ein Gesicht ist doch deutlich leichter zu rasieren, Teufel nochmal: Keine Sehnen, fast keine Gelenke, und alles liegt gut sichtbar an der Vorderseite).

(Rasieren die Herren von Le Tour eigentlich auch die Arme? Von wegen Stürzen und so?)

Ich rasiere meine Beine hauptsächlich aus mentalen Gründen. Zur Sommerzeit laufe ich nämlich wann immer möglich (und das ist eigentlich immer) in kurzen Hosen herum. Meine unbehaarten Beine sollen mich deshalb zu jeder Zeit daran erinnern, dass ich ein Hobby-Velofahrer bin und deshalb gerade auf dem Rad sitzen bzw. mich so schnell wie möglich in einen Sattel schwingen sollte. Ob ihr’s glaubt oder nicht: das funktioniert! Ich sitze also seit Stunden im Büro, kratze mich mangels Ideen an der Wade und realisiere sofort: Das bringt nichts mehr hier, raus und ab aufs Fahrrad. Dort kommen mir nämlich sowieso stets die besten Ideen. Und mein Büro hat einen Hinterausgang! Oder ich schaue mir im Fernsehen ein Fussballspiel der Argentinier an, klopfe mir vor Empörung auf den Schenkel und realisiere sofort:  Das bringt nichts mehr hier, raus und ab aufs Fahrrad. Dort begegnen mir nämlich sowieso am seltensten argentinische Fussball-Primadonnen. Undsoweiter. Probiert’s selber aus!
Ob man ohne Beinbehaarung auch den Fahrtwind besser wahrnimmt, wie einige sagen, kann ich leider nicht beurteilen, weil ich schon vor dem erstmaligen Rasieren so gut wie keine Beinbehaarung vorweisen konnte. Falls das aber stimmt, wäre das sicher ein weiterer guter Grund für die sommerliche Herren-Depilation.

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Redaktionell veortete Begeisterung!

Vor zwei Jahren erschien erstmals die Rangliste der 50 besten deutschsprachigen Fahrradblogs. In einem deutschsprachigen Fahrradblog. Zu unserer zugegebenermassen freudigen Verblüffung rangierte auch Velopflock unter den Top Fifty. Wir bedankten uns umgehend artig in der Kommentarspalte des besagten Blogs und tönten schüchtern, wie wir Schweizer das nun mal sind, und vielleicht auch sprachlich etwas hölzern, weil ja Deutsch nicht direkt unsere Muttersprache ist, tönten also an, wir würden uns freuen, nun auch auf der Blogroll des Jurors zu erscheinen. Das wäre dann der Ritterschlag gewesen. Stattdessen wurde uns beschieden, ein Link zu Velopflock wäre „…redaktionell nicht zu verorten“. Wir interpretierten das so, dass unser Blog (Platz 33 oder so auf der Rangliste) zuwenig mit Fahrrädern zu tun hat, um von der Mutter aller deutschsprachigen Fahrradblogs verlinkt zu werden. Nun denn, damit können wir leben, ebenso wie wir mit der Tatsache leben können, dass kein Schwein weiss, was die Kriterien für diese Rangliste waren. Oder mit der Tatsache, dass es besagter Fahrradblog in der diesjährigen Ausgabe seiner Rangliste selbst auf Platz zehn geschafft hat. Da sagen wir Chapeau! ob soviel Bescheidenheit.

Um nun aber zur Hauptsache zu kommen: Wir haben etwas weniger Berührungsängste mit fahrradferneren Themen in unserem Blog und schreiben deshalb ganz unverblümt und frisch von der Leber über das härteste Radrennen der Welt, La Grande Boucle, Le Tour de France oder schlichtement Le Tour, oui? Ob wir das nun auf einem Fahrradblog redaktionell verorten (was heisst das eigentlich genau?) können oder nicht, mon dieu, darüber haben wir nicht nachgedacht, vermuten aber dass wir es könnten, wenn wir wollten, denn in unserem Titelbanner steht was von Velo und das heisst auf Hochdeutsch Fahrrad. Item (das ist nun ein schweizerischer Ausdruck und heisst im engeren Kontext eigentlich gar nichts, ausser, dass nun der Faden der Geschichte wieder aufgenommen werden soll): Eine Blitzumfrage auf der Velopflock-Zentralredaktion ergab, dass ziemlich genau die Hälfte aller Anwesenden hell begeistert sind davon, dass Le Tour heute wieder losgegangen ist. Ein Sommer ohne Le Tour ist nämlich wie ein Winter ohne Schnee, eine Verlosung ohne Hauptpreis oder eine Fussball-WM ohne italienischen Muttersöhnchen-Minimalisten-Fussball. Oder so. Das hier ist kein Rennradblog, sondern eine Internetseite über alle Aspekte des muskelbetriebenen Zweirads (aber nicht, dass wir uns anmassen, auch nur ein Zehntel all dieser Aspekte jemals ansprechen zu können!). Darum muss auch ein bisschen Radrennsport sein. Besonders, wenn es sich um Le Tour handelt.

Mehrere Redaktionsmitglieder sind seit Kindesbeinen mit den TV-Übertragungen aus L’Alpe d’Huez, vom Tourmalet oder aus Gap vertraut. Eines davon bin ich. Meine erste Leidenschaft in Zusammenhang mit dem Velo war schliesslich, Rennen zu fahren, wenn auch nur auf den Gehsteigen, pardon, Trottoirs des Quartiers und mit ordinären Dreigängern. Seither habe ich alle Austragungen von Le Tour verfolgt, menschliche Dramen und übermenschliche Anstrengungen miterlebt (meine Schwester strengte sich enorm an, um die Fernbedienung des TV-Geräts aus meinen Händen zu ringen, damit sie ihre Pferdesendung gucken konnte, welche während der Live-Übertragung einer Tour-Etappe auf einem anderen Kanal lief; sie, sechs Jahre älter, gewann aufgrund ihrer physischen Überlegenheit, was für mich ein Drama war). Vor allem lernte ich dank der Übertragungen auch die französische Landschaft kennen und schätzen. Ausgedehnte Kameraschwenks aus dem Helikopter zeigen jeweils goldene Getreidefelder, endlose Alleen, imposante Kathedralen oder schwindelerregend gewundene Passstrassen. (Auf einer sechsstündigen Flachetappe ist ja auch nicht ständig was los, oder die Protagonisten pinkeln im Treten oder reihenweise am Strassenrand stehend; da muss sich die Regie auch mal mit etwas Fremdenverkehrswerbung behelfen, n’est-ce pas?)

Diese Landschaftsbilder sind der Fairness halber bien sûr jenen Kennern vorbehalten, welche sich die Live-Ausstrahlung antun und nicht nur die Zusammenfassung nach der Tagesschau. Wobei dieses abendliche Résumé inzwischen leider immer öfter weggelassen wird. Der Profiradsport ist in den seriösen Medien nämlich in Verruf geraten, natürlich wegen des grassierenden Dopings. Bei aller Liebe zum und Respekt vor dem Gesetz: Mir ist es eigentlich Wurscht, was die Radarbeiter so alles zu sich nehmen vor dem Rennen. Viele Etappen, besonders die Bergetappen, sind so dermassen spannend, dass es mich nicht so kümmert, ob da nun alles im Rahmen der Vorschriften abläuft. Hauptsache, ich bin gut unterhalten. Wer hat denn jemals aus Baywatch weggezappt, bloss weil die Lebensretterinnen keinen Naturbusen vor sich hertrugen? Thomas Gottschalk war wirklich vor jeder Sendung in der Maske?! Und die Wrestler springen einander gar nicht echt aufs Gesicht, sondern knapp daneben?

Sowas aber auch.

Und als Vorbilder für die Jugend taugen die Radprofis mit ihrer eigenartigen Berufkleidung, dem bizarr kleinen Umfangverhältnis von Bizeps zu Oberschenkel und den in Nahaufnahme gut sichtbaren Sabberfäden sowieso nicht. Genauso wenig übrigens wie irgendwelche anderen Spitzensportler.

Deshalb haben wir hier bei Velopflock keine Hemmungen, folgenden Ratschlag abzugeben: Während der Tour in die französische Provinz fahren, sich in ein Bistro mit TV setzen und zusammen mit den Einheimischen Le Tour gucken. Oder sonst mindestens zu Hause bei einem Glas eisgekühltem Pastis und etwas Baguette mit Jambon. Sich vorher ein wenig mit der Geschichte, insbesondere der Sozialgeschichte der Tour vertraut gemacht zu haben (zum Beispiel mit ausgewählten Episoden von The Bike Show), steigert das Vergnügen enorm. Mehr Sommer geht nicht! (Und im Büro heimlich den Liveticker zu verfolgen geht wegen der fehlenden Landschaftsbilder gar nicht.) Morgens eine Ausfahrt auf dem Velo, ein leichtes Mittagessen. Dann die Etappe geniessen, am besten zusammen mit anderen Connaisseurs oder Connaisseusen, und danach noch zur Abkühlung ins Freibad oder in einen Fluss. Das ist der perfekte Sommertag für einen Fahrradliebhaber. Vorausgesetzt natürlich, er muss keinem Broterwerb nachgehen. Über diesen Fall breiten wir aus schmerzvoller Erfahrung den Mantel der Verdrängung.

Und noch ein zweiter Tipp: Wer Vorurteile gegen das Rennradfahren als solches hat, dem sei dieses Video hier ans Herz gelegt. Und dies nicht, weil es zufällig von der Organisation der Tour de France gemacht wurde, sondern, weil es zeigt, wie schön Rennradfahren sein kann – ganz ohne Rennen, versteht sich.

Und noch ganz zum Schluss: Bitte entschuldigt, dass wir hier ein Thema besprochen haben, das so ganz und gar nichts mit Velos zu tun hat. Wir geloben keine Besserung. Da dürft ihr uns gerne auf die Finger gucken.

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Ode an gelben Rost

Neulich in meiner EMailbox: «Bike for sale». Das Verkaufsangebot ist eine unglaublich herzerwärmende Schönfärberei. Alleine dafür hätte ich beinahe die geforderten 90 Stutz locker gemacht. Aber schaut selbst

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Auf die Knie!

Autofahrer müssten vor den Velofahrern dankend auf die Knie fallen: Jeder Velofahrer ist ein Konkurrent weniger im Stau und ein Konkurrent weniger bei der Parkplatzsuche. Radio SRF3 macht den Test aufs Exempel: wie pendelt man am schnellsten in die Stadt? Das Fazit aus dem Vergleich von Citybike vs. Auto (O-Ton SRF3): wer für so eine Strecke das Auto nimmt ist dumm! Aber hört selbst

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Learn From The Best!

Gestern habe ich in einer grossen Schweizer Tageszeitung einen Artikel gelesen, der den laufenden Wahlkampf um die Sitze in einer Kantonsregierung untersuchte. Über die Gründe, weshalb die Wahlchancen eines bestimmten Kandidaten in letzter Zeit gesunken sind, stand: „It’s the economy, stupid!“ Der Mann hatte sich zuwenig um die Interessen der Wirtschaft geschert. Eine Weile musste ich über diesen Satz nachdenken und versuchte, etwas daraus zu lernen. Und das gelang mir auch. Was ich lernte, überdachte ich nochmals kurz, und schliesslich war ich in der Lage, den Satz umzudeuten in „Learn From The Best“. Immer noch englisch, denn ein englischer Merksatz merkt sich in jedem Fall leichter.

Learn From The Best gilt nämlich, und jetzt sind wir beim Thema, auch in der Verkehrspolitik, möglicherweise in der Politik ganz überhaupt. Mein Leben lang habe ich mich gefragt, wo kriegt der motorisierte Individualverkehr, abgekürzt MIV, eigentlich die ganze Kohle her für die Strassen, Brücken und Tunnels? Für die Bewilligungen, die es braucht, um Strassen zu verbreitern, zu erneuern, zu verlängern und um ganze Innenstädte mit Parkplätzen zu überziehen? Natürlich haben die die Kohle, weil sie im Kampf um den Platz und das Geld auf der Strasse die Besten sind, aber wieso sind sie das? Genau: It’s the economy, stupid.

Und das geht so: öffentliches Geld und Platz auf der Strasse kriegt der MIV von mir, dir und allen anderen über 18 Jahren. Und zwar dank Politikern, welche sich bei der Verteilung von öffentlichen Geldern für die Interessen des MIV einsetzen. Man nennt das Lobbying. Diese Politiker hören wiederum auf Firmen, Verbände oder Personen (so genannte Lobbyisten), welche ihnen einflüstern, was sie in den wichtigen Abstimmungen in ihrem Parlament abzustimmen haben, damit es dem MIV gut geht und der Motor von Autos und Wirtschaft weiterhin macht, was er soll, nämlich brummen. Das ist alles ganz legal und wird in allen Demokratien der Welt so gehandhabt. (Ausser in den Ländern, die „Volk“ oder „demokratisch“ im Namen tragen, weil das sind gar keine Demokratien, aber davon wollen wir heute nicht reden.)

Aber wieso sind die Lobbyisten des MIV erfolgreicher als, sagen wir, die des Veloverkehrs? Die gibt es nämlich auch seit langem, und trotzdem ist die Schweiz ein äusserst steiniges Pflaster, wenn es um den Bau von Infrastruktur für die kleine Königin geht (so heisst das Velo in Fronggraisch). Die Antwort kennen wir ja schon, it’s the economy, stupid. Hinter der MIV-Lobby steht nämlich ein Geldhaufen, der wahrscheinlich zehntausend Mal, vielleicht aber auch hunderttausend Mal, wer weiss das schon, grösser ist als der hinter der Velolobby: Autoindustrie und Erdölmultis, aber auch Baukonzerne, Krankenkassen, Lungenkliniken oder betuchte Luxuswagenfahrer, um nur einige zu nennen, die einem so spontan einfallen. Hinter der Velolobby dagegen stehen die Velohersteller, Gesundheitsfanatiker und Baumschützer. Und das sind nicht mal nur die spontanen Einfälle, sondern alle. Ein armseliges Häufchen Ewiggestriger also. Das reicht natürlich nicht für einen Platz im Herzen der Politiker, obwohl es nach Angaben des Bundesamtes für Statistik in der Schweiz stattliche 5.7 Mio. Fahrräder gibt, gegenüber lächerlichen 5.7 Mio. Autos! Der Autoclub TCS schätzt, dass es sogar 6.7 Mio. Velos gibt. (Woher wollen die das überhaupt wissen? Die behaupten das sicher nur, um unnötigerweise Mitleid mit dem Autofahrer zu erregen, der ja dann eine Minderheit wäre.) Also: Gleich viele Velos wie Autos, aber vielviel mehr Unterstützung für die Autos. Das ist doch bodenlos ungerecht!

Der Grund für diesen Widerspruch zwischen vielen Fahrrädern und schwacher Velolobby: It’s the economy, stupid! (Hätten Sie’s erraten?) Weil Autos sehr teuer sind und teures (und immer teurer werdendes) Benzin verbrauchen, haben die einschlägigen Interessenverbände ziemlich starke Interessen und sind äusserst gut ausgestattet in der Abstimmungskampfkasse. Umgekehrt erfolgt Lobbyarbeit im Velosektor hobbymässig und ehrenamtlich. Klingt nicht sehr erfolgversprechend, oder?

Die Lösung ist: Die Velos sind viel zu billig, deshalb hat die Veloindustrie zuwenig Bares, um die Verkehrspolitiker aufzuklären, wenn es die Verteilung des Kuchens geht. Also müssen die Fahrradpreise um eine eigentliche Lobby-Abgabe erhöht werden. Wir schweben da so zirka zweitausend Prozent vor, denn der Vorsprung des MIV ist gigantisch oder noch grösser.

Das mag jetzt absurd tönen, aber wenn die Preise für Velos auch hoch sind, werden immer noch zahllose Hobby-Gümmeler und -biker ein High-End-Gerät erstehen, um es am Sonntag auf ihr Auto zu schnallen und anschliessend damit irgendwo in der mittleren Nachbarschaft ihre Zunge knapp über dem Boden spazieren zu führen. Ein Kollaps des Marktes ist also nicht zu befürchten. Dafür werden Fahrradhersteller nun zu höchst interessanten Objekten für Investoren. Der Rubel rollt, und die Fahrradwelt kann sich endlich auf Wesentlicheres konzentrieren als die Entwicklung von albernen motorengetriebenen Fahrrädern: auf politische Lobby-Arbeit. Auf den Aufbau einer Veloinfrastruktur, welche diesen Namen verdient. Auf die Schulung von Schülern, damit diese das Velofahren am Ende ihrer Schulzeit mindestens so gut beherrschen wie den Dreisatz oder den kleinen Napoleon. Auf die Verkuppelung von öffentlichem und Veloverkehr. Und lauter andere so schöne Sachen, wie die Entwicklung von Kindervelos, die keine knallig lackierten Erwachsenenvelos mit geschrumpften Rahmen sind, sondern geschrumpfte Erwachsenenvelos mit knallig lackiertem Rahmen.

Natürlich muss das nur wenige Jahrzehnte so gemacht werden. So ungefähr bis alle Autobahnen, Haupt- und Nebenstrassen Radwege sind und umgekehrt. Anschliessend kann man die Preise wieder auf ein realistisches Niveau senken, und das wird die Anzahl gefahrener Velokilometer dann endgültig durch die Decke schicken.

So einfach ist das. Und darum, so zeigt ein Blick auf die Geschichte, wird sich das nicht realisieren lassen. Denn die Vorzüge des Velos als Verkehrsmittel sind ebenfalls dermassen einfach und offensichtlich, dass die meisten Menschen das gar nicht recht glauben können und lieber das vertraute Auto benützen, um sich feierabends in den vertrauten Stau zu stellen. Sicher ist sicher.

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Wir basteln uns einen Aprilscherz!

Zugegeben, das war etwas dick aufgetragen mit dem Aprilscherz gestern. Viel zu leicht zu durchschauen, denn es ist ja offensichtlich, dass die Misere in Stosszeiten sich nicht nur auf „Auto- und S-Bahnen“ erstreckt, sondern auf alle, alle Strassen, die für den MIV offen sind. Vielleicht ist das Thema „Gebrauch von Fahrrädern im Schweizer Alltag“ auch nicht geeignet für einen Aprilscherz. Selbst wenn da stünde „Aargauer benutzt neuerdings sein Fahrrad für seinen Arbeitsweg statt sein SUV“ wäre das so eine groteske Flunkerei, dass keiner darauf reinfallen würde.

Als Wiedergutmachung für den misslungenen Aprilscherz hier eine Anekdote, die sich so ereignet hat, bei meiner Radfahrerseele:

In einem Veloladen, den ich früher oft frequentierte, arbeitete einmal ein velobegeisterter Mechaniker (ich hoffe, es gibt keine anderen). Er war nicht der Quäl-dich-Typ, hatte dafür sein Velo ziemlich im Griff, wenn es um allerlei Kunststücke ging. Eines Abends machte er sich nach neun Stunden Schrauben gut gelaunt auf seinen etwa zwei Kilometer langen Heimweg über eine der Haupt-Ausfallachsen der Stadt (kleine Stadt, kleiner Feierabendverkehr). Er erregte einiges Aufsehen, weil er den ganzen Weg auf dem Hinterrad fahrend zurücklegte. Das heisst, den ganzen Weg bis zum Kreisel kurz vor seinem Haus. Dort harrte eine Polizeipatrouille seiner und hielt ihn an, um ihn zu büssen. Wegen Nicht-Beherrschen des Fahrzeuges.

Wie fantasielos von den Polizisten! War ihnen nichts besseres eingefallen als Begründung der Busse? Bei Nicht-Beherrschen des Fahrzeuges stelle ich mir nämlich vor, dass solche Sachen passieren:

Nicht-Beherrschen des Fahrzeuges

Neulich im Blick

Und in der Vorstellung des Gesetzeshüters ist dann Martyn Ashton hier eine absolute Flasche:

Martyn Ashton beherrscht sein Fahrzeug nicht.

Martyn Ashton beherrscht sein Fahrzeug nicht!

Eine weitere hübsche Anekdote, auch nicht erfunden, sondern vollständig wahr, passt hier, um zu illustrieren, dass die Polizei in der Tat wichtigeres zu tun hat, als über das Beherrschen von Fahrzeugen zu sinnieren.

Der velobegeisterte Inhaber und Chef eines KMUs mit einer Handvoll Angestellten kommt eines Morgens ins Büro, das sich im vierten Stock eines Hauses im Zürcher Seefeld befindet. Freudig erregt informiert er bereits an der Tür seine Belegschaft lauthals darüber, dass er soeben mit seinem funkelnagelneuen Fahrrad angekommen sei. Wer es bestaunen wolle, könne das mit einem Blick aus dem Fenster tun, das Teil sei an der Platane vor dem Haus angekettet. Leider hat nie einer der Angestellten dieses Fahrrad erblickt, da es in der Zwischenzeit bereits entwendet worden war.

Und hier noch ein Tipp zum Selberbasteln: Am nächsten ersten April ins Büro eilen und die Mitarbeiter auffordern, das neu erstandene Velo vor dem Haus zu bewundern. Wenn sie dann vermelden, da sei kein Velo in Sicht, entsetzt rufen: „Was ist es nicht mehr da?“ und in eine wortreiche Schimpftirade über Velodiebe und die schlafende Polizei ausbrechen. (Haben sie verdient wegen dem gebüssten Mechaniker, auch wenn sie hier bei uns sonst einen ganz anständigen Job abliefern.) Und fertig ist der Aprilscherz!

Wie dieses Beispiel zeigt, werden sogar Aprilscherze vom echten Leben rechts überholt. Gelegentlich auch im Wheelie. Möge das auch auf den von gestern in diesem Blog zutreffen. Amen.

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