Velo-Archäologie oder Auch das Fahrrad hat sich nicht nur zu seinem besten entwickelt

Guten Tag, liebe krydsende cyklister (sprich: kreuzende Radfahrer. Das war: Dänisch) und andere Freunde der mobilité douce (sprich: süsse Beweglichkeit, auch: Langsamverkehr. Das war: Französisch)

Michael Colville-Andersen, Jahrgang 1968, aus Dänemark, macht ganz furchtbar viel für die Popularität des Fahrrads in Kopenhagen, in Dänemark und auch in der ganzen westlichen Welt. Das ist unbestritten. Ob seine Arbeit den Modalsplit des Fahrrads in Kopenhagen in die Höhe geschraubt hat oder eher umgekehrt, kann ich von hier aus nicht sagen. Und es interessiert mich auch nicht so sehr. Jedenfalls schiesst Herr Colville-Andersen hübsche Fotos von hübschen Menschen auf hübschen Fahrrädern, was immer eine Augenweide ist (also die Fotos, nicht er beim Schiessen, obwohl er selber letzteres bestimmt auch hübsch findet), und ich frage mich immer, ob der alle seine vorbeiradelnden Modelle fragt vor dem Auslösen, ob er die Fotos alle stellt oder ob er aus einem Versteck knipst. In letzter Zeit zeigt er mehr posierende Modelle, was darauf hindeutet, dass er ab und an auch eine aufs Maul gekriegt hat von einem hübschen Modell.

Weiter frage ich mich, ob er mit seinem Cycle-Chic-Manifest (Tenor: Ich fahre lieber gar nicht Velo als mit Kleidern und Accessoires, die nicht perfekt aufeinander, aufs Velo, aufs Wetter und auf die Jahreszeit abgestimmt sind) nicht eher die Leute vom Velofahren abhält, statt sie dazu zu motivieren. Lesens- und bedenkenswert ist das Manifest allemal. Falls mich jemals ein Journalist fragt, welche lebende Person ich gerne einmal treffen würde, dann würde ich überlegen, ob Helen Mirren noch lebt, und falls nicht, dann würde ich sofort sagen: “Michael Colville-Andersen!”, denn ich würde ihn fragen wollen, wie oft er schon eine Velofahrt NICHT gemacht hat, weil er beim Checken seines Manifestos festgestellt hat, dass er einen Punkt heute gerade nicht erfüllen kann. Mann, nähme mich das Wunder.

Egal. Auf seinem Blog stehen jedenfalls ein Haufen interessanter Sachen, also wirklich so richtig viele, und etwas will die Velopflock-Zentralredaktion niemandem vorenthalten, schon dar nicht seinem Leser bzw. seiner Leserin (schöne Grüsse an dieser Stelle! Wie war’s denn im Urlaub?). Viel Vergnügen beim Lesen, und denkt dran: das eine oder andere lässt sich sicher noch auftreiben oder nachbauen! Nun aber hier weiterlesen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Ausland, Kultur und Gesellschaft, Medien, Mode, Politik, Soziales | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Lost in Apps

Ich hab ein neues Smartphone. Darauf hat es wahnsinnig viel Platz für neue Apps, und das war Anlass zu schauen, was es so an Velofahrer-Apps gibt. Naviki verspricht Navigation für Velofahrer. Weil die wenigsten Velos ein Armaturenbrett für Radio, Klimaanlage, und Bordcomputer inklulsive Navigationsgedöns haben, kann Naviki auch sprechen, wobei das Smartphone im Hosensack und ein Ohrhöhrer im Ohr steckt. Ich mache den Test aufs Exempel und lasse mir von Naviki den Weg zum Arbeitsort zeigen.

Die erste Schwierigkeit tritt schon auf, noch bevor ich mir den Ohrhörer aufsetze: Naviki versteht nämlich nicht, wo ich arbeite. Weder mit dem Namen meines Arbeitsgebers noch mit Strassennamen und Hausnummer kann Naviki etwas anfangen (ich arbeite an einer grossen Organisation mit einer grossen Hausnummer an einer grossen Strasse in einer einigermassen grossen Ortschaft in einem ebenfalls einigermassen grossen Kanton in der kleinen Schweiz – Google kennt das alles, sogar mit Bild). Den Trampelpfad zum Grillplatz neben meinem Arbeitsort kennt Naviki dann aber. Nehm ich halt den, wenn auch ohne Hausnummer.

Mit der Kopilotin im Ohr geht’s zu Hause los. Der Dialog gestaltet sich in etwa so:

  • Naviki (nuschelt kaum verständlich in meinem Hosensack): «ladhshfmmmmhph!»
  • Ich (nicht laut, so in Gedanken halt): «Schissdräck, was ischn das?»
    Ich fahre mal los, kenne ja den Weg.
  • Naviki (aus dem Hosensack): «asdffahhh»
    Ich halte an und suche in Naviki nach einer Option, die Sprachausgabe vom Hosensack auf den Kopfhörer umzuleiten. Diese Option gibt’s in Naviki aber nicht. Ich fahre mal weiter, kenne ja den Weg.
  • Naviki (ja, aus dem Hosensack): «Ajjjfhhhhasdf. Uhhasdfn.»
    Ich will mich nicht vom ZVV-Bus überfahren lassen, der einmal mehr den Radweg als Rennstrecke in der Kategorie “Transportfahrzeuge mit minedestens zwei Gelenken, Elektro- und Verbrennungsmotor, eigentlich viel zu gross für den Strassenverkehr” missbraucht. Darum kann ich mich zunächst nicht mit der Stimme aus meiner Hose auseinandersetzen. Dann, ein ruhiges Plätzchen, ich halte an und greife in meine Hosentasche. Naviki, jetzt bist du dran!
  • Naviki (jetzt kristallklar aus dem Ohrhöhrer, den ich neuerdings übrigens in der eigens dafür vorgesehenen Buchse am Smartphone eingesteckt habe): «Sie haben die Route verlassen. Nafiki berechnet die Route neu.» Hat Naviki einen Sprachfehler? Das habe ich bisher gar nicht bemerkt. Das muss an meiner Hose liegen.
  • Naviki (nach einer kurzen Gedankenpause): «Die Route beginnt jezt auf der Wallisellenstrasse in Richtung Osten.» Cool, geht doch! Aber wo ist eigentlich Osten? Naja, ich kenne ja den Weg.
    Ganz nebenbei beginnt es zu regnen, obwohl die Meteoschweiz-App heute morgen gemeldet hat, dass es heute frühestens um 19 Uhr regnen wird.
  • Naviki: «Biegen Sie ab, halblinks auf Schwahm en Dingerstrasseschrägstricheins». Halblinks? Hier geht’s nur im 90°-Winkel ganzlinks auf die Überlandstrasse oder dann geradeaus auf der Winterthurerstrasse. Ich fahr mal geradeaus Richtung Schwammendingen, kenne ja den Weg. Schrägstricheins kenne ich allerdings noch nicht, mal sehen.
  • Naviki: «Folgen Sie dem Strassenverlauf für 1’940 Metern.»
    Deutsche Sprache, schwere Sprache. Kenn ich, das Problem. Ich will mich nicht beschweren.
  • Nach etwa 300 m meldet sich Naviki nochmals: «Sie haben die Route verlassen. Nafiki berechnet die Route neu.»
    Ohgott, so komme ich nie zur Arbeit. Ich fahre weiter, kenne ja den Weg.
  • Naviki (etwas unvermittelt, aber ich stehe gerade an einer roten Ampel und habe Zeit die Planänderung zu verarbeiten): «Links abbiegen in die Rosswiehsnstrasse!» Ob es wohl die Roswiesenstrasse meint? Die kreuzt hier nämlich. Das liegt zwar nicht am Weg zur Arbeit, aber ich kanns ja mal versuchen, da war ich nämlich noch nie. Vielleicht finde ich da Schrägstricheins?

So ging das dann noch eine ganze Weile. Irgendwie habe ich mich dann meinem Büro genähert (ich kenne ja den Weg). Im Büro angekommen verabschiede ich mich dann freundlich von der Kopilotin in meinem Ohr. Naviki entgegnet (ich bilde mir ein, einen leicht sarkastischen Unterton gehört zu haben): «Sie haben die Route verlassen. Nafiki berechnet die Route neu.»

Veröffentlicht unter Allgemein, Technik, Velopendeln, Veloverkehr | Hinterlasse einen Kommentar

Kindervelos sind keine Welpen!

Hundebabys sind zum Knuddeln. Also wirklich. Mit überproportionierten Pfoten und treuherzigem Blick tapsen sie auf einen zu, so dass man gar nicht anders kann als sie in Herz und Arme zu schliessen, wenn man eine Seele im Leib trägt. Ganz egal, was man davor seinen Kindern zum Thema “Anschaffung eines Haustieres” gesagt hat. Das hat die Natur so eingerichtet bei den Säugetieren, damit sicher keine frischgebackene Mutter aus Mangel an Interesse oder aus Bequemlichkeit den Wurf links liegen lässt und sich einem anderen Zeitvertrieb widmet. Oder damit, falls der Mutter etwas zustösst, sich wenigstens der Vater oder ein anderes Mitglied der Herde des hilflosen Neugeborenen annimmt. Wenn das Jungtier nur herzig genug ist, wird es schon irgendeiner füttern. Kindchenschema nennt sich das glaub. (Bei den Vögeln muss das offensichtlich irgendwie anders laufen.)

Einen Moment, was hat Evolutionsbiologie mit Velos zu tun? kann man sich mit Fug und Recht an dieser Stelle fragen. Überhaupt nichts, ist die korrekte Antwort, und gerade deshalb ist das ein Thema hier. Irgendwann Ende der Achtzigerjahre haben nämlich die Fahrradbauer das Kindchenschema für sich entdeckt. Seither bauen sie Kinderfahrräder, die aussehen wie aus dem Playmobil-Katalog. Übermässig dicke Reifen, langer Radstand, dicke Rohre, bunte Farben, Kinderbuchfiguren oder Superhelden imitierend. Bei potentiellen Käufern und ihren weniger potentiellen als vielmehr realen Kindern soll der “Jööö-Effekt” (jööö: schweizerischer Ausruf des Entzückens über etwas niedliches, zum Beispiel ein Kindervelo, das wie die berühmte Kinderbuchfigur Globi rot-schwarz karierte Hosen anhat), also der “Jööö-Effekt” soll ausgelöst werden, damit sie ohne weitere Überlegung mit dem Velo unter dem Arm zur Kasse stürmen. Ich kenne keine Verkaufszahlen, aber ein Blick in den Veloabstellraum eines beliebigen Schweizer Mehrfamilienhauses bestätigt den durchschlagenden Erfolg dieser Strategie.

Nun ist ja nichts Schlechtes daran, einem Kind ein Velo zu verkaufen. Das Gegenteil ist der Fall, wie meistens im Leben. Bloss: Das ame Ding (damit ist das Kind gemeint) soll ja auf dem Fahrrad auch fahren können, und hier beginnt das Elend. Im Zuge der Gewinnoptimierung haben sich die allermeisten Hersteller von Kinder- und Jugendfahrrädern nämlich darauf verlegt, an die Disney- und Bonbon-Rahmen möglichst viele Komponenten aus der Erwachsenenabteilung zu schrauben. Das ist mit ein Grund für das Kindchenschema-Aussehen der Räder. Wieso extra ein Teil entwickeln, das auf einen Rahmen der Grösse 32 passt, wenn nebenan massenweise Teile für 52er-Rahmen fertig herumliegen? Also kriegen die Velos für Vorschulkinder den schmalsten verfügbaren Erwachsenen-Lenker samt Vorbau verpasst. Richtig übel wirkt sich diese Strategie aber bei Tretlagerbreite und Kurbellänge aus. Sind diese Teile zu gross, sehen die Bewegungen des fahrenden Kindes nicht nur grotesk aus, sie sind auch ineffizient und im dümmsten
Fall gesundheitsschädigend. Das Kind sitzt breitbeinig auf dem Göppel wie ein Rocker auf einer Harley-Davidson, bloss weniger entspannt, uind die Lederkluft fehlt ja in der regel
auch. Obwohl das Kind, im Sattel sitzend, nur knapp mit den Zehenspitzen den Boden berührt, schlägt sein Knie bei jeder Kurbelumdrehung gegen das Kinn. Zum Vergleich: Die Kurbel am Fahrrad, das mein Sohn (damals 1.20 m gross) im Alter von fünf Jahren von Bekannten erben konnte, misst 160 mm, die an meinem (1.90 m gross) Fahrrad misst 170 mm. Das ist kein Einzelfall. Ich habe Dutzende, wenn nicht Zehntausende Messungen gemacht. Bei der Breite der Tretlager sind die Verhältnisse ähnlich.

Bei den körperlichen Folgen von solchen Kindchenvelos können ja noch der Kieferorthopäde (ist heute ja sowieso Pflicht, ungeachtet der Zahnstellung) oder der Orthopäde helfen. Aber, und das ist viel schlimmer, dem Kind vergeht irgendwann die Lust, sich auf dem drolligen Gefährt zu quälen. Die Zahlen zur Nutzung des Fahrrades unter Kindern sprechen für sich. Die Agilität beim Lenken wird auch nicht eben gefördert durch so eine Geometrie, was Stürze wahrscheinlicher macht. Und wieso das in unserer sicherheitsversessenen Gesellschaft geduldet wird, ist noch nicht erforscht. Kurz, die Verkaufsfördeung im Fahrradhandel durch die Verwendung des Kindchenschemas verleidet der Kundschaft den Gebrauch des Fahrrads.

Das war nicht immer so. Während meiner Ferien in der Westschweiz habe ich inn einer Kammer des Bauernhauses, das wir gemietet hatten, ein verstaubtes Mädchenvelo der französischen Marke Motobécane entdeckt. Die jüngste von etwa sechs Velovignetten datiert aus dem Jahr 1992, es wurde also etwa Mitte der Achtziger gebaut. Das Velo ist hellblau-metallisé lackiert, hat 24″-Räder mit Weisswandreifen, schlanke, elegante Rohre und einen kinderschulterbreiten, grazil geschwungenen Lenker mit dem kürzesten Vorbau, der mir je untergekommen ist. Schaut man das Fahrrad von nahe an, kommt es einem irgendwie eigenartig vor, abgemagert und hochbeinig (paradoxerweise erzeugt auch das ein wenig Mitleid), weil sich unser Blick inzwischen an die oben beschriebenen Schlumpfräder gewöhnt hat. Von weitem betrachtet fällt einem aber gar nichts auf, denn man hält es für ein Erwachsenenrad, weil es wie eines proportioniert ist. Ein Kind, das darauf fährt, macht dieselben Bewegungen wie ein Erwachsener auf seinem Velo. Die Kurbel misst nämlich gerade mal 125 mm. Das Velo ist übrigens leichter als sein modernes Pendant, was der mit Gewichtsersparnis werbenden Industrie auch zu denken geben sollte.

 

Tafel 1: Schlumpfrad

Tafel 1: Schlumpfrad

Tafel 2: Damenrad

Tafel 2: Damenrad

Tafel 3: Jugendrad, wohlproportioniert

Tafel 3: Jugendrad, wohlproportioniert

Ich habe das Velo dann flottgemacht, und unsere Tochter hatte so viel Spass damit, dass sie es am Ende der Ferien mit nach Hause nehmen wollte. Reflexartig wollte ich einwilligen, denn so ein Velo macht ja doch deutlich weniger Arbeit als die Welpen auf dem Bauernhof, von denen sie ebenfalls einen haben wollte. Aber das schöne Rad mitzunehmen wäre Diebstahl gewesen. Ausserdem wollte ich das Vergnügen, auf einem richtigen Jugendrad fahren zu können, auch den Kindern von nach uns kommenden Mietern ermöglichen. Velofahrer sind eben bessere Menschen.

PS: Wer jetzt noch keine Etappe von Le Tour an der télévision mitverfolgt hat, hat den Sommer bereits verpasst. Das Einzelzeitfahren von heute Samstag ist eine Alibiübung und ausserdem nicht annähernd so spannend wie eine Bergetappe. Zut alors, aber selber schuld!

Veröffentlicht unter Allgemein, Technik | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Depilation statt Karbon statt Kondition

Dieser Titel mag auf den ersten Blick verwirren. Er ist aber korrekt, sauber recherchiert und obendrauf noch passend. Zuerst einige Begriffsklärungen (obwohl eigentlich nächstens die Übertragung der heutigen Tour de Frongs-Etappe beginnt):

  • “Der Begriff Depilation bezeichnet mehrere Verfahren der Haarentfernung, bei denen nur der sichtbare Teil des Haares außerhalb der Haut entfernt wird. Die gängigste Depilationsmethode ist die Rasur. Verbreitet ist auch die Anwendung chemischer Mittel, etwa von Enthaarungscreme. Bei beiden Methoden wächst das Haar innerhalb kurzer Zeit wieder nach. Im Unterschied zur Depilation wird bei der Epilation das Haar mitsamt der Haarwurzel entfernt, entweder temporär oder permanent.” (Quelle: de.wikipedia.org) Ergänzung: Was die meisten Männer über Enthaarung wissen, wissen sie aus der TV-Werbung für irgendwelche elektrische Geräte zu diesem Zweck. Kann man aber vergessen. Depilation zaubert kein Lächeln auf das Gesicht des oder der Depilierten, sie kann auch in kühlem, hartem Badezimmerlicht vonstatten gehen statt in zart gestreutem Tageslicht,  und sie muss nicht unbedingt aus ästhetischen Gründen erfolgen. Für weitere Fragen wenden Sie sich an Ihre Partnerin oder die Ihnen sonst am nächsten stehende weibliche Person.
  • Karbon: Code für “Etwas sauteures, was ich überhaupt nicht brauchen kann, aber trotzdem gekauft habe, weil alle anderen es auch gekauft haben, es in jeder einschlägigen “Fachzeitschrift” kritiklos angepriesen wird und ich ausserdem das nötige Kleingeld dazu besitze”.
  • Kondition: Hier: Eine komplizierte Mischung aus Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit im Zusammenhang mit körperlicher Betätigung. Mit Karbon zusammen tritt hauptsächlich die Ausdauer auf. (Könnte sich aber auch ändern. Wer einem 120-Kilo-Hobbyradler einen Karbonrenner andrehen kann, verkauft auch einem Bodybuilder eine Karbon-Langhantel.)
  • Karbon statt Kondition: Ausruf des Neides von müden Radfahrern, wenn sie einen vermeintlichen Konkurrenten um den Titel “Schnellster Feierabendradler auf dem Gibisnüt” auf einem neuen, teuren Karbonrennrad erblicken. Erfunden für eine Werbekampagne einer Schweizer Tourismusdestination mit zwei Huftieren drin.

Item (sprich [i:tem]): In einem neuerlichen Anflug von Heldenmut (aus Heldenmut wird übrigens selten Heldentum, obwohl die beiden scrabblemässig gleichwertig sind) habe ich einen weiteren Selbstversuch im Interesse der gesamten Velo-Community gestartet und mir meine Beine rasiert. Doch, das stimmt. Jetzt aber nicht gleich weiterblättern, für Enttäuschung besteht nämlich kein Anlass. Die meisten Kerls rasieren sich ihre Beine, weil das en vogue ist in einer bestimmten Alterskategorie (in welche ich übrigens sicher nicht mehr falle) oder weil sie Hobby-Radfahrer sind (wozu ich mich in einem gewissen Sinne zähle). Erstere, damit sie in der Badi eine oder einen aufreissen können. Bei Letzteren bin ich mir nicht ganz sicher, da gibt es verschiedene Theorien. Entweder rasieren, um Entzündungen bei der täglichen Massage vorzubeugen, oder um den Heilungsprozess von Schürfwunden nach einem Sturz vorzubeugen, oder um beim Jedermannrennen nicht aufzufallen.
Weder unterziehe ich mich regelmässig einer Massage, noch falle ich häufiger als unbedingt nötig hin. Bei jedermannrennen aufzufallen, stört mich nicht weiter. Ich habe deshalb meinen eigenen kleinen Grund entwickelt, einmal die Woche schlotternd in der Dusche zu stehen und mich zu verstümmeln (so ein Gesicht ist doch deutlich leichter zu rasieren, Teufel nochmal: Keine Sehnen, fast keine Gelenke, und alles liegt gut sichtbar an der Vorderseite).

(Rasieren die Herren von Le Tour eigentlich auch die Arme? Von wegen Stürzen und so?)

Ich rasiere meine Beine hauptsächlich aus mentalen Gründen. Zur Sommerzeit laufe ich nämlich wann immer möglich (und das ist eigentlich immer) in kurzen Hosen herum. Meine unbehaarten Beine sollen mich deshalb zu jeder Zeit daran erinnern, dass ich ein Hobby-Velofahrer bin und deshalb gerade auf dem Rad sitzen bzw. mich so schnell wie möglich in einen Sattel schwingen sollte. Ob ihr’s glaubt oder nicht: das funktioniert! Ich sitze also seit Stunden im Büro, kratze mich mangels Ideen an der Wade und realisiere sofort: Das bringt nichts mehr hier, raus und ab aufs Fahrrad. Dort kommen mir nämlich sowieso stets die besten Ideen. Und mein Büro hat einen Hinterausgang! Oder ich schaue mir im Fernsehen ein Fussballspiel der Argentinier an, klopfe mir vor Empörung auf den Schenkel und realisiere sofort:  Das bringt nichts mehr hier, raus und ab aufs Fahrrad. Dort begegnen mir nämlich sowieso am seltensten argentinische Fussball-Primadonnen. Undsoweiter. Probiert’s selber aus!
Ob man ohne Beinbehaarung auch den Fahrtwind besser wahrnimmt, wie einige sagen, kann ich leider nicht beurteilen, weil ich schon vor dem erstmaligen Rasieren so gut wie keine Beinbehaarung vorweisen konnte. Falls das aber stimmt, wäre das sicher ein weiterer guter Grund für die sommerliche Herren-Depilation.

Veröffentlicht unter Allgemein, Kultur und Gesellschaft, Medien, Mode, Sport | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Redaktionell veortete Begeisterung!

Vor zwei Jahren erschien erstmals die Rangliste der 50 besten deutschsprachigen Fahrradblogs. In einem deutschsprachigen Fahrradblog. Zu unserer zugegebenermassen freudigen Verblüffung rangierte auch Velopflock unter den Top Fifty. Wir bedankten uns umgehend artig in der Kommentarspalte des besagten Blogs und tönten schüchtern, wie wir Schweizer das nun mal sind, und vielleicht auch sprachlich etwas hölzern, weil ja Deutsch nicht direkt unsere Muttersprache ist, tönten also an, wir würden uns freuen, nun auch auf der Blogroll des Jurors zu erscheinen. Das wäre dann der Ritterschlag gewesen. Stattdessen wurde uns beschieden, ein Link zu Velopflock wäre „…redaktionell nicht zu verorten“. Wir interpretierten das so, dass unser Blog (Platz 33 oder so auf der Rangliste) zuwenig mit Fahrrädern zu tun hat, um von der Mutter aller deutschsprachigen Fahrradblogs verlinkt zu werden. Nun denn, damit können wir leben, ebenso wie wir mit der Tatsache leben können, dass kein Schwein weiss, was die Kriterien für diese Rangliste waren. Oder mit der Tatsache, dass es besagter Fahrradblog in der diesjährigen Ausgabe seiner Rangliste selbst auf Platz zehn geschafft hat. Da sagen wir Chapeau! ob soviel Bescheidenheit.

Um nun aber zur Hauptsache zu kommen: Wir haben etwas weniger Berührungsängste mit fahrradferneren Themen in unserem Blog und schreiben deshalb ganz unverblümt und frisch von der Leber über das härteste Radrennen der Welt, La Grande Boucle, Le Tour de France oder schlichtement Le Tour, oui? Ob wir das nun auf einem Fahrradblog redaktionell verorten (was heisst das eigentlich genau?) können oder nicht, mon dieu, darüber haben wir nicht nachgedacht, vermuten aber dass wir es könnten, wenn wir wollten, denn in unserem Titelbanner steht was von Velo und das heisst auf Hochdeutsch Fahrrad. Item (das ist nun ein schweizerischer Ausdruck und heisst im engeren Kontext eigentlich gar nichts, ausser, dass nun der Faden der Geschichte wieder aufgenommen werden soll): Eine Blitzumfrage auf der Velopflock-Zentralredaktion ergab, dass ziemlich genau die Hälfte aller Anwesenden hell begeistert sind davon, dass Le Tour heute wieder losgegangen ist. Ein Sommer ohne Le Tour ist nämlich wie ein Winter ohne Schnee, eine Verlosung ohne Hauptpreis oder eine Fussball-WM ohne italienischen Muttersöhnchen-Minimalisten-Fussball. Oder so. Das hier ist kein Rennradblog, sondern eine Internetseite über alle Aspekte des muskelbetriebenen Zweirads (aber nicht, dass wir uns anmassen, auch nur ein Zehntel all dieser Aspekte jemals ansprechen zu können!). Darum muss auch ein bisschen Radrennsport sein. Besonders, wenn es sich um Le Tour handelt.

Mehrere Redaktionsmitglieder sind seit Kindesbeinen mit den TV-Übertragungen aus L’Alpe d’Huez, vom Tourmalet oder aus Gap vertraut. Eines davon bin ich. Meine erste Leidenschaft in Zusammenhang mit dem Velo war schliesslich, Rennen zu fahren, wenn auch nur auf den Gehsteigen, pardon, Trottoirs des Quartiers und mit ordinären Dreigängern. Seither habe ich alle Austragungen von Le Tour verfolgt, menschliche Dramen und übermenschliche Anstrengungen miterlebt (meine Schwester strengte sich enorm an, um die Fernbedienung des TV-Geräts aus meinen Händen zu ringen, damit sie ihre Pferdesendung gucken konnte, welche während der Live-Übertragung einer Tour-Etappe auf einem anderen Kanal lief; sie, sechs Jahre älter, gewann aufgrund ihrer physischen Überlegenheit, was für mich ein Drama war). Vor allem lernte ich dank der Übertragungen auch die französische Landschaft kennen und schätzen. Ausgedehnte Kameraschwenks aus dem Helikopter zeigen jeweils goldene Getreidefelder, endlose Alleen, imposante Kathedralen oder schwindelerregend gewundene Passstrassen. (Auf einer sechsstündigen Flachetappe ist ja auch nicht ständig was los, oder die Protagonisten pinkeln im Treten oder reihenweise am Strassenrand stehend; da muss sich die Regie auch mal mit etwas Fremdenverkehrswerbung behelfen, n’est-ce pas?)

Diese Landschaftsbilder sind der Fairness halber bien sûr jenen Kennern vorbehalten, welche sich die Live-Ausstrahlung antun und nicht nur die Zusammenfassung nach der Tagesschau. Wobei dieses abendliche Résumé inzwischen leider immer öfter weggelassen wird. Der Profiradsport ist in den seriösen Medien nämlich in Verruf geraten, natürlich wegen des grassierenden Dopings. Bei aller Liebe zum und Respekt vor dem Gesetz: Mir ist es eigentlich Wurscht, was die Radarbeiter so alles zu sich nehmen vor dem Rennen. Viele Etappen, besonders die Bergetappen, sind so dermassen spannend, dass es mich nicht so kümmert, ob da nun alles im Rahmen der Vorschriften abläuft. Hauptsache, ich bin gut unterhalten. Wer hat denn jemals aus Baywatch weggezappt, bloss weil die Lebensretterinnen keinen Naturbusen vor sich hertrugen? Thomas Gottschalk war wirklich vor jeder Sendung in der Maske?! Und die Wrestler springen einander gar nicht echt aufs Gesicht, sondern knapp daneben?

Sowas aber auch.

Und als Vorbilder für die Jugend taugen die Radprofis mit ihrer eigenartigen Berufkleidung, dem bizarr kleinen Umfangverhältnis von Bizeps zu Oberschenkel und den in Nahaufnahme gut sichtbaren Sabberfäden sowieso nicht. Genauso wenig übrigens wie irgendwelche anderen Spitzensportler.

Deshalb haben wir hier bei Velopflock keine Hemmungen, folgenden Ratschlag abzugeben: Während der Tour in die französische Provinz fahren, sich in ein Bistro mit TV setzen und zusammen mit den Einheimischen Le Tour gucken. Oder sonst mindestens zu Hause bei einem Glas eisgekühltem Pastis und etwas Baguette mit Jambon. Sich vorher ein wenig mit der Geschichte, insbesondere der Sozialgeschichte der Tour vertraut gemacht zu haben (zum Beispiel mit ausgewählten Episoden von The Bike Show), steigert das Vergnügen enorm. Mehr Sommer geht nicht! (Und im Büro heimlich den Liveticker zu verfolgen geht wegen der fehlenden Landschaftsbilder gar nicht.) Morgens eine Ausfahrt auf dem Velo, ein leichtes Mittagessen. Dann die Etappe geniessen, am besten zusammen mit anderen Connaisseurs oder Connaisseusen, und danach noch zur Abkühlung ins Freibad oder in einen Fluss. Das ist der perfekte Sommertag für einen Fahrradliebhaber. Vorausgesetzt natürlich, er muss keinem Broterwerb nachgehen. Über diesen Fall breiten wir aus schmerzvoller Erfahrung den Mantel der Verdrängung.

Und noch ein zweiter Tipp: Wer Vorurteile gegen das Rennradfahren als solches hat, dem sei dieses Video hier ans Herz gelegt. Und dies nicht, weil es zufällig von der Organisation der Tour de France gemacht wurde, sondern, weil es zeigt, wie schön Rennradfahren sein kann – ganz ohne Rennen, versteht sich.

Und noch ganz zum Schluss: Bitte entschuldigt, dass wir hier ein Thema besprochen haben, das so ganz und gar nichts mit Velos zu tun hat. Wir geloben keine Besserung. Da dürft ihr uns gerne auf die Finger gucken.

Veröffentlicht unter Allgemein, Ausland, Kultur und Gesellschaft, Medien, Sport, Veranstaltungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Ein Kommentar

Ode an gelben Rost

Neulich in meiner EMailbox: «Bike for sale». Das Verkaufsangebot ist eine unglaublich herzerwärmende Schönfärberei. Alleine dafür hätte ich beinahe die geforderten 90 Stutz locker gemacht. Aber schaut selbst

Veröffentlicht unter Allgemein, Medien, Soziales, Technik | Hinterlasse einen Kommentar

Auf die Knie!

Autofahrer müssten vor den Velofahrern dankend auf die Knie fallen: Jeder Velofahrer ist ein Konkurrent weniger im Stau und ein Konkurrent weniger bei der Parkplatzsuche. Radio SRF3 macht den Test aufs Exempel: wie pendelt man am schnellsten in die Stadt? Das Fazit aus dem Vergleich von Citybike vs. Auto (O-Ton SRF3): wer für so eine Strecke das Auto nimmt ist dumm! Aber hört selbst

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar