Warum ein neuer Belag ein Problem sein kann und wie man dieses findet.

Bei der Beschreibung meiner täglichen Pendlerstrecke vergass ich zu erwähnen, dass ich neben allem bereits beschriebenen auch an einer Gasleitung und einem Flusskraftwerk vorbeikomme, sowie an einem Dutzend Froschteichen und einem Bio-Bauernhofladen. Dort kaufe ich gelegentlich einen Salsiz (eine Art Vierkantsalami) und verzehre ihn, freihändig dahinsausend, gleich auf dem Velo, denn der Hofladen liegt praktischerweise an einer zirka eineinhalb Kilometer langen, ganz leicht abfallenden Geraden.

Im Moment kriegt ein Abschnitt meines Arbeitsweges, so in etwa ein Viertel, einen neuen Belag, was mich hochgradig begeistert. Ich befuhr heute die zirka eineinhalb Kilometer (nicht zu verwechseln mit den oben erwähnten zirka eineinhalb Kilometern), und zwar offenbar wenige Minuten nach ihrer Fertigstellung, die Kippen der Freitagabendzigaretten der Bauarbeiter glommen noch, obwohl sie selber schon nicht mehr zu sehen waren. Im Nachhinein bin ich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war. Der Belag war dermassen frisch, dass die Reifen schmatzten und zischten wie auf regennasser Fahrbahn. Ich musste zwei Gänge runterschalten. Der üppige Geruch von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen lag schwer in der Luft (was die mit meinen Körperzellen anstellen können, will ich hier gar nicht näher beschreiben, vielleicht schauen ja Kinder zu. Haben Sie schon mal für die Krebsliga gespendet?). Jedenfalls hatte ich am Ende des frisch asphaltierten Abschnittes keine Profilreifen mehr, sondern Slicks, und ich war nicht mehr mit 26“-Reifen unterwegs, sondern ganz neu mit 29-Zöllern (englisch twenty-nein). Damit bin ich ja in guter oder wenigstens zahlreicher Gesellschaft, wie man so liest. Der Göppel hat nun das Gewicht eines voll ausgestatteten (Salsiz in der Rahmentasche) Ordonnanzrades samt Unteroffizier. Aber dieses Problem werde ich morgen lösen müssen.

Ich habe also ein Problem mit meinem Velo. Damit bin ich in guter, wenn auch nicht zahlreicher Gesellschaft, aber wenn ich kein Problem hätte, dann würde ich mich flugs an eine unserer beiden verbliebenen Grossbanken wenden, um mir eines besorgen zu lassen. Die hat nämlich eine Tochtergesellschaft, welche sich aufs Finden von Lösungen spezialisiert hat – wird in der Werbung behauptet, aber in Wirklichkeit suchen die Probleme, nicht Lösungen. Das weiss ich, seit ich einen ihrer Werbespots in Fernsehen angesehen habe, und der ging so:

Eine junge, attraktive und zufrieden dreinschauende Frau fährt auf ihrem Damenrad eine ziemlich stark ansteigende Strasse hinauf, den Einkauf im Lenkerkorb. Es ist schönes Wetter. Da wird sie urplötzlich von einer anderen Frau auf einem E-Velo überholt, dem sie erstaunt-neidisch hinterher blickt (es erscheint, rot eingeblendet, eine Zahl, als ob sie oder ich eine Google-Datenbrille aufhätte: 3180.-). Kurz darauf rollt ein Roller recht zackig an ihr vorbei, dieses Mal guckt sie verzückt, Google meldet: 5230.-. Vor lauter Verzückung versagen ihre Beine den Dienst, und sie steigt ab. Schliesslich kreuzt von hinten auch noch ein weisses Sportcabrio auf (54 550.-), diesmal ist der Blick eine Mischung aus Erleuchtung und, irgendwie, Verschlagenheit. Dann folgt die Pointe in Form einer Einblendung, für die Analphabeten, Kinder und Blinden im Publikum ergänzt durch eine Off-Stimme: „Es gibt immer eine Lösung. Mit Credit Now.“ Lösung? Dann muss ja irgendwo ein dazugehöriges Problem unterwegs sein. Lösungen treten nämlich immer, aber wirklich immer zusammen mit einem Problem auf, so wie Deckel und Topf, Behörnchen und Ahörnchen oder Stau und Pfingsten. Wir lernen: Wer ein Velo fährt, hat ein Problem (na ja, damit haben sie allerdings recht, wenn man sich den Verkehr in den Städten so anschaut). Lösen kann man es so wie alle andern Probleme auch: mit Geld. Das Leben kann so einfach sein, und wir alle sind der kreativen Branche zu Dank verpflichtet für diesen Nachhilfeunterricht in Lebenskunde. Am Montag, Entschuldigung, Dienstag, wegen Pfingsten, schiebe ich gleich am Morgen früh mein Velo in die Bank und lasse mich beraten, wie ich den Teer wieder von Reifen und Rahmen runterkriege. Es gibt immer ein Lösungsmittel.

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Viva Italia!

Velopflock hält Augen und Ohren immer offen und kümmert sich um möglichst viele Aspekte der wunderbaren Maschine und was man damit so alles anstellen kann. Darum wurde ein Redaktionsmitglied samt Rennrad zu einer Trainingswoche nach Umbrien in Mittelitalien geschickt. Damit auch die Gümmeler unter unseren Lesern wieder mal auf ihre Rechnung kommen.

Es war eine erlebnisreiche Woche, die morgen zu Ende geht. Das Programm war von vornherein gegeben: Kilometerfressen, Pastafressen, Fernsehen und schlafen. Alle Punkte habe ich zu meiner vollen Zufriedenheit erfüllt. Das Kilometerfressen hatte es allerdings in sich. Statt Lycrakluft hätte ich auch Jeans, Jeanshemd, Weste und Chaps anziehen können. Als Rodeoreiter hätte ich nämlich eine ebenso gute Figur abgegeben wie als Radfahrer auf den Strassen Umbriens. Oder umgekehrt gesagt: Um hier auf dem Velo zu überleben, ist Erfahrung im Umgang mit wild ausschlagenden Pferden sicher nicht hinderlich. Das war Bullriding! Der Zustand der Strassen im Umbrien spiegelt die Lage der italienischen Nation anschaulich wieder. Das Geld scheint nur gerade für pizzagrosse Flicken im Belag da und dort auszureichen, und das offenbar schon seit Jahren. Mit dem Resultat, dass man nun in Löcher im Belag reinfahren kann, die zwei Zentimeter tief sind und einen Blick auf die nächstältere Belagsgeneration eröffnen. Und mit etwas Glück auch noch tiefer runter.

Üblicherweise warnt in unserem Minipeloton jeweils der Vordermann seinen Hintermann mit einer Handbewegung vor Schlaglöchern oder anderen Hindernissen. Das haben wir hier nach den ersten fünfhundert Metern sein lassen, weil jede Hand am Lenker gebraucht wird. Auch aussen an der Randlinie zu fahren, wo immer die spitzen Steine und die Scherben liegen, ist zu Hause tabu. Hier nicht: Was kümmert mich ein Platten, wenn ich dafür keinen Abwurf riskieren muss? Da draussen, ganz rechts, gibt’s nämlich keine Löcher (schön, wenn das in der Politik auch so wäre).

Am ersten Tag überquerten wir auch gleich zum ersten Mal die Grenze zwischen Umbrien und der Toscana. Schlagartig wurde der Belag besser. Als ob man von einer Stollenbahn in einen ICE gebeamt worden wäre – das Bild bezieht sich auf den Fahrkomfort, nicht auf die Geschwindigkeit. Obwohl man natürlich auf einer belagsähnlichen Fläche schon schneller fahren kann als auf einem Schlachtfeld in den Ardennen. Die Hypothese erhärtete sich im Lauf der Woche zur Theorie: An der Grenze zur Toscana wird der Belag wie abgeschnitten heil. Hier zu sehen. Na ja, vielleicht hört die Herrlichkeit ja auch wieder auf nach dreihundert Metern, wenn keiner mehr gross daran denkt… glaub ich aber nicht.

Die hässliche kleine Schwester der Toscana scheint wirklich weniger Geld zu haben – oder aber es einfach nach anderen Prioritäten zu verteilen. Und das ist schade, denn landschaftlich steht Umbrien der Toscana in gar nichts nach. Rauer, ursprünglicher, weniger dicht besiedelt und weniger intensiv genutzt. Dafür mit überraschenden Ausblicken, kleinen, nicht aufgemotzten Städten auf Hügeln drauf (es muss früher mal eine Prämie fürs Bebauen von Hügeln gegeben haben) und richtigen Einheimischen. Der Genuss auf unseren Touren war denn von der Misere unter den Rädern fast ganz ungetrübt, es ist schliesslich nie zu einem Sturz gekommen (Grazie, Dio). Dafür sind wir beispielsweise heute durch ein komplett unbewohntes Tal auf einen Pass rauf- und hinten in weiten Bögen auf guter toskanischer Strasse komplett ohne Verkehr von hinten oder vorne wieder runter gefahren.

Und wenn es dann Verkehr hat, dann sind die Italiener äusserst tolerant und rücksichtsvoll. Auch auf Ortsdurchfahrten hat kein einziger versucht, uns wegzuhupen. Überholt haben alle mit grossem seitlichem Abstand – und der Gegenverkehr nahm den temporären Geisterfahrer immer ganz selbstverständlich hin. Man stelle sich das in der Schweiz vor. Auf Überlandstrecken hupt ab und zu einer hundert Meter, bevor er den Radfahrer überholt, damit dieser beim eigentlichen Überholmanöver dann nicht erschrickt. Und ein Winken oder einen aufmunternden Spruch gibt’s obendrein.

Das Fazit dieser Woche ist durchzogen. Einerseits wurde uns klar vor Augen geführt, was eine intakte Infrastruktur für Velofahrer wert ist. In meinem Fall mindestens das Geld für einen neuen Steuersatz. Andererseits ist eine Kultur des Anstandes, der Toleranz und der Rücksichtsnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer auch mit etlichen ins Strassennetz investierten Steuermilliarden nicht zu kriegen, wie der Alltag in der Schweiz täglich zeigt. Die Velobegeisterung Italiens in einem reichen Land wie der Schweiz, das wäre eine hoffnungsvolle Kombination. Nach Umbrien käme ich aber jederzeit wieder – bloss nicht mit dem Rennrad. Aber es gibt ja noch sooo viele andere Spielarten dieser Maschine, nicht?

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Frühlings Erwachen mit WD-40

Schon erstaunlich, dass WD-40 erst 1953 erfunden wurde. Waren vorher alle Velos immer dreckig? Sowas ähnliches hat Anette-the-Velo-Guru auch gefragt. Die Antworten sind nicht alle sehr erhellend, aber einige sind durchaus «interessant»:

  • Ich benutze WD40-Spray schon seit über 20 Jahren (als Kettenöl nach jedem Trip), und hatte noch nie irgendwelche Probleme damit. Was der NATO als Waffenöl dient, kann wohl kaum schlecht sein für mein Bike.
  • Ich nehme bei nassem Wetter das Auto, das verringert das Problem um Faktoren.
  • Als Jungs haben wir immer Pfeiffenputzer dafür verwendet. Können allenfalls in den Farben des favorisierten Fussball-, Icehockey- oder Sonstwas-Clubs kombiniert werden.
  • wd40 riecht zwar gut,ist aber sonst komplett überbewertet
  • also ich putze das velo nie, ich hab ja auch keines. alle andern putzarbeiten erledigt meine gattin zu meiner vollen zufriedenheit.
  • My way: Dreck trocknen lassen (dauert mal kürzer, mal länger)
  • Schwarze Hände lassen sich nach dem Veloputz gut und billig mit Speiseöl reinigen.
  • Ich putze mein Velo NIIIIEEE!!
  • Letzte Woche wollte ich einen ehemaligen Schulkollegen besuchen. Unterwegs habe ich einen Passanten gefragt, wie ich am besten an mein Ziel komme. Er wies mir den Weg. Dann schaute er auf mein Velo und sagte, “ihr Bike ist ja schon schmutzig, dann können sie auch hier über den Feldweg, das ist weniger anstrengend”. Also man sieht, ein sauberes Velo hat nicht nur Vorteile.
  • mit WD40 gilt allerdings höchste vorsicht, wenn man scheibenbremsen hat!
  • also ich weiss, wie man ritzel schmiert, auch ohne öl.
    mit Speckschwarte?
    vaseline
  • Letztes Jahr habe ich Versuche mit Pflanzöl-Mischungen zusammen mit Alkohol gemacht.
  • Gemäss Polizeiverordnung der Stadt Zürich ist das Reinigen und Reparieren von Fahrzeugen auf öffentlichem Grund verboten, also auch Veloputzen und -flicken auf dem Trottoir!
  • Bünzlis! Ich sags gleich noch einmal: Bünzlis, yesss!
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Velo fahrende Veganer der Schweiz, vereinigt Euch!

Dieser Blog will zwar unpolitisch sein, was heisst, dass er politisch neutral ist (aber nicht sprachlich, weshalb es der Blog und nicht das Blog heisst). Das bedeutet aber nicht, dass politische Ereignisse, Personen oder Sachverhalte hier keinen Platz haben. Vielleicht keinen Tummelplatz, aber doch immerhin einen Platz. Der Zusammenhang zwischen
politischen Themen und dem Velo ist manchmal angenehm unerwartet, so wie ein Lacher in einer Schweizer TV-Sitcom oder in einer Schweizer Parlamentsdebatte, oder wie positive Äusserungen in den deutschen Medien über die Bundeself im Vorfeld einer internationalen Fussballmeisterschaft.
Eine Verbindung zwischen Velofahren und der Revision des Raumplanungsgesetzes, über welche am 3. März in der Schweiz abgestimmt wird, ist allerdings nichts Überraschendes für Fachleute. Zu letzteren gehören offenbar nicht die Mannen und Frauen, welche sich im Schweizerischen Gewerbeverband SGV versammeln. Dieser Verband (Dachverband der KMU) hat in den letzten Wochen kräftig Abstimmungskampf veranstaltet, um gegen das Raumplanungsgesetz Stimmung zu machen. Unter anderem verschickte irgendein Repräsentant des SGV an irgendwen ein E-Mail mit Argumenten gegen das Gesetz, und zwar im Namen des Überparteilichen Komitees “Nein zur missratenen Revision des Raumplanungsgesetzes”. In dem E-Mail wurden die Adressaten aufgefordert, Leserbriefe gegen die Gesetzesrevision zu verfassen. Und weil das nicht so einfach ist, waren einige Muster-Leserbriefe an die Nachricht angehängt. Unglücklicherweise schickte der eifrige Abstimmungskämpfer das E-Mail dann aber gleich driekt an die Redaktion einer grossen Schweizer Zeitung, ohne den lästigen Umweg über deren Leser. Auf Anfrage war beim SGV keiner zuständig für dieses E-Mail, es sei gar nie verschickt worden, und ausserdem würden das die anderen auch tun. Schön, solche Antworten haben wir in der Primarschule doch auch immer gegeben! Der Wortlaut der Muster-Leserbriefe klingt in ähnlicher Weise an jene schöne und auch so ferne Zeit an. Zum Beispiel im ersten Satz des ersten Musterbriefes, welcher deshalb hier im wörtlich und mit Original-Interpunktion wiedergegeben sei (wer genau hinschaut, wird bemerken, dass das eigentlich zwei Sätze sind):

“Ich habe immer geglaubt, dass alles, was die Bundesverfassung regelt, unantastbar ist Das war offenbar ein Irrtum, wie der Fall der Revision des Raumplanungsgesetzes zeigt.”

Ja, was ist denn in der Bundesverfassung so alles geregelt? Nichts weniger als “die grundlegenden Rechte und Pflichten der Bürgerinnen und Bürger und der gesamten Bevölkerung sowie den Aufbau und die Zuständigkeiten der Bundesbehörden”, wie das Parlamentswörterbuch von http://www.parlament.ch weiss. Soweit kann der potentielle Leserbriefschreiber also beruhigt werden, an den Bundesbehörden will sicher kein Raumplaner rütteln. Woher dann die Aufregung um die Gesetzesrevision? Das wird leider nur erfahren, wer einen anderen der vorgedachten Leserbriefe ganz zu Ende lesen wird:  

“Ein Nein am 3. März wäre die richtige Quittung für diese Kreise, die am liebsten eine Schweiz hätten, die von  velofahrenden Veganern bevölkert wäre.”

Nun, hier gehen Velofahrer und Kreise ja immerhin schon mal auf der metaphorischen Ebene schön zusammen. Sinn ergibt der Satz aber leider immer noch nicht, denn mit dem
letzten Nebensatz hätte ja sicherlich der politische Gegner verunglimpft werden sollen. Stattdessen werden ganz ohne erkennbaren Zusammenhang dessen Gepflogenheiten in Sachen Ernährung und Mobilität diskutiert. Eigentlich schön, hat doch das Menschliche und Persönliche immer zuwenig Platz im politischen Alltag. Gerne würde der Leser aber schon erfahren, was an Velo fahrenden Veganern denn so schlimm ist, dass man sie zum Feindbild der Raumplanung stempeln müsste. Fahren Veganer besonders aggressiv
Velo oder missachten sie Rotlichter? (Nein, da müssen auch andere Velofahrer mitmischen, so viele Veganer gibt es in der Schweiz nicht…) Verlieren sie bei gewagten Manövern übermässig viele Salatköpfe vom Gepäckträger und gefährden so die Verkehrssicherheit? (Gegen matschiges Gemüse auf der Fahrbahn hilft nämlich nicht einmal tonnenweise Streusalz, voll perfid) Oder gibt es dermassen viele Veganer in der Schweiz, dass man sie in corpore am Velofahren hindern muss, damit die Veloweginfrastruktur nicht überfordert ist? Diese Bedenken muss man allerdings ernst nehmen, aber das liegt nicht an den vielen Veganern, sondern an den wenigen Velowegen. Doch sollte man dann nicht die Velowege ausbauen, statt die Veganer zu diskriminieren?
Dabei gäbe es doch durchaus düsterere Szenarien für unser Land, als dass es von Velo fahrenden Veganern bevölkert wäre: Zum Besipiel, dass es von Romanshorn bis Genf von
Gewerbebauten überzogen wäre! Dass Zeitungen Leserbriefe abdrucken, die ihnen gar nicht von richtigen Lesern zugeschickt worden sind! Dass im Vorfeld von Abstimmungen verschickte E-Mails ihre Adressaten nicht von selber finden! Dass Schawinski zum staatlichen Fernsehsender wechselt! Dass das Unterwallis die Atombombe hat, oder das Oberwallis den Hanf!
Und ausserdem gäbe es doch so schöne Berührungspunkte zwischen SGV und Velo fahrenden: Der Veband hat sich auf die Fahne geschrieben, gesetzliche Normen und Vorschriften zu reduzieren (schreckt sich aber vor einer Aushöhlung der Verfassung, siehe oben). Und wenn man dem Volksmund glaubt, dann sind Velo fahrende genau im Ignorieren von Regeln und Vorschriften die reinsten Experten. Der Verband täte also gut daran, Radler (vegan oder nicht, und ungeachtet ihrer reiligiösen Ausrichtung) ins Boot zu holen und sich so ihr Know-How und ihre Stimmen bei der nächsten Abstimmung zu sichern!
Nein, offensichtlich liegt keine tiefere Weisheit in jenem träfen Schlusssatz als: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Gewerbler, überlasst die Raumplanung mal den Fachleuten, aber das Velofahren nicht den Veganern. Immerhin: Auch wer keinen Schimmer hat von Raumplanung, weiss nun, was er oder sie am 3. März in die Urne legen soll. Leuten, die eine Velo fahrende Bevölkerung als Schreckensszenario betrachten, ist nicht zu trauen. Also ja zur RPG-Revision!

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Zürich, Berlin, Paris

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Thomas Meyer, Das Magazin 06/2013

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Ich lebe jetzt meinen Traum.

Im vergangenen Sommer habe ich mir einen langjährigen Traum verwirklicht: Ich verdiene jetzt Geld mit Velofahren. Einfach der Hammer. So gut das klingt, es ist leider nicht die ganze Wahrheit, so wie immer. Genau genommen verdiene ich gar kein Geld mit Velofahren. Ich fahre nur mit dem Velo zum Geldverdienen. Und sogar das habe ich schon früher gemacht. Die Neuigkeit ist, dass ich jetzt endlich etwas Zeit brauche, um mit dem Velo zum Geldverdienen zu fahren. Würde ich nicht hinfahren, würde ich auch kein Geld verdienen. So gesehen verdiene ich also sehr wohl Geld mit Velofahren. Zugegeben, ohne Velo würde ich mein Geld dann halt mit Postautofahren verdienen, was viel weniger toll klingt, und wen interessiert das dann noch.

Heutzutage steht ja auf jedem Zuckerbeutel und in jeder Eso-Kolumne jeder Gratis-Wochenzeitung, man soll nicht sein Leben träumen, sondern seinen Traum leben. Das bedeutet sicher, dachte ich mir, du musst dein Velo nicht nur besitzen, sondern es auch fahren, und bin darum mit meiner ganzen Familie und allen meinen Fahrrädern im letzten Sommer aufs Land gezogen. Seither verwende ich eine halbe Stunde aufs Velofahren, um ins Büro zu kommen, während ich vorher selbst mit kaum zu rechtfertigenden Umwegen, unter fadenscheinigen Vorwänden gefahren, selten mehr als fünf Minuten brauchte. So konnte es ja nicht weitergehen!

Heute bin ich ein glücklicher Velopendler. In den über fünf Monaten, in denen ich das nun mache, habe ich sieben Kilo abgenommen, war nie erkältet, bin dynamischer und erfolgreicher im Beruf, habe Gesinnungsgenossen – ja, Freunde! -  kennengelernt, mit denen ich täglich im Peloton in die Stadt radle, bin ausgeglichener und geduldiger mit den
Kindern und ganz generell ein besserer Mensch. Zu Weihnachten habe ich beträchtliche Summen an mehrere wohltätige Organisationen überwiesen.

Das stimmt jetzt zwar alles nicht, ausser das mit dem Pendeln, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ich mich sehr bald in diese Richtung entwickeln würde. Ein bisschen glücklicher bin ich tatsächlich. Ob das jetzt wegen dem Velofahren ist oder wegen dem schönen, neuen, sonnendurchfluteten Haus auf dem Hügel über dem Dorf , wer kan das schon sagen. Fest steht, dass es Spass macht, täglich eine Stunde auf dem Velo zu sitzen, und zwar ganz unhedonistisch, ganz legitim, um Brötchen zu verdienen, nicht aus Fitnesswahn oder falschem sportlichem Ehrgeiz. Keiner kann mir nämlich absprechen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, um meine Familie zu ernähren und meine Bank zufrieden zu stellen. Und das geht mit dem Velo fast genauso schnell wie mit dem Postauto.

Der Umzug war also ein voller Erfolg, so weit (keine Sorge, meiner Familie geht es auch ganz gut hier). Es kam sogar alles ein wenig besser, als ich es mir erhofft hatte. Mein Arbeitsweg ist nämlich viel schöner, als es die Bezeichnung “Arbeitsweg” erwarten liesse. Ich fahre zweimal täglich durch Wälder, über Wiesen und Felder, durch eine echte und funktionierende Steinschlaggalerie (letzten Mittwoch lag allerdings ein 150-Kilo-Block VOR der Einfahrt zur Galerie, wau!), einem Stausee entlang, über einen Waffenplatz, durch den Industrie- und den Baumarktgürtel der Stadt und jeden Abend quer durch den täglichen Stau auf der Ausfallstrasse.

Unumwunden gebe ich zu, dass das immer ein besonderes Vergnügen ist: Durch die stehende Kolonne und ab auf die grosse Wiese, während die Autos nicht vom Fleck kommen. Das hat nichts mit Schadenfreude zu tun, sondern mit der ehrlichen Hoffnung, durch mein leuchtendes Beispiel den einen oder anderen Autofahrer wachzurütteln. “Du brauchst nicht jeden Abend hier Deine wertvolle Lebenszeit zu verschwenden!” rufe ich den Opfern unseres Mobilitätswahns förmlich zu, “Das ist kein Schicksal, sondern Deine freie Entscheidung!” Wenn ich so auch nur wenige hundert bis einige Tausend Autofahrer aufs Velo bringen kann, dann fahre ich gerne täglich und bei jedem Wetter mit dem Velo zur Arbeit. Dann mache ich die Welt ein ganz klein wenig besser, ich ganz allein, und dann bin ich wirlich ein besserer Mensch! Und der nächste Swiss Award wird mir sicher sein.

Sowas hat aber natürlich auch seine Schattenseiten, das ist klar. Nein, ich meine nicht die Kälte und Dunkelheit des alpinen Winters. Dagegen kann man sich im einundzwanzigsten Jahrhundert prima wappnen mit Membranen, Kondensatoren, Akkus oder Melkfett. Umsonst forschen ja nicht Tag und Nacht Heerscharen von Wissenschaftlern an neuen Materialien, Designs, Beschichtungen und Prozessen. Nein, ich spreche vom uralten Feind des Menschen, der Natur. Als Velopendler muss man ab und zu seinen Stolz der Vernunft opfern. Also wenn es Neuschnee, Glatteis oder sogar Salzmatsch hat, muss man zu all den anderen Pendlern ins Postauto steigen und gemeinsam mit ihnen ins Dunkel vor der Scheibe starren, das eigentlich ja nur so dunkel ist, weil im Postauto das Licht an ist. Aber auch solche Tage lassen sich verkraften mit der Hoffnung vor Augen, dass es bald wieder Wetter zum Radfahren ist. Oder es mindestens nur regnet und nicht schneit.

Nur eines ist nicht zu verkraften: Wenn man morgens durchs Schneetreiben vom Bus ins Büro kommt und ein Mitarbeiter – jedesmal ein anderer! – mit einem Grinsen im Gesicht, als ob er gerade die Fünfhunderttausend-Euro-Frage bei “Wer wird Millionär” ganz leicht gefunden hätte, fragt: “Heute nicht mit dem Velo?” Ich habe versucht, das mal mitzuschneiden mit meinem Handy, und dann hätte ich das hier laufen lassen können, aber das ist mir nicht gelungen. Wieso fragen die das denn? Habe ich jemals gelobt, ich würde jeden Tag meines restlichen Lebens mit dem Velo zur Arbeit fahren? Habe ich darauf eine Wette abgeschlossen? (Vielleicht haben das andere getan?) Bin ich ein Fitness-Missionar? Steht auf meiner Stirn “Vorbild”? Diese fiese Frage stellt dieselbe Art Leute, die mit dem gleichen Ton und dem gleichen Gesichtsausdruck gefragt haben “Oh, mit dem Flugzeug?”, als ich das letzte Mal Ferien in Übersee angekündigt hatte. Bloss weil ich mal eine Bemerkung über die Sinnlosigkeit von Wochenendtrips mit einem Billigflieger gemacht habe. Als ob das ein Widerspruch wäre. Nein, der Grund für diese aggressive, ja boshafte Frage ist: Rache. Sie wollen sich rächen dafür, dass ich ihnen während drei Vierteln des Jahres vor Augen führe – ganz ohne Absicht und ohne aktives Zutun! – wie schön das Zur-Arbeit-Gehen sein kann, und am Abend stellen sie sich wieder in den Stau oder nehmen auch bei drückender Hitze den Bus. Dabei könnten sie ja auch, wenn sie nur wollten!

Aber da steh ich jetzt drüber. Oder spätestens, wenn’s im Frühling wieder losgeht mit dem täglichen Velofahren. Ich bin halt echt ein besserer Mensch geworden, seit ich mit dem Velo zur Arbeit fahre. Wirklich. Probieren Sie’s aus!

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Triple!

…nein, nicht Triple im Sinn von drei Kettenblätter (braucht man nur, wenn man keine Nabenschaltung fährt). Nein, Triple wie Triple A-Rating bei den Banken: Velopflock wurde vom Fahrradjournal – dem Feuilleton für Radkultur in die Liste der Top 50 German Bike Blogs aufgenommen, was bestimmt einem Triple-A-Rating entspricht. Und nicht etwa irgendwo, sondern gleich auf Platz 30. Das ist kein Zufall, sondern entspricht genau unserer Philosophie beim Radfahren und beim Bloggen: Immer locker bleiben, und wenn’s gut kommt, fein, aber ein Bein ausreissen tun wir uns nicht, um schneller zu sein (öfter zu posten) als der uns überholende beinrasierte Semipro-Gümmeler (feierabendbloggender Journalist). Wir gönnen also allen 29 vor uns platzierten Blogs ihre Auszeichnung und versprechen hier und jetzt feierlich, dass wir uns keine Mühe geben werden, nächstes Jahr besser zu sein, sondern einfach zu schreiben, wenn uns was einfällt. Ob mit Hand und Fuss oder ohne. Und zwischendurch gucken wir immer wieder gern beim Fahrradjournal rein. Schönen Dank auch!

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